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„Dass Technologie die Haut durchbricht, ist ein No-Brainer“

Marlene Ronstedt 13.06.2017

Patrick Kramer nennt sich selbst Chief Cyborg Officer. Schon mehr als 500 nicht-medizinische Implantate, die Kreditkarten, Schlüssel oder Passwörter ersetzen können, hat der Gründer von Digiwell Menschen eingesetzt. WIRED traf ihn auf dem Wear It Festival in Berlin, wo Kramer live auf der Bühne einen Chip injizierte.

„Er ist jetzt offiziell ein Cyborg“, ruft Patrick Kramer ins Mikrofon und reißt den Arm des Mannes hoch, dem er gerade einen Chip zwischen Daumen und Zeigefinger injiziert hat. Die Menge jubelt. Implantate die als digitaler Universalschlüssel dienen können, sind für die meisten Menschen immer noch unvorstellbar. Nicht so auf dem Wear It Festival in Berlin, wo man sich beim Mittagessen rege darüber austauscht, wer welches Stück Technologie unter der Haut trägt.

Die sogenannte Bodyhacking-Bewegung hat weltweit mittlerweile mehr als 50.000 Anhänger. ​Sie lassen sich kleine NFC- oder RFID-Chips, also winzige Hardware-Elemente, die Radiosignale verwenden, unter die Haut pflanzen. Normalerweise findet man diese Chips im Logistikbereich oder der Massentierhaltung, wo mit ihnen Ware beziehungsweise Vieh identifiziert wird. Doch das technische Prinzip ist mittlerweile auch beliebt, wenn es darum geht, das eigene Smarthome zu steuern, das Auto ohne Schlüssel zu öffnen oder medizinische Daten direkt am Körper zu speichern. Wir haben mit Patrick Kramer, Gründer von Digiwell, über dieses Phänomen gesprochen. 

WIRED: Deine Firma bietet Implantate an, mit denen die Träger zum Beispiel ihre Haustüre öffnen können. Was geht damit noch?
Kramer: Es gibt nicht das eine Implantat, sondern verschiedene in unterschiedlichen Frequenzbereichen mit NFC oder RFID. Grundsätzlich kann man zwei Bereiche unterscheiden: Den Informationsspeicher, das heißt, ich kann meine Visitenkarte darauf speichern oder PIN-Nummern. Das funktioniert dann zusammen mit jedem NFC-fähigen Handy. Das andere ist die RFID-Seite, damit meldet man sich bei Objekten an. Wenn sie die Nummer auf dem Chip lesen schalten sie den Strom an oder fahren die Jalousien runter, schalten die Heizung ein oder starten den Motor, was man möchte. Grundsätzlich ist es wie ein Universalschlüssel. Die Leute sind da sehr kreativ.

WIRED: Wie sicher ist das? RFID ist ja meist gar nicht verschlüsselt.
Kramer: Das kann man so nicht sagen. Es mag theoretisch sein, dass wenn man eine vergleichsweise große Chipkarte hat, jemand nur mit einem Lesegerät daran vorbeigehen muss und sofort alle deine Daten hat. Aber die Implantate, die ich einsetzte, sind so klein, dass nicht mal ein modernen Flughafen-Scanner sie erfassen kann. Dazu bräuchte es Hautkontakt.

Ich hatte Anwälte mit eigenen Kanzleien als Kunden, die es einfach leid waren, Schlüssel für Aktenschränke mit sich herumzutragen

Patrick Kramer

WIRED: Deswegen muss man die Hand auch immer direkt ans Objekt halten, um zum Beispiel eine Tür zu öffnen.
Kramer: Richtig. Der Vergleich muss also sein: Was ist sicherer, ein Haustürschlüssel, den ich verlieren kann und der mir geklaut werden kann? Oder aber ein Haustürschlüssel in der Hand, den keiner sieht, von dem niemand weiß, dass ich ihn habe, und den ich nie verlieren kann? Die nächste Generation von Implantaten wird sogar Passwörter im Körper generieren können.

