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Der Wettlauf ums selbstfahrende Taxi

Benedikt Plass Fleßenkämper 09.08.2016

Mercedes, BMW, General Motors und Tesla entwickeln autonome Autos, aber auch Google, Uber und Lyft mischen auf dem Selbstfahr-Markt mit. Die Unternehmen der Tech- und Autobranche verfolgen ein langfristiges Ziel: Robotertaxis. WIRED zeigt, wo das Wettrennen gerade steht und wie weit die Ziellinie weg ist.

Manchmal (ganz selten) muss doch noch der Sci-Fi-Vergleich herhalten. Denn ja, man kennt sie noch immer vor allem aus Filmen wie Minority Report, Das fünfte Element, Total Recall oder I, Robot: Autos, die eigenständig fahren, bei denen Passagiere nicht mehr eingreifen müssen, die sogar über dem Boden schweben oder durch die Luft fliegen. Gut, das letztgenannte Features ist wirklich noch eine reine Zukunftsvision, selbstfahrende Autos aber sind Realität. Google arbeitet schon seit 2009 am autonomen Fahrzeug, im August 2013 schickte Mercedes-Benz eine modifizierte S-Klasse auf die Autobahn. Und der Autopilot von Tesla macht seit einigen Monaten (nicht nur gute) Schlagzeilen.

Zahlreiche Tech-Konzerne, Startups und klassische Automobilbauer investieren ins Thema Roboterautos. Was wollen Google, Tesla, Daimler und Co. damit erreichen? WIRED gibt einen Überblick.

Die Digitalisierung des Taxifahrer-Jobs
Neben mehr Fahrkomfort und Verkehrssicherheit haben die forschenden Unternehmen noch ein anderes Ziel vor Augen: die Disruption des Taxi-Marktes. Die klassische Kombination aus Taxizentrale und Fahrer soll durch technologische Lösungen obsolet werden.

Der Google-Mutterkonzern Alphabet bestätigte schon im vergangenen Jahr, dass er seine autonomen Fahrzeuge als Taxis einsetzen will. Das führte zu Unstimmigkeiten mit Uber, an dem Google beteiligt ist, denn der Fahrdienst-Vermittler arbeitet selbst an autonomen Autos. Aus der Idee wurde mittlerweile Realität: In der US-Stadt Pittsburgh sind die ersten Prototypen unterwegs.

Dieser Prototyp von Ubers selbstfahrendem Auto wird derzeit in Pittsburgh getestet

Doch im Gegensatz zu Google steht Uber noch ziemlich am Anfang. Deswegen schaut sich der Mitfahrdienst parallel nach Alternativen zum selbst entwickelten Fahrzeug um: Das derzeit mit rund 50 Milliarden Dollar bewertete Unternehmen plant einen Mega-Deal mit Daimler. Sollte dieser zustande kommen, würde Uber mehr als 100.000 autonom fahrende Mercedes S-Klassen ordern, um damit eine eigene Taxi-Flotte aufzustellen. Das kann allerdings noch dauern: Die Selbstfahr-Technologie des Autobauers befindet sich noch in der Entwicklung, sie soll frühestens 2020 fertig sein.

General Motors investiert in eine mögliche Zukunft
Große Investitionen und Kooperationen gibt es auch an anderer Stelle. General Motors (GM) gab im Januar 2016 bekannt, dass man eine halbe Milliarde Dollar in den Uber-Konkurrenten Lyft investieren wolle. Ziel der GM-Geldspritze: innerhalb eines Jahres die ersten Robotertaxis in einer Stadt testen. Möglicherweise wird noch 2016 die erste Flotte autonomer Chevrolet Volt unter Lyft-Flagge durch Detroit rollen.

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Der Deal könnte die Basis einer größeren, internationalen Allianz sein: Weil Lyft mit Taxi-Vermittlern in Indien und anderen asiatischen Ländern kooperiert, würde GM ebenfalls davon profitieren, seine autonomen Autos dort an den Mann bringen zu können. Wobei in Fernost eventuell ein Konkurrent gegenschießt: Baidu. Der chinesische Suchmaschinen-Konzern denkt ebenfalls über einen Taxi-Dienst mit selbstfahrenden Autos nach. Schon Ende 2015 testete Baidu einen fahrerlosen BMW im Verkehr von Peking.

Tesla bietet für seine Modelle Autopilot-Funktionen an – nach einem tödlichen Unfall stehen diese in der Kritik

Und dann wäre da noch ein Mitbewerber, den man keinesfalls unterschätzen sollte: Elons Musks Unternehmen Tesla. Die Kalifornier produzieren nicht nur seit einigen Jahren erfolgreich Elektroautos, sie haben auch schon ein System für das mitdenkende Fahrzeug im Einsatz. Dieses soll noch besser werden, wie Tesla kürzlich in seinem öffentlich nachlesbaren zweiten Masterplan unterstrich. Musk will dabei der gleichen Vision folgen wie seine Wettbewerber: Die Tesla-Modelle von morgen sollen auch als Taxi-Ersatz fungieren – und könnten den Besitzern Geld einbringen: Benötigt man seinen Tesla nicht, fährt das Auto selbständig los, um von anderen als Taxi oder Mietwagen genutzt zu werden.

