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Warum Elon Musks Tunnelbau-Projekt wie Stuttgart 21 enden könnte

Benedikt Plass-Fleßenkämper 03.05.2017 Lesezeit 6 Min

Elon Musk will amerikanische Großstädte untertunneln. Sein Ziel: ein neuartiges Transportsystem für Autofahrer. Ein sinnvolles Vorhaben oder nur die nächste verrückte Vision des hyperaktiven Seriengründers? WIRED hat den Tunnelbau-Experten Manfred König gefragt.

Elon Musk will mit seinem Raumfahrt-Startup SpaceX den Mars besiedeln, mit Neuralink Menschen zu Cyborgs machen, mit dem Hyperloop den Zug der Zukunft bauen und mit Tesla bis 2018 vollständig autonome Elektroautos umsetzen. Mit seinem jüngsten Unternehmen The Boring Company zieht es den visionären Seriengründer nun unter die die Erde: Musk will Tunnel graben. Sie sollen ein unterirdisches Netz bilden, das eine Mischung aus U-Bahn und Autozug möglich macht.


Wie das aussehen könnte, zeigt The Boring Company in einem Video: Ein Auto (natürlich ein Tesla) fährt in einer Parkbucht auf einen Unterbau mit vier Rädern, der über einen Aufzug in einen Tunnel gelangt. Dort wird die Vorrichtung zu einer Art Schlitten, der eigenständig beschleunigt, die Spur hält und sich mit bis zu 200 Kilometer pro Stunde hinter anderen Schlitten einreiht. Am Ende der Fahrt bringt ein weiterer Aufzug das Gespann wieder an die Oberfläche, wo das Auto mit seinen Insassen weiterfährt.

Städte zu untertunneln, um so die Staus auf den Straßen zu umgehen – das ist nicht nur eine fixe Idee von Elon Musk. Der PayPal-, Tesla-, SpaceX-, Hyperloop-One- und Boring-Company-Gründer meint es offenbar sehr ernst damit und hat schon erste Bohrungen durchgeführt – auf einem Parkplatz gegenüber des SpaceX-Hauptquartiers in Hawthorne, Los Angeles.

Doch ist Musks Vision dieses Mal vielleicht zu abgedreht? Kann er dieses kühne Projekt tatsächlich verwirklichen? WIRED hat den Tunnelbau-Experten Manfred König gefragt, der das Fachmagazin GeoResources herausgibt.

WIRED: Ist Elon Musks neues Konzept visionär oder völlig unrealistisch?
Manfred König: Elon Musks Ideen sind immer wieder revolutionär, und man sollte sich hüten, sie grundsätzlich im Vorfeld zu verurteilen. Somit ist die Tunnelbau-Idee auf den ersten Blick sexy, aber man muss eine Faktenbetrachtung machen.


Manfred König kennt sich als Diplom-Ingenieur mit Tunnelbau aus

WIRED: Was bedeutet das?
König: Eine Reihe von Faktoren sind technisch interessant in der Umsetzung. Zum Beispiel die Baustellenlogistik, also die Umsetzung vieler einzelner Bauvorhaben wie der Versorgung der Baustelle und der Entsorgung des Aushubs in verschiedenen Ebenen. Unter Ballungsräumen gibt es im Regelfall wenig Platz, deshalb sind U-Bahn-Baustellen in der Regel immer eine logistische Herausforderung.

WIRED: Was muss Musk noch beachten?
König: Den Brandschutz. Denn zusätzlich zu den vielen Tunnelbauwerken werden Fluchttunnel, Löscheinrichtungen und Personal für den Notfall benötigt. Und die Führung der Benutzer durch den „Schweizer Käse“ hindurch ist sicherlich eine logistische Herausforderung.

WIRED: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen für The Boring Company?
König: Eine der größten Herausforderungen wird die Geologie sein. Jeder Tunnelmeter unterliegt der alten Regel: Vor der Hacke ist es düster. Die Erkundungskosten im Vorfeld dürften immense Beträge erfordern, und dennoch wird man immer wieder mit Wassereinbrüchen, Hohlräumen oder Senkungen der Tagesoberfläche rechnen müssen. Man bedenke, wie groß die Anstrengungen der Experten sind, das Anhydrit-Gestein bei Stuttgart 21 erfolgreich zu kontrollieren. Ein Projekt unter einem Ballungsraum würde die Risiken eines einzelnen Tunnels vervielfältigen.

WIRED: Elon Musks Tunnelbau-Vision könnte also wie Stuttgart 21 enden?
König: Das ist sicher davon abhängig, wo auf der Welt gebaut wird.


