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Ein Unternehmer versucht, das Dilemma des Glasfaserausbaus zu brechen

Domenika Ahlrichs 08.08.2017

Die Digitale Agenda der Bundesregierung verspricht „schnelles Internet für alle. Überall“. Das klingt gut, hat mit der Realität in Deutschland bisher aber zu wenig zu tun. Vor allem der dringend notwendige Glasfaserausbau stagniert. Das „Warum“ wird klar, wenn man einen fragt, der mit seinem Startup seit einem Dreivierteljahr versucht, diesen Zustand zu ändern.

Rund 37 Prozent der Deutschen haben zwar einen Breitbandanschluss, doch die basieren zumeist auf ADSL und VDSL (77 Prozent) oder Kabel-TV (22 Prozent) – Glasfaseranschlüsse gibt es wenige. Doch gerade die sogenannten Lichtwellenleiter (LWL) bräuchten Bürger dringend, um hohe Internet-Geschwindigkeiten von 100 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) und mehr zu erreichen.

Ein Grund für den schleppenden Breitband-Ausbau: Die großen Telekommunikationsunternehmen verfolgen laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem Fraunhofer-Institut einen „evolutionären Ansatz“, indem sie nur stückweise Glasfaser einsetzen und ansonsten günstigere Technologien verwenden. Ein Kommunalverband warf jüngst sogar vor, die Telekom beschleunige ihr altes Kupfernetz dort, wo Landkreise selbst Glasfaser legten. 

Ein weiterer nicht weniger gewichtiger Grund für den schleppenden Glasfaserausbau: die unübersichtliche Förderstruktur. Kommunen zögern, die bürokratischen Hürden zu nehmen. Und wenn sich eine traut, dann tut sie das für sich allein. So entsteht ein Flickenteppich einzelner Glasfaserinseln in Deutschland.

Das könnte sich jetzt ändern: Das Startup ViaEuropa hat einen ersten kommunalen Partner gefunden, mit dem der Glasfaserausbau neu organisiert werden soll. Dies soll anderen Kommunen als Vorbild dienen und so im Ideallfall in ganz Deutschland die neue Technologie vorantreiben. Seit der Gründung im Herbst 2016 hatte ViaEuropa „nach einer Kommune, die diese Revolution will“ gesucht, wie der Mitgründer und ehemalige Wikileakspartner Daniel Domscheit-Berg es im Gespräch mit WIRED ausdrückt.

Die Revolution, von der Domscheit-Berg spricht, wäre der Wille zur Vernetzung mit anderen

ViaEuropa ist eine Plattform, die Glasfasernetze von Gemeinden mit Unternehmen und Nutzern zusammenbringen soll. Konkret: Das Open-Network-Modell, das ViaEuropa in Deutschland einführen möchte, basiert auf vier Elementen: Eine passive Infrastruktur, die für die Verlegung und Finanzierung von Glasfaser sorgt. Das könnte zum Beispiel eine Stadt sein. Eine aktive Infrastruktur, die sich um Wartung kümmert und das Backend zur Verfügung stellt. Das könnten die Stadtwerke übernehmen. Und dann gibt es noch einen Marktplatz, der die aktive Infrastruktur mit Service-Providern, dem vierten Element, in Verbindung bringt. Kunden können dann zwischen Anbietern wählen und hohe Transparenz sowie Wettbewerb würden gefördert. In Schweden ist ViaEuropa bereits erfolgreich.

Die „Revolution“, von der Domscheit-Berg spricht, wäre der Wille einer Kommune, nicht nur in ein Glasfasernetz zu investieren, sondern sich gleich auch noch mit anderen zu vernetzen. An vielen Orten wird derzeit durchaus gebaut, aber voran geht es insgesamt dennoch nicht. Wer stichprobenartig die Berichterstattung zum Thema Glasfaser in der deutschen Regionalpresse durch schaut, findet dort zahlreiche Schlagzeilen wie „Glasfaserausbau wird zur Posse“ (Westdeutsche Zeitung) oder „Glasfaser-Baustellen: Noch mehr Beschwerden“ (Rheinpost), in denen von Bewohnerprotesten gegen Lärm, Dreck und Straßenblockaden durch die Bauarbeiten berichtet wird. Domscheit-Berg erzählt von einer eigenen Erfahrung fast direkt vor seiner Haustür: Eine Glasfaser-Trasse, die von Rostock nach Berlin führen solle, scheitere derzeit an „Genehmigungen für nur wenige hundert Meter lange Stücke“ immer wieder, auf der gesamten Strecke. „So etwas führt das Ganze ad absurdum“, so Domscheit-Berg.

