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SXSW / Im Robot Petting Zoo ist Füttern verboten

Thorsten Schröder 17.03.2015

Der „Robot Petting Zoo“ auf dem SXSW-Festival in Austin, Texas soll den Besuchern die Angst vor Maschinen nehmen. Doch schnell wird klar: Es gibt noch viel zu tun in der Verständigung zwischen Roboter und Mensch.

„Bitte die Tiere nicht füttern“, warnt ein Schild am Eingang von Salon E im Marriott Hotel. Wer die Tür öffnet, den erwarten Exemplare wie BlabDroid. Der kleine Roboter gehört noch zu den süßeren Wesen im Streichelzoo auf dem Digital-Festival SXSW in Austin. Er besteht aus einem nur wenige Zentimeter großen Pappkörper auf zwei Rädern, hat zwei kugelrunde Augen und ein freundliches Lächeln im Gesicht.

Die meisten Menschen haben feindselige Maschinen wie den Terminator im Kopf, wenn sie an Roboter denken.

BlabDroid, erklärt Herrchen Alexander Reben, sei der erste nicht-menschliche Dokumentarfilmer der Welt. Mit Fragen gefüttert fährt der Roboter durch die Straßen und stoppt Passanten. Was ist etwas, das Sie vorher noch nie jemandem erzählt haben? Was sagen andere über Sie? Und was bereuen Sie am meisten? Was auch immer der Roboter frage, die Leute würde ihm ihr Herz ausschütten, erzählt Reben. Die meisten Menschen öffneten sich einem süßen kleinen Gefährt eben viel lieber als einem ausgewachsenen fremden Reporter.

Trotzdem besteht Nachholbedarf im Miteinander von Mensch und Maschine. Bei Drohnen denken die meisten an Tötungseinsätze in Kriegsgebieten oder das Ausspähen von Nachbarn. Die zunehmende Automatisierung der Arbeit und Supercomputer wie IBMs Watson, der inzwischen nicht mehr nur bei Jeopardy mitspielen, sondern auch kochen und heilen kann (wie Watson beim Kampf gegen Tuberkulose hilft, lest ihr in unserer großen Multimedia-Story), sorgen bei vielen für mulmige Gefühle. Der IBM-Rechner ist selbst in Austin vertreten, in den Streichelzoo hat er es aber nicht geschafft. Die meisten Menschen, erzählt Desiree Matel-Anderson, „Chef-Tierwärterin“ im Mariott Hotel, hätten vor allem feindselige Maschinen wie den Terminator im Kopf, wenn sie an Roboter und künstliche Intelligenz denken.

 

Hier soll ihnen diese Angst genommen werden. Der Streichelzoo war die Idee des Field Innovation Teams, einer Nonprofit-Organisation, die sich für die Nutzung von Technologien in Katastrophengebieten wie Fukushima einsetzt. Die Organisation arbeitete im vergangenen Jahr mit Einwandererkindern aus Mittelamerika zusammen, die nach oft wochenlanger Reise in Auffanglagern an der mexikanischen Grenze auf eine Entscheidung über ihr Schicksal warteten. Die Beschäftigung mit den Robotern habe ihnen geholfen, ihre Situation für ein paar Stunden zu vergessen, erzählt Desiree Matel-Anderson vom Field Innovation Team.

Eine Art Hamster-Ersatz für die Coder der Zukunft.

Neben ihr ziehen währenddessen mausgroße Bälle ihre Bahnen auf roten, blauen und gelben Filzstiftlinien: Ozobots. Mit ihnen sollen schon Kinder im Kindergartenalter lernen, Maschinen zu programmieren und Befehlsketten zu verfassen. Wechselt der Strich die Farbe, wechselt Ozobot brav mit. Folgen zum Beispiel rot, grün und wieder rot aufeinander, weiß Ozobot, dass er die Linie verlassen und nach einer neuen suchen soll. Der Kleinstroboter, laut Hersteller einer der kleinsten programmierbaren seiner Art, kann beschleunigen, Pirouetten drehen und abbremsen — eine Art Hamster-Ersatz für die Coder der Zukunft.

