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„Die Menschen wollen künftig mitten im Bild stehen“

Bernd Skischally 19.01.2016

Virtual-Reality-Brille im Gesicht, Robot-Arm als Prothese, optimierende Tracker überall: Die Ergänzung des menschlichen Körpers durch Hightech avanciert zum selbstverständlichen Fotomotiv. Doch wie halten Fotografen mit den technischen Entwicklungen Schritt? Wie verändert sich die Bildsprache? WIRED hat dazu Paul Foster vom Creative Research Team der Fotoagentur Getty Images befragt. „Extended Human“ heißt entsprechend ein aktuell von ihnen identifizierter Bildtrend.

WIRED: Sie werten für Getty Images visuelle Zukunftstrends aus und veröffentlichen mit dem Bericht „Creative in Focus“ eine Art Briefing für Fotografen. Wie kann man sich den Prozess dieser Arbeit vorstellen?
Paul Foster: Mein Team sitzt in London, New York und Tokio, und wir versuchen herauszufinden, welche Bildsprache für unsere User und die Gesellschaft in ein paar Jahren von Relevanz sein wird. Die meisten Online-Bibliotheken analysieren, was die Top-Seller sind und nach welcher Art von Fotos vor allem gesucht wird. Wir beschäftigen darüber hinaus noch Leute mit den entsprechenden Skills, um bei den über 18 Millionen Bildern, die jährlich bei Getty Images hochgeladen werden, Trends möglichst genau vorhersagen zu können. Im besten Fall wissen wir schon, welche Downloads die Leute benötigen, bevor sie überhaupt nach etwas Bestimmten suchen. Manchmal ergeben sich Trends auch überdeutlich aus der Anzahl der Suchanfragen zu einem bestimmten Thema. Nehmen wir Wearable Tech: Da sind die Suchanfragen 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 11.700 Prozent angestiegen.

Ein meditierender Mönch, dessen Gehirnströme mithilfe von EEG-Sensoren gemessen werden.

WIRED: Bei vielen Wearables fragt man sich aber schon, ob das Zukunftspotenzial nicht überbewertet ist. Das Thema ist medial zwar sehr präsent, auf der Straße sieht man jedoch noch wenig Wearables an den Handgelenken.
Foster: Das stimmt. Ob sich eine Technik wirklich langfristig im großen Stil durchsetzt, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Selbst wenn es einen Riesenhype gibt lässt sich ein langfristiger Erfolg nie hundertprozentig vorhersagen. Vor ein paar Jahren hatten wir etwa eine sehr große Nachfrage zum Thema 3D-Fernsehen. Das hat inzwischen wieder deutlich nachgelassen.

Ein Robotik-Team beim Zusammenbau eines Prototypen.

WIRED: Aktuelle Tech-Themen wie Wearables, Robotik und Künstliche Intelligenz werden im Trend Report für 2016 als „Extended Human“ zusammengefasst. Dabei werfen Sie die Frage auf, was Menschsein überhaupt noch bedeutet, wenn immer mehr Technik als direkte Erweiterung unserer Körper zum Einsatz kommt.
Foster: Technik ergänzt und optimiert uns schon immer. Gerade beschäftigen sich aber immer mehr Menschen und auch unsere Fotografen damit, wie weit man mit der Verschmelzung von Mensch und Technik gehen sollte und wie dieses Zusammenspiel unser Menschsein völlig neu definieren wird. Es ist fast zehn Jahre her, da hatten wir in unserem Trend Report schon einmal das Thema „Organo Tech“ aufgenommen. Das ging in eine ähnliche Richtung. Heute sind wir dank neuer mobiler Alltags-Devices, die dafür sorgen, dass Babys, bevor sie Laufen können über Touch-Screens wischen, und tatsächlicher Cyborg-High-Tech, die sich in unseren Körper integrieren lässt, schon sehr viel fortgeschrittener. Sicher ist auch, dass 360-Grad-Fotografie und Virtual Reality künftig einen erheblichen Einfluss auf den Content haben. Ganz einfach, weil unsere Konsumenten das nachfragen werden.

Dieses Bild finden User von Getty Images, wenn sie nach „Human Cyborg“ suchen.

WIRED: Wie gut sind professionelle Fotografen auf diese Entwicklung vorbereitet? Nicht nur das Equipment, auch die Bildsprache wird sich durch Virtual-Reality-Technik doch erheblich verändern.
Paul Foster: Wir und viele unserer Fotografen experimentieren aktuell in verschiedenen Bereichen mit Equipment und Software rund um das Thema Virtual Reality. Allerdings sind wir uns alle noch nicht sicher, was tatsächlich nachgefragt werden wird, wenn sich VR-Brillen erst einmal verbreitet haben. Momentan sind wir in einer Übergangsphase: Die Art und Weise wie wir Erfahrungen festhalten und vor allem nacherleben wollen, ändert sich derzeit von zweidimensionalen Fotos und Videos hin zu dreidimensionalen Aufnahmen, in die man eintauchen kann. Die Menschen wollen künftig mittendrin im Bild stehen. Wir fassen das zusammen als „try before you buy“. Das bedeutet, dass man über dreidimensionale Aufnahmen Orte virtuell begehen kann, bevor man tatsächlich dort ist. Eine großartige Website dazu hat der Outdoor-Hersteller Mammut kürzlich gestartet. Dort wird man, mit und ohne VR-Brille, Teil einer Bergbesteigung. Auch das im Trendreport gezeigte Foto mit dem Baby, das eine VR-Brille trägt, bringt das, was da auf uns zukommt, sehr gut rüber.

Willkommen in der Matrix: Eine digital-surreal anmutende Szene an einem Flughafen.

WIRED: Glauben Sie, dass Sie sich in naher Zukunft selbst als Extended Human bezeichnen werden?
Paul Foster: Ehrlich gesagt habe ich persönlich wenig Motivation, ein Cyborg zu werden. Virtual Reality hingegen ist ja nur eine Erweiterung der Erweiterung. Denn Fotografie war immer schon eine Art technische Erweiterung von Funktionen des menschlichen Körpers. Da bin ich gerne dabei. Und das macht macht mich dann schon zum Extendend Human. 

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