Unterschiedliche Förderprogramme, manche vom Land, manche vom Bund, und eine „insgesamt jeweils sehr unterschiedliche Ausgangssituation“ erschwerten alles. „Die Überzeugungsarbeit, die wir leisten müssen und die Bretter, die zu bohren sind, sind herausfordernder, als ich mir das persönlich vorgestellt hätte.“ Es sei eine Herausforderung, bei den Kommunen die Lust auf Glasfaser zu wecken. Denn zunächst bedeute es ein Mehr an Engagement (auch finanziell), zahle sich langfristig aber aus. Zumal künftige Nutzer einen deutlichen Vorteil bei aus einer grundsätzlich ausbau-geeigneten digitalen Infrastruktur ziehen würden. Aber: Zu viele gäben sich mit der bisher erreichbaren Bandbreite zufrieden, sagt Domscheit-Berg. Das sei zu kurzfristig gedacht. „Selbst 50 Mbit, die von Minister Dobrindt als Ziel genannt wurden, können bisher ohne Glasfaser erreicht werden“, kritisiert der Unternehmer. Daraus entstehe „eine Infrastruktur, gefördert durch den Bund, die viele Ressourcen verbrennt aber mit Zukunftsfähigkeit überhaupt nichts zu tun hat.“

Eine Kommune scheint das begriffen zu haben. Domscheit-Berg will zwar noch nicht verraten, welche das sei, doch ViaEuropa sei sehr zuversichtlich. Und dann soll nicht mehr nur mal hier mal dort gefrickelt und die Bevölkerung vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Sondern: „Wir werden das Projekt zu 100 Prozent transparent dokumentieren“, kündigt er an. Es werde wie bei dem schwedischen ViaEuropa-Partner „von Anfang an eine Website geben, auf der dieses ganze Projekt öffentlich begleitet wird. Das soll die Blaupause werden, die anderen Kommunen hilft, diesen Ausbau ebenfalls zu wagen“. Wer von dem Glasfaserprojekt betroffen sei, werde „umfassend erfahren, wieso der Ausbau wichtig ist und welche Vorteile er mit sich bringt“.

Diese Vorteile liegen für Domscheit-Berg auf der Hand: Mit Glasfaser kann die Bandbreite fast beliebig nach oben erweitert werden. Es gehe dann nur noch um die Dienste, die hinzugefügt werden. „Da ist man dann ganz schnell bei der Frage, wem dieses Netz gehört und zu welchen Konditionen dort Dienste angeboten werden“, sagt Domscheit-Berg im Gespräch mit WIRED. „Dazu braucht es einen offenen Zugang und transparenten Wettbewerb.“ ViaEuropa will diesen befördern, indem verschiedene Anbieter zur Auswahl stehen.

Jeder Bürger könne bei dem von ViaEuropa begleiteten Prozess seine Emailadresse hinterlegen, um ständig über den Stand der Dinge informiert zu bleiben. „Man darf nicht einfach irgendeinen Konzern angefahren kommen lassen, der anfängt mit allen negativen Begleiterscheinungen umzubauen, ohne dass das Positive daran klargemacht wird.“ Zumal bei einem solchen Vorgehen der Großteil der Rendite bei dem jeweiligen Konzern bleibe. „Das beste Argument neben dem schnelleren Netz ist doch, dass mit unserem schwedischen Modell erhebliche Einnahmen im eigenen Ort bleiben“, erklärt Domscheit-Berg. „Damit kann man zuerst die Investitionen refinanzieren und wenn die abbezahlt sind, bleibt Geld für alles Sonstige, das die Kommune benötigt.“

Wenn man ein klein wenig über die Grenze ins Nachbarland Österreich schielt, sieht man, wie das laufen könnte: In Österreich ist ViaEuropa in der Modellregion nöGIG (niederösterreichische Glasfaser-Infrastruktur-Gesellschaft) mit dabei und gilt dort als „mit Abstand das erfolgreichste Modell“, das dort getestet wird. Domscheit-Berg betont: „In nur acht Wochen haben 40 Prozent der Bürger unterschrieben, dass sie dabei sein wollen.“ Vielleicht ist das eine Erfolgsmeldung, die auch deutsche Kommunen brauchten. 

Willkommen zu den WIRED Story Shots, unseren Denkanstößen zu den wichtigsten Fragen der Digitalisierung. Diesmal geht es um die Digital-Agenda 2017: In diesem Jahr endet sie nach drei Jahren Laufzeit. Aber wie weit ist Deutschland derweil gekommen? WIRED hat fünf Stichproben gemacht.

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