Survivor Buddy und McCaffrey sind der Spielphase hingegen längst entwachsen. Die Roboter der University of Texas sind Experten für den Einsatz in Katastrophengebieten. McCaffrey kann getrost aus dem zweiten Stock fallen, ist wasserdicht und mit Infrarotkameras ausgestattet. Die Maschine soll Trümmer und Gefahrenzonen erkunden, bevor menschliche Suchtrupps geschickt werden. Das Team aus Texas sei mit seinen Maschinen auch an den Hilfsarbeiten nach dem 11. September beteiligt gewesen, erzählt Studentin Karrie Cheng in Austin nicht ohne Stolz. Sie passt heute auf McCaffrey auf, während eine Kommilitonin vergeblich versucht, den Roboter durch zwei Stuhlbeine zu lenken. Es sei ein langer Tag gewesen, McCaffreys Batterien deshalb fast leer, entschuldigt Cheng.

Survivor Buddy beobachtet das Geschehen aus sicherer Entfernung. Mit seinem großen Display, das sich immer wieder in verschiedene Richtungen neigt, erinnert er entfernt an die Anatomie des Menschen. Zufall ist das nicht: Der Roboter ist auf die Arbeit mit Unfallopfern spezialisiert — und muss dafür so menschlich wie möglich wirken. Wie er sich etwa einem Opfer nähere, mache einen großen Unterschied in der Wahrnehmung, erzählt Jesus Suarez, Doktorand am Center for Robot Assisted Search and Rescue der Universität von Texas. In Katastrophensituationen seien Menschen ohnehin häufig traumatisiert, Survivor Buddy versuche deshalb, Rücksicht zu nehmen und sich an menschliche Verhaltensregeln anzupassen. Der kleine Roboter starrt einen während der Kommunikation zum Beispiel nicht an, sondern bewegt den Kopf und dämmt das Licht. Fährt er auf einen zu, bremst er rechtzeitig ab und hält dann höflichen Abstand. “Für uns Menschen sind das automatisierte Prozesse, wir merken, wenn es sich falsch anfühlt”, sagt Suarez.

Es geht darum, Roboter persönlicher werden zu lassen.

Laura Callow

Ein paar Stände weiter will Laura Callow die letzten Hürden zwischen Mensch und Roboter abbauen und animiert die Besucher, eigene kleine Prototypen aus Styropor, Holzstäbchen, Klammern und Federn zu basteln. Das, versichert die selbsternannte Wärterin im Streichelzoo, lasse das Verständnis für die Maschinen wachsen. Die Ergebnisse liegen vor ihr auf dem Tisch und warten darauf, in Rohre zu kriechen und Wasser zu reinigen oder, verkleidet als niedlicher Welpe, mit Kindern zu reden und ihnen Gesellschaft zu leisten. Callow ist zufrieden. Es gehe darum, Roboter persönlicher werden zu lassen und den Besuchern zu zeigen, dass sie vor allem für uns arbeiten, nicht gegen uns. Bei Mette Stuhr zumindest scheint das zu wirken. Die SXSW-Besucherin aus Dänemark ist in diesem Jahr zum fünften Mal in Austin. Beim Robo-Streichelzoo wird die erfolgreiche Geschäftsfrau mit eigener Agentur schwach. „Der Name an sich ist doch schon so toll, da muss man einfach vorbeigehen“, sagt sie.

 

David Santilena hat dagegen wenig Interesse, seinen Flieger freundlich erscheinen zu lassen. Er habe seiner Drohne ganz bewusst eine Affenmaske verpasst, damit die Besucher den empfindlichen Roboter eben nicht streichelten, sagt der Ingenieur. Denn Nikko sei empfindlich und Berührungen nicht gewöhnt: Der Roboter wird über Sensoren mit dem Gehirn verbunden und per Gedankenkraft gesteuert. Der fliegende Affe verfügt über zwei Kameras und soll vor allem Menschen mit Behinderung helfen. Desiree Matel-Anderson ist zufrieden mit der Annäherung zwischen Mensch und Maschine an diesem Nachmittag. Am Ende seien die Besucher kaum von den Robotern zu trennen, sagt die Chef-Wärterin. Immerhin: Alle hier hielten sich an die Regel „Nur streicheln, nicht füttern“.