Bedenklich ist, dass zusätzlich zum Gewicht des Fahrzeugs auch noch der Schlitten beschleunigt werden muss

Manfred König, Tunnelbau-Experte

WIRED: Wie würde sich das Projekt im dichten deutschen Regularien-Dschungel schlagen?
König: In Deutschland hätten wir in jedem Fall mit einer Art Stuttgart 21 zu rechnen. S21 wird aber zurzeit dennoch umgesetzt. Die Auflagen werden hier für Sicherheit sorgen – womit ich aber nicht sagen möchte, dass es mit weniger Auflagen nicht auch möglich gewesen wäre.

WIRED: Was ist mit den Kosten?
König: Die Kosten für einen Tunnelkilometer betragen bis zu 50 Millionen Euro. Sie sind aber sehr stark von den Bedingungen des Untergrunds abhängig.

WIRED: Kann man in einem Tunnel Autos beziehungsweise Schlitten wirklich auf bis zu 200 Kilometer pro Stunde beschleunigen?
König: Technisch ist vieles umsetzbar. Doch höhere Geschwindigkeiten bedingen aus strömungstechnischen Gründen in der Regel auch größere Tunnelquerschnitte. Hohe Geschwindigkeiten bedeuten einen höheren Energieeinsatz und lohnen sich nur bei großen Entfernungen. Damit werden lange Tunnel benötigt, was einen immensen Aushub bedeutet. Bedenklich erscheint mir zudem, dass zusätzlich zum Gewicht des Fahrzeugs auch noch der Schlitten beschleunigt werden muss.


WIRED: Musk möchte ja unter anderem in Kalifornien bauen, das für seine Erdbeben bekannt ist. Keine gute Idee, oder?
König: Tunnel sind wie Hochbauten nicht erdbebensicher zu bauen. Es ist immer eine Frage der Stärke des Bebens und der Eintrittswahrscheinlichkeit. Wohl ist bekannt, dass Tunnel in der Regel weniger durch Erdbeben beeinflusst werden als Hochbauten. Entscheidend ist aber jeweils auch der Untergrund: Ist dieser weich und elastisch oder eher hart und spröde? Sind geologische Störungen vorhanden, kann es sogar ganz problematisch werden. Die Streckenführung ist sicherlich darauf auszurichten.


Eine Verbesserung des Individualverkehrs sehe ich eher im oberirdischen 3D-Verkehr, also mithilfe von Fluggeräten

Manfred König, Tunnelbau-Experte

WIRED: Wäre ein solches Projekt etwas, was man Ihrer Meinung nach auch in Deutschland umsetzen sollte?
König: Der richtige Einsatzort und ein geeigneter Untergrund könnte für eine sinnvolle Umsetzung des Konzepts von Elon Musk interessant sein. Ein flächendeckender Einsatz ist aber aus meiner Sicht nicht zielführend.

WIRED: Warum?
König: Ein Konzept wie das der Boring Company zielt meines Erachtens auf die Befriedigung möglichst vieler Einzelbedürfnisse ab. Das verursacht einen hohen logistischen Aufwand durch eine Vielzahl von Tunneln mit entsprechenden Schnittstellen, Ein- und Auslässen, Richtungsvarianten und so weiter. Das erhöht unnötig die Risikowahrscheinlichkeit durch Folgeschäden und den Unterhaltungsaufwand.

Meanwhile in the front yard at #spacex ... #theboringcompany is preparing to #tunnel to...?

Ein Beitrag geteilt von Kevin Krakauer (@shockdiamonds) am 27. Apr 2017 um 9:29 Uhr


WIRED: Sehen Sie auch positive Aspekte in dem Konzept von Elon Musk?
König: Tunnel unter Ballungsräumen sind sehr gut geeignet, oberirdische Bereiche vom Verkehr zu entlasten. S21 ist ein gutes Beispiel. Ein Ost-West-Tunnel unter dem Ruhrgebiet oder zur Entspannung der Situation der B224 im Bereich Essen-Gladbeck wäre das ebenfalls. Wichtig wäre dabei, dass die Tunnel herkömmlich und mit begrenztem Risiko – also mit wenigen Trassen – gebaut werden. Das Resultat wäre eine Beeinträchtigung für wenige, aber eine Entlastung für viele bei vertretbaren Kosten.

WIRED: Was wäre eine Alternative zu Musks Tunnelbau-Visionen?
König: Eine Verbesserung des Individualverkehrs sehe ich in der Zukunft neben dem ÖPNV eher im oberirdischen 3D-Verkehr, also mithilfe von Fluggeräten. Hier müssen keine aufwendigen Tunnel gebaut werden, um komplexe Verkehrssituationen abzubilden. Zudem ist Flugverkehr leichter skalierbar, also in seinem Umfang an geänderte Situationen anpassbarer als ein unflexibles Tunnelsystem.

Geht der Verkehr der Zukunft also in die Luft statt unter die Erde? Mehr zum Thema lest ihr in unserem Special.