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Schutz für 100 Jahre: Tschernobyls Ruine hat eine neue Hülle

Von Benedikt Plass-Fleßenkämper 15.11.2016

Drei Jahrzehnte nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl droht der schützende Sarkophag um das havarierte Kraftwerk zu zerfallen. Ingenieure haben nun eine neue Hülle über die strahlende Ruine geschoben. Sie ist das größte bewegliche Landbauwerk der Welt.

Update 30. November 2016: Gut 30 Jahre nach dem GAU von Tschernobyl ist die Atomruine mit einer Schutzhülle verschlossen worden, die 100 Jahre Strahlung zurückhalten können soll. “Wir haben es geschafft“, sagte der ukrainische Staatschef Petro Poroschenko beim feierlichen Abschluss der Bauarbeiten. Die neue Hülle beendet eine lange Phase der Provisorien.

Am 26. April 1986 explodierte im ukrainischen Tschernobyl der Reaktor Nr. 4 des lokalen Atomkraftwerks, es war der erste nukleare Super-GAU in der Geschichte. Unter Hochdruck ließ die damals schon angeschlagene Regierung der Sowjetunion notdürftig einen Sarkophag aus Stahl und Beton um den zerstörten Atommeiler errichten. Er schützte die Umwelt des Reaktors seither vor austretender Strahlung und nuklear belastetem Staub. 30 Jahre nach ihrer Errichtung war die Schutzhülle jedoch marode und stand kurz vor dem Zusammenbruch.

Im Inneren des Reaktors befinden sich Schätzungen zufolge noch immer 200 Tonnen Uran in Form von Brennstäben, über deren Lage und Zustand praktisch nichts bekannt ist. Um die gefährliche Strahlung weiterhin abzuschotten, wurde nun ein neuer Sarkophag über die alte Hülle geschoben. Der Chernobyl Shelter Fund, ein Zusammenschluss von 40 Staaten unter der Führung der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, arbeitet seit sechs Jahren an einer 109 Meter hohen, 162 Meter langen, 257 Meter breiten und 36.479 Tonnen schweren Stahl- und Betonkonstruktion. 

Die Initiatoren bezeichnen das sogenannte New Safe Confinement als „beispiellosen Erfolg der Ingenieurskunst“. Auf Schienen wurde der Schutzmantel über die Ruine geschoben, was ihn zum größten beweglichen Landbauwerk der Welt macht. Die Umsetzung des Projekts kostet rund 1,5 Milliarden Euro. Dabei ist die neue Schutzhülle weit davon entfernt, eine finale Lösung für das Problem Tschernobyl zu sein. Vielmehr bildet sie nur den Auftakt eines viel größeren Unterfangens.

Die frische Ummantelung wurde so konstruiert, dass das zerstörte Kraftwerk darunter abgerissen und in den kommenden Jahrzehnten mit Kränen abgetragen werden kann. Ein entsprechendes System wurde schon aufgestellt. Die Idee ist, dass das strahlende Material von den ukrainischen Behörden entfernt und das verseuchte Gelände gereinigt werden kann. Das Problem: Nach dem gegenwärtigen Stand der Technik ist das noch nicht möglich. Der Plan geht also nur auf, wenn es der Wissenschaft gelingt, in naher Zukunft ein Verfahren zur Neutralisierung radioaktiver Strahlung zu entwickeln.

Die neue Schutzhülle wird auf Schienen zum Reaktor von Tschernobyl geschoben

Allzu lange darf diese Lösung allerdings nicht auf sich warten lassen, die neue Schutzhülle ist nicht für die Ewigkeit ausgelegt. Gerade einmal bis 2116 soll das Konstrukt die Menschheit vor der tödlichen Strahlung schützen. Es wäre also durchaus möglich, dass nachfolgende Generationen sich erneut mit dem Bau eines Sarkophags beschäftigen müssen.

Das kuppelartige Gebilde deckt eine Fläche von 85.000 Quadratmetern ab und hält einem Tornado der Stufe 3 stand. Regen, Schnee und extreme Temperaturen sollen dem mehrlagigen, luft- und wasserdichten Konstrukt ebenfalls nichts anhaben können. Unter der äußeren Hülle befindet sich eine weitere. Deren Oberfläche ist aus besonders glattem Edelstahl, um Staubablagerungen zu minimieren. Die innere Schutzschicht ist feuerfest und hält die Strahlung auch dann noch zurück, wenn die äußere Hülle Schaden nehmen sollte.

Im Inneren der Schutzhülle fände die Kathedrale Notre-Dame de Paris Platz

Für die Dichtigkeit sorgen spezielle Silikonfugen, die eine besonders lange Lebensdauer haben sollen. Im Inneren der Kuppel liefern Überwachungssysteme Daten über Strahlung, Temperatur und Erschütterungen. Das Lüftungssystem hält die Luftfeuchtigkeit im Inneren unter 40 Prozent, um den stählernen Schutzmantel vor Korrosion zu schützen.

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