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Warum vielleicht bald alle guten Shows auf einem Streaming-Dienst sind

Dominik Schönleben 14.07.2017

Alle Browser sollen künftig automatisch Copyright-Schutz für Video-Streaming unterstützen. Das hat das W3C-Konsortium beschlossen. Ein erster Schritt, damit Super-Streaming-Plattformen möglich werden.

Fünf Streaming-Abos – das ist das Mindeste, was Entertainment-Fans in den USA brauchen, wenn sie die zehn TV-Serien sehen wollen, über die alle reden. Der Preis dafür: umgerechnet knapp 40 Euro. Das ist Millionen von Internet-Nutzern zu viel. Also saugen sie die Shows lieber illegal aus dem Netz oder schauen sie sich bei Popcorn Time an.

Man könnte Popcorn Time als die Super-Streaming-Plattform sehen, wie Nutzer sie sich wünschen: die eine Adresse im Netz, bei der sich House of Cards genauso finden lässt wie Game of Thrones, Westworld oder Silicon Valley. Der Haken dabei: Die Seite ist illegal. Seit Jahren versucht Hollywood, Popcorn Time dicht zu machen – doch die Betreiber sind anonym, und ihre Website verlässt sich auf die BitTorrent-Technologie, die Inhalte auf eine Vielzahl an Rechnern verteilt. Damit gibt es keine zentrale Plattform, die einfach abgestellt werden kann.

Nun aber könnte eine Entscheidung der Internet-Organisation W3C den Produzenten im Kampf gegen Piraterie zur Hilfe kommen: Das W3C (die Abkürzung steht für World Wide Web Consortium) bestimmt, welche Standards im Internet gelten. Also zum Beispiel, wie ein Browser den HTML-Code darstellen soll, der beschreibt, wie Webseiten aussehen. Der W3C-Standard sorgt dafür, dass jeder Browser, egal ob Safari, Mozilla oder Chrome, die Seiten ähnlich darstellt.

Einen solchen Standard gibt es künftig auch für Inhalte, die per Copyright geschützt sind. Dieses sogenannte Digital Rights Management (kurz: DRM) kümmert sich im Hintergrund darum, wem die Rechte an einem Film oder einer TV-Serie gehören, und übermittelt Inhalte verschlüsselt an die Zuschauer.

Das W3C ist zu einer Organisation geworden, die Firmen erlaubt, Druck auf das Internet auszuüben, um zu bestimmen, was legal ist

Cory Doctorow

Im ersten Schritt bedeutet das: Kunden von Netflix, Amazon oder Maxdome müssen bald kein Plugin mehr herunterladen, ehe sie anfangen können, sich durchs Programm zu klicken –  die Software für das bezahlte Streaming ist dann bereits im Browser integriert.

Diese Vorprogrammierung auf Copyright-Schutz gefällt natürlich den Produzenten. Kritiker sehen darin allerdings eine Parteinahme für Hollywood. Mit der Entscheidung für ein DRM im Browser verändere sich auch die Rolle des W3C, sagt Cory Doctorow, Internet-Aktivist und Mitgründer der Open Rights Group: „Es ist zu einer Organisation geworden, die Firmen erlaubt, Druck auf das Internet auszuüben, um zu bestimmen, was legal ist.“

Die Freiheit des Netzes werde für kommerzielle Interessen geopfert, argumentiert Doctorow. Denn mit DRM sei es zum Beispiel nicht mehr möglich, nachträglich ein Video zu verändern – etwa, um die Farben eines Videos anzupassen, damit Farbenblinde es besser anschauen können. Bisher lag die Entscheidung, ein DRM-System einzusetzen, allein bei Anbietern wie Netflix oder Amazon. Wenn das W3C-Konsortium solche Tools aber in sein Repertoire aufnehme, mache es sich diese Technologie zu eigen, sagt Doctorow. Die Organisation verstoße damit gegen ihren eigenen Grundsatz: als unabhängige Instanz das Internet offen für alle zu halten und Fairness zu garantieren.

Das System funktioniert nur, falls es keine Strafen dafür gibt, wenn jemand auf Fehler hinweist

Cory Doctorow

Obendrein könnte der neue Standard die Sicherheit der Nutzer gefährden, fürchten Kritiker der W3C-Entscheidung: Schleicht sich in den Code ein Fehler ein, den Hacker ausnutzen können, bleibt er nicht mehr nur auf einen Dienst begrenzt. Das mag zunächst nicht schlimmer klingen als eine Sicherheitslücke in Windows, die ebenfalls Millionen Rechner betrifft – aber bei DRM-Software könnte eine solche Lücke länger geheim bleiben, als es sonst der Fall wäre. Denn Gesetze machen es gefährlich, auf Sicherheitslücken in der Copyright-Software hinzuweisen: Wer anderen zeigt, wie DRM ausgehebelt werden kann, riskiert in den USA sogar mehrere Jahre Haft.

Eine Sicherheitslücke könnte also unentdeckt bleiben, weil Forscher sich nicht trauen, ihr Wissen zu veröffentlichen. Deshalb fordert Doctorow, die Gesetze zu überdenken: „Das System funktioniert nur, falls es keine Strafen dafür gibt, wenn jemand auf Fehler hinweist.“ David Pachali, Urheberrechtsexperte bei iRights.info, stimmt zu: „Das Problem ist nicht immer der Kopierschutz an sich“, sagt er, „sondern auch der rechtliche Schutz für den Kopierschutz. Der schießt über das eigentliche Ziel hinaus.“

Dass Urheberschutz für Video-Streaming sich immer stärker verbreiten wird, steht für viele Experten außer Frage. Auch ohne den W3C-Standard werden DRM-Technologien ja bereits heute von den Bezahldiensten genutzt. Die Herausforderung für Hollywood besteht also vor allem darin, mehr Menschen für legale Angebote zu gewinnen.

Vielleicht könnte ein Service ähnlich wie Popcorn Time helfen – im Frieden mit den Studios entwickelt und zu einem Preis, den Nutzer bereit sind, tatsächlich zu zahlen. „Wir müssen alle zu einer einzigen Plattform bringen, die im Prinzip so etwas wie das TV des 21. Jahrhunderts ist“, sagt Tim Mulligan, Analyst beim Medienmarktforscher Midia Research in London.

Egal, ob eine Show von Netflix oder Amazon Prime produziert wurde, zu sehen wäre sie über diesen einen Dienst, ähnlich wie beim Kabelfernsehen. Der Erfolg von Popcorn Time zeigt aus Mulligans Sicht, dass eine legale Version dieses Angebots das logische Ende der aktuellen Entwicklung sein wird. Ermöglicht durch DRM.

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