WIRED: Du sagst, dass Hardware, so wie wir sie jetzt kennen, verschwinden wird. Was meinst du damit?
Kramer: Wenn wir ganz ehrlich sind: Ein Leben ohne Monitore, PCs und Smartphones, das wäre doch eigentlich viel entspannter, oder? Aber trotzdem willst du die technischen Möglichkeiten haben. Und darum geht es bei „shy-tech“, also schüchterner Technologie, die so klein und unauffällig ist, dass du sie gar nicht als Technologie wahrnimmst. Technologie wird immer kleiner, immer intimer, sie weiß immer mehr über dich – dass wir irgendwann auch die Haut durchbrechen, ist für mich eigentlich ein No-Brainer.

WIRED: Was sind das für Leute, die sich von dir Implantate einsetzen lassen?
Kramer: Die Zeiten, in denen das nur was für Freaks war, sind vorbei. Meine Kunden sind zu 70 Prozent männlich und zu 30 Prozent weiblich. Die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahren alt, wobei der jüngste 15 war und der älteste über 80. Ich hatte Anwälte mit eigenen Kanzleien, die es einfach leid waren, Schlüssel für Aktenschränke mit sich herumzutragen. Man kann noch nicht mal sagen, dass es eine spezielle Bevölkerungsschicht wäre, die zu uns kommt. Ich glaube, es sind allgemein technisch offene Menschen, die neugierig sind, die sozusagen von Anfang an ganz vorne mit dabei sein möchte.

WIRED: Kannst du dir vorstellen, dass du irgendwann andere Produkte entwickelst, die noch mal ganz andere Fähigkeiten haben, die vielleicht auch das Gehirn modifizieren?
Kramer: Ich glaube, es sind gar nicht so sehr die Implantate, sondern die Entwicklungen auf der Gegenseite, an den Schnittstellen, die die Einsatzmöglichkeiten immer universeller werden. Ich war zum Beispiel kürzlich bei einem Automobilhersteller in Ingolstadt, und da haben wir diskutiert, wieso man eigentlich noch Autoschlüssel braucht, man könnte das doch alles mit der Hand machen und so weiter. Um solche Sachen geht es.

Wir pflastern unsere Körper längst mit Implantaten zu, aber wenn sie etwas nicht-medizinisches tun, regen sich alle auf

Patrick Kramer

WIRED: Man kann eure Implantate im Internet bestellen. Setzten die Kunden sie sich dann auch selbst ein?
Kramer: Ja, solche Leute gibt es, die sind hardcore. Oder du gehst damit zum Piercer oder einer Krankenschwester. Wenn sich jemand nicht traut – obwohl wir Anleitungsvideos und alles haben – dann komme ich auch manchmal über Skype dazu. Aber ich habe auch Kunden, die aus ganz Europa extra nach Hamburg geflogen kommen, sich einen schönen Tag machen und sich ein Implantat abholen.

WIRED: Wie sieht es mit der gesellschaftlichen Akzeptanz aus?
Kramer: Es gibt einen sehr schönen Blogeintrag von einer Australierin, in dem sie ihre Spirale mit dem Implantat in ihrer Hand vergleicht. Das eine ist groß, greift massiv in ihren Hormonhaushalt ein, tut weh und sie möchte es am liebsten rausgerissen haben. Das andere ist ein kleines Reiskorn unter der Haut, an dem sie jeden Tag Freude hat, weil es ihren Haustürschlüssel ersetzt. Aber der große Aufreger ist das Implantat. Hier (zeigt auf Stelle zwischen Daumen und Zeigefinger) ist eine völlig harmlose Stelle, kaum Blutgefäße, kaum Nerven, du kannst den Chip jederzeit einfach wieder rausnehmen. Das ist Doppelmoral, wir pflastern unseren Körper längst mit Implantaten zu, aber wenn sie etwas nicht-medizinisches tun, dann regen sich alle auf.

Video: Patrick Kramer injiziert einer Besucherin des Wear It Festivals einen Chip

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