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Warum der Glasfaserausbau in Deutschland nur schleppend vorankommt

Benedikt Plass-Fleßenkämper und Jürgen Kroder 18.05.2017

Mehr Staat, weniger Lobbyisten: So könnte der Ausbau des schnellen Internets in Deutschland vorankommen, glauben viele. Die Realität sieht jedoch anders aus – die Bundesrepublik hinkt im internationalen Vergleich weit hinterher. WIRED sprach mit einem Spezialisten über die Probleme und Herausforderungen des Glasfaser-Ausbaus.

Auf der Kriechspur: Deutschland investiert zu wenig in Glasfaserausbau – so lautet der Titel einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI). Das 84-seitige Papier zeigt die aktuelle Lage auf: Während viele europäische Länder ihre Bürger mit schnellem Internet versorgen können, hinkt Deutschland dabei deutlich hinterher.

Rund 37 Prozent der Deutschen haben zwar einen Breitbandanschluss, doch der größte Teil der Anschlüsse basiert auf ADSL und VDSL (77 Prozent) oder Kabel-TV (22 Prozent) – Glasfaseranschlüsse gibt es fast keine. Doch gerade die sogenannten Lichtwellenleiter (LWL) werden benötigt, um hohe Internet-Geschwindigkeiten von 100 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) und mehr zu erreichen. „Betrachtet man die Verfügbarkeit glasfasergestützter Anschlüsse (Fiber to the Property, FTTP), so zeigt sich in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern eine gravierende Unterversorgung“, heißt es in der Bertelsmann-Studie. Bei den Glasfaseranschlüssen befinde sich Deutschland in allen Statistiken in der Gruppe der am schlechtesten versorgten Länder in Europa.

Bei Glasfaseranschlüssen in ländlichen Gebieten gehört Deutschland im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern

Ein Grund für den schleppenden Breitband-Ausbau: große Telekommunikationsunternehmen wie Vodafone und die Telekom. Sie verfolgen laut der Studie einen „evolutionären Ansatz“, indem sie nur stückweise Glasfaser einsetzen und ansonsten günstigere Technologien verwenden. Um den Ausbau des Highspeed-Internets voranzubringen, hat sich die Politik eingeschaltet: Der Bundesminister für digitale Infrastruktur, Alexander Dobrindt, legte im vergangenen Jahr seinen Fahrplan für die „Gigabit-Gesellschaft“ vor. Der CSU-Politikers, der auch für den Netzausbau zuständig ist, will bis Ende 2018 jedem deutschen Bürger einen Anschluss mit mindestens 50 Mbit/s zur Verfügung stellen.

Das klingt erst einmal gut, ist aber nur ein halbherziger Kompromiss. „Da 50 Mbit/s im Idealfall auch mit VDSL-Vectoring erreicht werden können, müssen die Netzbetreiber nicht vorrangig in Glasfasernetze investieren“, führt die Bertelsmann Stiftung in ihrer Zusammenfassung der Studie aus. „Sie können bestehende Kupferleitungen weiter nutzen und müssen nur die Zuführungsstrecken aufrüsten.“ Somit wird der Ausbau des wichtigen Glasfasernetzes in Deutschland voraussichtlich weiter stocken.

Pierre Gronau

Wird für die Gigabit-Gesellschaft aber überhaupt Glasfaser benötigt? Sind andere Technologien vielleicht günstiger und technisch einfacher zu realisieren? Und was muss passieren, damit der Breitbandausbau in Deutschland endlich vorankommt? WIRED hat über diese und weitere Fragen mit Pierre Gronau gesprochen, der sich mit seiner Consulting-Firma um Infrastrukturprojekte kümmert.

WIRED: Herr Gronau, warum kommt der Glasfaserausbau in Deutschland so schleppend voran?
Pierre Gronau: Kurz gesagt: Es gibt von der deutschen Politik unzureichende Vorgaben und zu viel Raum für Lobbyarbeit.

WIRED: Liegt das Problem also nicht allein an der Deutschen Telekom, die ja bei diesem Thema gerne als Buhmann herhalten muss?
Gronau: Na ja, mittels Vectoring will die Telekom an ihrem Monopol in Teilen weiter festhalten. Das kann man ihr eigentlich nicht vorwerfen.

WIRED: Ist Vectoring also keine gute Lösung?
Gronau: Das Vectoring stellt leider die Zementierung vom Monopolen und eine Entschleunigung auf Kosten unserer Zukunft dar.

WIRED: Welche Mängel gibt es beim Breitband-Ausbau in Deutschland noch?
Gronau: Meiner Meinung nach sollte die Vorgabe mindestens bei 250 Mbit/s, wenn nicht sogar höher liegen. Das pusht fast zwingend Glasfaser, WLAN und 5G. Oder anders formuliert: Wenn eine dreiköpfige Familie gleichzeitig drei Videostreaming-Dienste mit 4K nutzen will, sind die 50 Mbit/s schlichtweg unzureichend.

Wenn eine Familie gleichzeitig drei Videostreams mit 4K nutzen will, sind 50 Mbit/s schlichtweg unzureichend

Pierre Gronau

WIRED: LTE statt Glasfaser-Ausbau – was halten Sie von dieser Idee?
Gronau: LTE löst das Bandbreitenproblem nicht. Daher ist aus meiner Sicht eine Mischung aus Lichtwellenleiter beziehungsweise Glasfaser mit WLAN und LTE-Advanced beziehungsweise 5G für die Zeit nach 2020 der richtige Ansatz.

WIRED: Welche Vorteile hat Glasfaser noch?
Gronau: Dank der Farbspektrumserweiterung wurde in der Vergangenheit die Bandbreite auf den Glasfaser-Leitungen alle fünf Jahre verdreifacht – und das ohne das Aufgraben von Straßen.

WIRED: Was machen andere Länder besser als wir?
Gronau: Estland, Schweden und andere Länder sehen den Ausbau als Gesellschaftsaufgabe mit klaren Vorgaben für sich und die Industrie an.

WIRED: Was kann Deutschland daraus lernen?
Gronau: Beispielswiese sollten die kommunalen Energieversorger für das Lichtwellenkabel zuständig sein, so wie das bei Strom und Wasser der Fall ist. Und die Industrie kümmert sich dann um die Anbindung.

Estland zeigt, wie man den Breitbandausbau mit einer Mischung aus staatlicher und privater Finanzierung voranbringt

WIRED: Woher soll das Geld für den Ausbau kommen?
Gronau: Am Ende kommt das Geld natürlich vom Verbraucher. Dass man für die Initialphase – wie jetzt auch – über Investitionszuschüsse ländliche Gegenden unterstützt, ist denkbar. Sie sind aber ein Interessenausgleich und sollten die Zukunft nicht verhindern. Schlussendlich ist der Ausbau des schnellen Internets eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, wenn wir unsere Rolle als einer der führenden Industriestaaten behalten wollen.

WIRED: Sie würden den Glasfaserausbau also verstaatlichen?
Gronau: Wie gesagt, ich rege an, den Glasfaserausbau wie Wasser und Strom zu betrachten. Geeignete Träger sind vorhanden und werden auch teilweise schon erfolgreich umgesetzt. Eine Verstaatlichung sollte nicht angestrebt werden. Eine Quasi-Monopolisierung auf zwei oder drei Anbieter gilt es auf jeden Fall zu unterbinden.

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