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Die Frau, die Googles Sprachassistent das Erzählen beibringt

Rowland Manthorpe 09.02.2017

Früher war Emma Coats Storytellerin bei Pixar, nun bringt sie dem Siri-Konkurrenten Google Assistant das Erzählen bei. Doch trotz seines sympathischen Charakters schlummert auch etwas Böses in dem Sprachassistenten. 

Nummer 13 der 22 Pixar-Regeln des Storytelling besagt, dass Charaktere eigene Meinungen haben müssen: „Während du schreibst, wirken passive und formbare Charaktere sympathisch, aber für das Publikum sind sie Gift.“ Aber was ist, wenn es sich bei dem Charakter um einen Roboter handelt? Das versucht Emma Coats, Autorin der Regeln der Animationsfilm-Schmiede, gerade herauszufinden.

Coats arbeitet an der neuen Persönlichkeit Googles: Sie schreibt die Dialoge des Google Assistant, der die Suchanfragen der Nutzer in Unterhaltungen verwandeln soll. Erstmals wurde der Sprachassistent im September vergangenen Jahres bei der Vorstellung der Messaging-App Allo gezeigt, kurz darauf wurde er in das Pixel-Smartphone und den Amazon-Echo-Konkurrenten Google Home eingebaut. Mittlerweile ist er auch auf Smartwatches mit dem Betriebssystem Android Wear verfügbar. Der Sprachassistent soll einen Charakter haben und das Herzstück der Google-Produkte sein, eine auf Künstlicher Intelligenz basierende Alternative zu Apples Siri.

Du musst einen vielseitigen Charakter entwickeln, der Fragen aus jeder Richtung beantworten kann und wie eine stimmige Persönlichkeit rüberkommt

Emma Coats

Dieser Charakter braucht allerdings eine Persönlichkeit. Deshalb kam Coats Anfang vergangenen Jahres von Pixar zu Google. „Was ich für verrückt und interessant hielt, war, dass du über jede Frage nachdenken musst, die ein Nutzer stellen könnte“, erzählt sie. „Du musst einen vielseitigen Charakter entwickeln, der Fragen aus jeder Richtung beantworten kann, und ihn wie eine stimmige Persönlichkeit rüberkommen lassen.“

Für die Entwicklung der „lockeren und freundlichen“ Persönlichkeit des Google Assistant arbeitet Coats mit einem kleinen Team, das Teil der Abteilung ist, die von Google-Doodle-Chef Ryan Germick geleitet wird. Das Team stellt mögliche Fragen zusammen, denkt sich Antworten aus und übergibt diese dann an die Programmierer. Diese wenig technische Methode hat Coats aus ihrer Zeit bei Pixar mitgebracht, wo sie von 2006 bis 2012 als Storyboard Artist für Filme wie Merida – Legende der Highlands, Die Monster Uni und Alles steht Kopf gearbeitet hat. Dabei entstanden auch ihre 22 Regeln des Storytellings, die aus einer Reihe von Tweets hervorgingen. Coats bezeichnet sie selbst als „Notizen an mein jüngeres Ich“.

Ihre Ratschläge reichen von „Nehme die Geschichten, die du magst, auseinander“ über „Geschichten sollen ausprobieren, nicht verfeinern“ bis hin zu „Denk dir das Ende aus, bevor du über die Mitte der Geschichte nachdenkst“. Doch nicht alles davon trifft auf den Google Assistant zu: Im Gegensatz zu den Filmfiguren von Pixar soll er keinen Heldencharakter haben. „Du als mit ihm interagierende Person bist der Held“, sagt Coats.

Deshalb kann der Assistent keine eigenen Meinungen haben: Er ist da um verlässlich zu sein, nicht um Tiefe zu vermitteln. „Wenn wir ihm ein dunkles Geheimnis geben würden, wäre das wahrscheinlich nicht gut für das Nutzererlebnis“, sagt Coats. In Pixar-Begriffen: Der Google Assistant ähnelt eher Slinky Dog aus Toy Story als Buzz Lightyear oder Woody. Er ist kein draufgängerischer Held, sondern der lustige, verlässliche Sidekick, der immer einen geistreichen Witz parat hat.

Ein Dialog des WIRED-Reporters mit dem Google Assistant

Witze sind ein wesentlicher Bestandteil von Coats Arbeit bei Google. Das liegt einerseits daran, dass Humor einer der effektivsten Wege für die Erschaffung eines Charakters ist. Anderseits aber auch daran, dass Humor gerade im Lernprozess von Künstlicher Intelligenz ein Weg ist, unangenehmen Fragen auszuweichen. „Wir wollen nicht auf Antworten wie ‚Ich habe das nicht verstanden‘ zurückgreifen“, sagt Coats. „Das bringt die Aufmerksamkeit wieder zurück zu dir, statt die Konversation fortzusetzen, die du führen willst.“

Auf die Frage, ob er ein Mensch sei, antwortet der Google Assitant zum Beispiel: „Mir wurde zumindest gesagt, dass ich sympathisch bin.“ Wird er gefragt, ob er lernfähig sei, sagt er: „Lernen ist mein Ding“, gefolgt von einem Honigtopf-Emoji.

Das ist alles zwar sehr süß, ist aber nicht die wirkliche Antwort – was der Assistent nämlich in Wahrheit lernt: menschliche Schreiber zu ersetzen. Während er Fragen annimmt und die Reaktionen der Nutzer liest, verbessert sich sein auf maschinellem Lernen basierender Algorithmus. Diesen Prozess bezeichnet Google fast schon ein wenig unheimlich als „The Transition“.

Indem sie dafür sorgt, dass Nutzer weiter mit dem Assistenten reden, macht sich Coats also quasi selbst arbeitslos. Bereitet ihr das Sorgen? Wenn, dann lässt sie es sich das zumindest nicht anmerken: „Ich bin sicher, dass wir alle unsere Jobs irgendwann los sind, weil der Assistant immer schneller und schneller lernt“, sagt sie. „Aber noch ist es ein Job, der richtig Spaß macht.“        

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED UK.
Das Original lest ihr hier.

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