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Dieser Blockchain-Wald forstet sich selbst auf!

Sofie Czilwik 29.09.2017 Lesezeit 4 Min

Geht Technologie und Natur zusammen? Ein Berliner Forscherteam versucht herauszufinden, ob ein Wald sich über eine Blockchain selbst verwalten kann.

Die Deutschen und der Wald – das ist eine besondere Beziehung, die bald durch den Computer gejagt wird. Zahlreiche Märchen und Sagen ranken sich um den undurchdringbaren Forst: Hensel und Gretel werden dort ausgesetzt, es ist das Zuhause des Drachen im Nibelungenlied. In der Romantik wurde der Wald zum Nationalsymbol hochstilisiert. Später diente er als Vorlage für die Nazis, die den ewigen Wald für ihre rassistische Blut-und-Boden-Ideologie missbrauchten. In den 80er-Jahren brach kurzzeitig die Waldhysterie aus („Er stirbt!"), mittlerweile wächst er wieder Jahr für Jahr und ist heute beliebtes Naherholungsziel für Großstadtgestresste.

Nur, all das kostet den Staat Millionen. Es braucht Förstner, eine aufwendige Organisation und Naturschutz. Eine Belastung für Menschen und Umwelt – aber einige Forscher könnten einen neuen Weg gefunden haben. Wissenschaftler des Forschungszentrums Informatik (FZI) in Berlin und des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt und Energie versuchen gerade herauszufinden, inwieweit sich die Blockchain in den Wald pflanzen lässt.

„In der Wirtschaftsinformatik ist die Blockchain seit einiger Zeit ein Hype-Thema, aber im Wald gibt es sie meines Wissens nicht“, sagt Thomas Wagenknecht vom FZI. Die nächsten drei Jahre will sein Forscherteam deshalb eine der spektakulären Code-Ketten entwickeln, die Daten in einem Waldstück sammelt, auswertet und sich selbst organisiert.

Über Sensoren sollen bestimmte Informationen in die Blockchain eingespeist werden, unter anderem wieviel Sonne ein Baum abbekommt, wie schnell er wächst und ob Schädlinge ihn befallen haben. Basierend auf diesen Daten könnte die Blockchain dann selbst darüber entscheiden, was mit dem Baum passiert: Braucht er Pflege oder soll er lieber gefällt werden?

Das Projekt entstand an der Universität der Künste in Berlin. Drei Kunststudenten, Paul Seidler, Paul Kolling und Max Hampshire, hatten die Idee, das Eigentum an einem Stück Land auf das Grundstück selbst zu übertragen – mit Hilfe von sogenannten Smart Contracts. Das sind Verträge, die in der Blockchain möglich sind. Grob funktionieren sie wie eine Gleichung: Tritt X ein, passiert automatisch Y. Dadurch werden Mittelsleute, in diesem Fall etwa Förster oder Planer, gänzlich überflüssig. Das System organisiert sich selbst. Terra0 haben sie das Projekt genannt. Null, wie der Beginn einer neuen Zeitrechnung.

„Wir möchten untersuchen, wie sich Ökosysteme selbst verwalten und auch selbst besitzen können. Und zwar im Hinblick auf rechtliche, technische und ökonomische Fragen“, sagt Paul Kolling. „Der Wald als Ökosystem ist dafür gut geeignet. Aus ökonomischer Perspektive ist die Holzwirtschaft ein vergleichsweise simples System.“

Seidler, Kolling und Hampshire haben bereits Anforderungen für Smart Contracts programmiert, nach denen das Projekt funktionieren könnte. Die Technologie generiert Wald-Token (sozusagen Aktien am Wald), die dann später vom Smart Contract gegen die Kryptowährung Ether eingetauscht werden. Solange, bis der Wald sich zurückgekauft hat und sein eigener Besitzer ist. Später werden dann sogenannte Wood-Tokens vergeben, also eine bestimmte Menge Holz, das gegen Ether eingetauscht werden kann.

Mit welchen Smart Contracts das FZI-Projekts arbeiten wird, steht noch nicht fest. Workshop-Teilnehmerinnen sollen sie erst noch erarbeiten. „Wir schaffen zwar eine automatisierte Technologie, nach welchen Gesetzmäßigkeiten diese aber funktioniert, liegt immer noch bei den Menschen,“ sagt Wagenknecht. „Mit dem Partizipationsprozess wollen wir das Interesse an der Ressource Wald stärken. Eine Blockchain schafft Transparenz.“ Je nachdem, welche Informationen in die Blockchain einfließen, könnte man letztendlich nachvollziehen, was mit dem Holz aus dem Wald in der Nähe passiert – ob es zu einem Möbelstück verarbeitet wird oder zu Papier.

Das Ziel des Forschungsprojekts geht über die Entwicklung einer neuen Blockchain-Technologie hinaus. Wagenknecht und Co. wollen, dass Bürger die Blockchain verstehen und als zukunftsweisende Technologie akzeptieren. Bei der großen Wald-Faszination der Deutschen könnte das vielleicht gelingen. Schließlich setzen sie auf den Mythos Wald doch nur noch den Mythos Technologie drauf.