/Tech

Ein Startup will den Verstand archivieren – aber dafür muss es töten

Michael Förtsch 19.03.2018

Ein Unternehmen aus den USA verspricht, das Gehirn von Freiwilligen zu konservieren. Ihr Verstand könnte dadurch in der Zukunft digitalisiert und damit unsterblich werden. Das Problem: Wer mitmachen will, muss sich dafür umbringen lassen.

Der Neurowissenschaftler Sebastian Seung arbeitet daran, eines der größten Rätsel überhaupt zu lösen. Er will herausfinden, wo sich im menschlichen Gehirn die Persönlichkeit, der Charakter und die Erinnerungen verbergen – also jene Informationen, die den Menschen als Individuum definieren.

Der Princeton-Forscher glaubt, dass sich das „Ich“ in den dünnen Verbindungen zwischen den Nervenzellen versteckt, die als Konnektome bezeichnet werden. Genau auf jene These stützt sich nun das US-Start-up Nectome. Es verspricht nicht weniger als ein Backup des Gehirns möglich zu machen und damit irgendwie auch die Untersterblichkeit.

In der Netflix-Serie Altered Carbon verfügt jeder Mensch über einen Chip im Nacken, der regelmäßig den Verstand und die Erinnerungen speichert. Ähnliches will auch Nectome tun – zumindest irgendwann in der Zukunft. Aber schon jetzt verfüge das Unternehmen laut eigenen Aussagen über die Technologie, ein Gehirn samt des intakten Geistes bewahren zu können.

Jedoch ist der Prozess noch nicht ausgereift und leider recht unkomfortabel. Denn dafür sollen Backup-Willigen an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und ihnen unter Vollnarkose eine eigens entwickelte Mixtur aus Chemikalien in den Körper gepumpt werden. Die durchströmt auch das Gehirn und bewahrt die Konnektome in ihrem aktuellen Zustand. Anschließend wird das Hirn bei -122 Grad Celsius eisgekühlt.

Wer sich diesem Prozedere unterzieht, der stirbt unweigerlich. Aber anders ließe sich das Gehirn laut Nectome momentan nicht im gewünschten Zustand bewahren. Das Gehirn müsse frisch sein. Denn nach dem Tod würden sich die Konnektome rapide auflösen und damit die Erinnerungen. „Die Nutzererfahrung wird mit einem von einem Arzt assistierten Suizid identisch sein“, verspricht MIT-Wissenschaftler Michael McCanna, der Nectome gemeinsam mit Robert McIntyre gegründet hat.

In einem ersten Testlauf hat das Team bereits das Gehirn einer nur wenige Stunden zuvor verstorbenen Frau konserviert. Das Ergebnis sei nun „eines der am besten konservierten“ Gehirne überhaupt – und soll der weiteren Forschung dienen.Die Hoffnung der Nectome-Gründer ist nicht, dass sich das tote Gewebe irgendwann wiederbeleben lässt, sondern dass sich die darin gespeicherten Informationen in den kommenden Jahrzehnten digitalisieren lassen.

Auf diese Weise könne der Verstand der tiefgefrorenen Gehirne in ein Computersystem oder gar einen neuen Körper übertragen werden. Dass das tatsächlich möglich ist, wird aber von Neurowissenschaftlern wie Jens Foell oder auch Sam Gershman angezweifelt. Zu komplex und bislang unerklärt sei die genaue Funktionsweise der Konnektome.

Dennoch hat das Start-up schon über eine Million-US-Dollar an Investorengeldern eingesammelt. Zudem existiert bereits eine Warteliste auf der sich potentielle Kunden für umgerechnet 8.000 Euro eintragen lassen können. Unter den bisher 25 Personen ist unter anderem der US-Investor Sam Altman, der überzeugt ist, dass sein Gehirn irgendwann in die Cloud hochgeladen werden kann.