CrimeWatch / Der Messenger-Boom lässt Ermittler oft im Dunkeln tappen

Sonja Peteranderl 05.11.2015 Lesezeit 3 Min

Ermittler sehen die Beliebtheit von Messenger-Apps als Problem — weil auch Kriminelle und Terroristen mit ihnen verdeckt kommunizieren können. Jetzt werden neue Ermittlungsansätze gesucht.

Ein bisschen mehr Privatsphäre: Verschlüsselung wird seit Edward Snowdens Enthüllungen der globalen Massenüberwachung schrittweise immer nutzerfreundlicher. Tech-Firmen arbeiten daran, mehr oder minder sichere Verschlüsselung „by default“ in ihre Angebote zu integrieren, so dass Nutzer automatisch geschützter kommunizieren können. Die Firma Open Whisper Systems hat Anfang der Woche aus zwei Apps eine gemacht und eine neue Android-Software gelauncht: Signal integriert jetzt die Funktionen der beiden bisherigen Anwendungen Redphone (für verschlüsseltes Telefonieren) und des Krypto-Messengers TextSecure.

Aus Polizeiperspektive sind Messenger-Dienste wie Signal, Threema, Surespot, Wickr oder WhatsApp eine Herausforderung. Ihre dezentrale Kommunikation lässt sich nicht so leicht überwachen wie etwa die in sozialen Netzwerken, vor allem wenn die Daten gut verschlüsselt sind. Inhalte werden oft nicht oder nur teilweise auf den Unternehmensservern gespeichert. Doch was die Privatsphäre und die Daten der Nutzer schützt, sehen Ermittler als Problem: Verdächtige verschwinden so leichter vom Radar, befürchten Geheimdienste und Polizeibehörden.

„Geheim-Messenger-Anwendungen heizen den ‚Going Dark‘-Trend an“, warnt ein neuer interner Bericht des staatlichen kriminologischen Forschungszentrums Wisconsin Statewide Information Center, den das Onlineportal The Intercept jetzt veröffentlicht hat. „Der Zugang zu Daten, die über diese Plattformen kommuniziert werden, wird zunehmend schwieriger.“ In dem Bericht werden verschiedene Messenger-Apps, deren Nutzung durch Kriminelle und Zugriffsmöglichkeiten für die Behörden analysiert.

Gangs und Drogenkartelle setzen ebenso auf Messenger wie Terrorgruppen. Den meisten IS-Anhängern ist mittlerweile bewusst, dass ihre Accounts in sozialen Netzwerken wie Twitter beobachtet und ausgewertet werden, auch die Sperrungen von Konten und Verhaftungen haben dazu geführt, dass viele nun auf Messenger-Apps ausweichen.

In sozialen Netzwerken und Foren diskutieren IS-Sympathisanten immer wieder darüber, welche Kommunikationskanäle sicher sind. „Nutzt nicht den Kik-Messenger, wenn ihr euch über vertrauliches Jihadi-Zeug austauscht”, zitiert der Behördenbericht etwa einen IS-Twitter-Follower. Auch Gangs aus den USA und mexikanische Drogenkartelle haben Messenger-Apps für sich entdeckt. „Die mexikanischen Drogenhändler, die immer die neuesten Tech-Trends adaptieren, um den Behörden zu entgehen, haben WhatsApp als neue Kommunikationsform adaptiert“, meldete die mexikanische Zeitung El Siglo de Torreón im vergangenen Jahr.

Rafael Caro Quintero, Gründer des Guadalajara-Kartells, soll den mexikanischen Behörden zufolge 2014 per WhatsApp eine Videonachricht an Nemesio Oseguera Cervantes vom Kartell Jalisco Nueva Generación geschickt haben. Technisch versiertere Kartellmitglieder setzen normalerweise für vertrauliche Gespräche auf sicherere Lösungen als WhatsApp. Silent Circle war einem Behördenbericht zufolge die App, mit der Drogen-Gangs in Städten wie Atlanta, Dallas, Denver, Philadelphia und San Francisco untereinander und mit ihren Kunden in Kontakt blieben.

In dem Bericht des Wisconsin Statewide Informationen Center werden auch Zugriffsmöglichkeiten auf Messenger-Beweismaterial diskutiert. Zum Teil sind die Botschaften viel weniger klandestin als den Nutzern suggeriert wird, etwa bei Telegram: „Forensische Untersuchungen werden wahrscheinlich geheime Chats und jede gelöschte Nachricht wieder herstellen.“ Die Transparenz von Unternehmen den Kunden gegenüber stellt für Ermittler ein Problem dar — wenn die Firmen Nutzer über Anfragen von Ermittlungsbehörden informieren.

Normalerweise folgen bei Diskussionen um den „Going Dark“-Trend von Behördenseite oft Forderungen nach Backdoors, die es den Ermittlern ermöglichen, Verschlüsselung zu umgehen. Die Forderung ist umstritten, weil sie auch Kriminellen nutzt — wie das Beispiel der italienischen IT-Firma Hacking Team zeigt, die unter anderem für Geheimdienste Spionagetools entwickelt. Auf WikiLeaks veröffentlichte, interne E-Mails der Firma offenbaren, wie Geheimdienste den Handel mit Exploits, Schwachstellen, befördern und zwielichtige Akteure von der staatlichen Nachfrage nach Backdoors profitieren.

Der Bericht des Wisconsin Statewide Informationen Center zieht ein anderes Fazit: Mensch statt Maschine zur Überwachung von Verdächtigen einzusetzen. „Wenn ein Verdächtiger verdeckte Messenger benutzt, könnte das Entscheidungen ermöglichen, alternative Ermittlungstechniken wie Informanten oder Undercover-Operationen einzusetzen.“