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Das AirQuadOne soll mit bis zu 80 km/h fliegen können

Jack Stewart 19.06.2017

Ein Gehäuse aus glänzendem weißen Plastik, der Mensch am Steuer im Spandexanzug: Das AirQuadOne bedient alle Klischees des futuristischen Fluggeräts. Aber seine Macher meinen es ernst.

Die große internationale Luftfahrtausstellung Paris Air Show ist eine Art Familientreffen der Branche. Alle zwei Jahre scharen sich dort die großen und kleinen Vertreter der Luftfahrtwelt um die neuesten Konzepte, man bewundert Privatjets und schließt Deals über Verteidigungsdrohnen ab. Airbus und Boeing werden sich die Köpfe heiß reden über Verkaufszahlen, während über genau diesen Köpfen Flieger ihre waghalsigen Kunsstücke demonstieren – zum Beispiel im US-Kampfjet F-35, der dort erstmals öffentlich zu sehen ist. 

Und weil irgendwann in den vergangenen Monaten alle beschlossen haben, dass sie personalisiserte Flugzeuge wollen, wird es in Paris auch fliegende Autos geben.

Neva Aerospace zum Beispiel hat eines davon zu bieten. Das in Großbritannien ansässige Konsortium aus fünf europäischen Unternehmen konzentriert sich derzeit auf alle Arten von elektronisch angetriebenen Fluggeräten, von Drohnen bis hin zu Plattformen für flugfähige Roboter. 

Jetzt will Neva Aerospace ein Passagierfahrzeug bauen. Das AirQuadOne ist derzeit nur ein Konzept. Aber allein schon sein Äußeres macht es zu einem Flugmobil der Zukunft: Es besteht aus glänzendem weißem Plastik, und der Fahrer trägt einen Spandexanzug.

Futuristisch designt: Das AirQuadOne

Klischee pur. Doch dieses Konzept kommt erfrischend realitätsnah daher. Das Flugzeug fliegt mit vier elektrischen Turbinen, die die Konsortialmitglieder bereits in anderen Fahrzeugen wie Drohnen bewiesen haben. Es soll zwischen 400 und 500 Kilo wiegen, einschließlich 150 Kilo für die Batterien und 100 für den Piloten und seinen recht speziellen lilafarbenen Anzug.

Eine Flugzeit von 30 Minuten bei 80 Kilometer pro Stunde sei machbar, sagt ein Sprecher von Neva Aerospace. Die 40-Kilometer-Reichweite sollte genügen, um von einer Seite einer verstopften Stadt zur anderen zu gelangen. Das AirQuadOne wird vertikal abheben und landen, und man wird es wie ein elektrisches Auto aufladen. Langfristig könnte Neva einen kleinen Motor hinzufügen, um einen Generator zu betreiben und die Reichweite zu steigern. Das bedeute aber auch mehr Benzinverbrauch und mehr Gewicht. Und Gewicht gilt als der Feind, wenn es um elektrisch angetriebene Fluggeräte geht.

Das AirQuadOne ist das Neueste in einer langen Reihe von „fliegenden Auto“-Konzepten, die plötzlich von globalen Firmen mit großen Namen ernst genommen werden. Airbus will den Fluggast bald ohne Piloten in seinem Flugzeug Vahana transportieren. Das von Google-Gründer Larry Page finanzierte Startup Kitty Hawk arbeitet an dem Flyer, einer Art Drohne mit Sitz. Uber will in nur drei Jahren fliegende Autos in Dubai (wo sonst?) starten.

Und diese Unternehmen leiden nicht unter kollektivem Wahnsinn. Sie halten ihre Pläne für umsetzbar vor allem, weil Fortschritte in der Batterietechnologie bedeuten, dass mehr Energie in kleinere, leichtere Pakete gesteckt werden kann. Neue Materialien geben Designern zu dem die Möglichkeit, sich leichte, aber unglaublich starke Strukturen auszumalen und sie dann aus Verbundwerkstoffen zusammenbauen.

Das heißt aber nicht, dass alle Entwürfe, von denen jetzt die Rede ist, auch in die Tat umgesetzt werden. In Deutschland schlägt Lilium zum Beispiel ein Fünf-Passagier-Flugzeug mit einer fast 320-Kilometer-Reichweite und einer verrückten Höchstgeschwindigkeit von 300 kmh vor. Das ist viel ehrgeiziger als Nevas Plan – aber deutlich weiter weg von der Möglichkeit, je umgesetzt zu werden.

Der echte Stolperstein für selbst die realistischeren Entwürfe sind die behördlichen Auflagen. Neva sagt, dass es mit amerikanischen und europäischen Regulierungsbehörden arbeitet, um sicherzustellen, dass es mit den bestehenden Regeln übereinstimmt. Aber das könnte nicht ausreichend sein. Dieses und andere fliegende Autos werden wahrscheinlich völlig neue Standards benötigen. Die Bundesluftfahrtbehörde der Vereinigten Staaten (FAA) hat signalisiert, dass sie bereit ist, daran zu arbeiten, aber der Prozess wird Jahre dauern.

Wann und ob das alles irgendwann in Einklang zu bringen ist, ist unklar, klar ist jedoch, dass diejenigen, die solche Flugobjekte bauen wollen, herausfinden müssen, wie sie sich letztlich dann auch rechnen. Es gibt die Idee privater Flugmaschinen, die Pendler zur Arbeit bringen – und potenzielle weitere Einsatzmöglichkeiten könnten Strafverfolgungspatrouillen sein, Feuer- und Rettungsdienste, um zu entlegenen Gebieten zu gelangen, Arbeiter von Ölbohrinseln oder Landwirte, die die Fluggeräte nutzen, um ihre Felder zu kontrollieren. Und dann sind da noch all die Einsatzmöglichkeiten, an die keiner von uns bisher denkt, weil sie erst mit der Existenz der fliegenden Autos überhaupt entstehen.

Luftfahrtexperten schätzen, dass es noch fünf Jahre dauern wird, bis fliegende Autos für echte Einsätze entwickelt sind. Gerade genug Zeit, um sich für den eigenen öffentlichen Auftritt im Spandex-Anzug vorzubereiten. 

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
Das Original lest ihr hier.

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