Was hat Apple vor?
Dass man sich auch im Apple-Hauptquartier in Cupertino mit Autos als zukünftigem Geschäftsmodell beschäftigt, ist indes nicht verwunderlich. Elon Musk bezeichnet es als „offenes Geheimnis“, dass sein Konkurrent an einem eigenen Elektroauto arbeitet.

Dafür wurden zahlreiche Spezialisten angeheuert, die unter Topmanager Bob Mansfield am Project Titan arbeiten. Viel mehr ist allerdings nicht bekannt, Apple hält sich wie so oft sehr bedeckt. Es wird spekuliert, dass der iPhone-Konzern ebenfalls auf ein Fahrzeug hinarbeitet, das autonom fahren kann. Laut The Information ist jedoch nicht vor 2021 mit dem Apple Car zu rechnen. Andererseits ist es auch möglich, dass Apple lediglich Software und andere Technologien für den Automarkt der Zukunft liefern will. Mit dem ehemaligen BlackBerry-Chef Dan Dodge hat man zuletzt einen Betriebssystem-Experten angeheuert.

Was passiert, wenn ein autonomes Taxi zwischen zwei Leben entscheiden muss: Fahrgast oder Fußgänger?

Tobias Gillen, Tech-Blogger

Wohin genau es gehen soll, hat Apple-Chef Tim Cook noch nicht verraten. Aber auch er dürfte den Taxi-Markt fest im Blick haben. Ein Hinweis darauf: Apple hat sich mit einer Milliarde Dollar in den chinesischen Uber-Konkurrenten Didi Chuxing eingekauft.

Welche Rolle spielt Deutschland?
Tesla, Mercedes, GM: drei Autohersteller, die am autonomen Auto arbeiten. Doch was ist mit anderen Größen der Branche? Haben sie nichts in der Schublade oder warten sie noch ab? Beides. BMW hat kürzlich angekündigt, dass man in Zusammenarbeit mit Intel und Mobileye an Robotertaxis arbeite. 2017 soll es die ersten Tests geben, schon 2021 könnten die Fahrzeuge offiziell auf die Straßen kommen. Wird die Dreier-Kooperation ein Erfolg, könnten die autonomen Autos nicht nur unter BMW-Flagge fahren. Die Technologie könnte der Konzern auch für seine anderen Marken nutzen, zum Beispiel Rolls-Royce und Mini.

Neben BMW und Daimler, dessen Future Bus gerade erst auf Hollands Straßen getestet wurde, beschäftigen sich auch andere deutsche Hersteller mit selbstfahrenden Autos. Anfang 2015 legte ein umgerüsteter Audi A7 eigenständig mehr als 900 Kilometer auf US-Highways zurück.

In die neue Zukunftsstrategie von Volkswagen wurde außerdem das autonome Fahren fest aufgenommen. Darüber hinaus stieg der Autobauer bei der Taxi-App Gett ein. Damit will man sich offenbar auch in Wolfsburg nicht durch Google, Tesla und andere Neueinsteigern im Automobil-Sektor weiter unter Zugzwang setzen lassen.

Roboterfahrzeuge weltweit im Test
Auch wenn die großen westlichen Fahrzeughersteller und Tech-Konzerne das selbstfahrende Auto längst in ihre Unternehmensstrategien einbeziehen und damit auch werben, sind sie nicht die einzigen am Markt. Auch in Singapur und Abu Dhabi etwa wurden schon Robotertaxis getestet. Außerdem fahren mittlerweile die ersten „intelligenten“ Busse durch die Straßen – zum Beispiel in den Niederlanden (WePods), Griechenland (CityMobil2), Frankreich, Italien, Finnland und der Schweiz.

Im Thema autonomes Fahren steckt also viel Bewegung – vor allem, wenn es um Carsharing beziehungsweise Taxidienste geht. Damit sollen zwei große Probleme der Gegenwart gelöst werden: Das Verkehrschaos in den Innenstädten und die ständige Parkplatzknappheit. Wenn das Prinzip der Sharing Economy sich hier durchsetzt und die Menschen Autos nicht mehr nur als ihr Eigentum ansehen, werden On-Demand-Systeme attraktiv. Autos stehen dann nicht mehr die meiste Zeit herum, sondern sind ständig im Einsatz, um ihre Kernaufgabe zu erfüllen: Uns von A nach B zu transportieren – und das möglichst effektiv und umweltschonend. Eine aktuelle Studie von WSP Parsons Brinckerhoff and Farrells sieht darin „eine neue Vision für bessere Lebensräume“.

Neuer Markt, neue Probleme
Autonom agierende und vernetzten Fahrzeuge generieren freilich auch neue Probleme. Zum einen müssen die Autos von heute und erst recht von morgen deutlich sicherer werden – Stichwort IT-Security. Smarte Mobile, die von Hackern gekapert werden, oder die bei Softwarefehlern Unfälle bauen, sind Worst-Case-Szenarien, an die die Entwickler denken und diese vorn vornherein bei der Konzeption ausschließen müssen.

Ungeduld ist gut, aber autonomes Fahren ist ein Langstreckenlauf mit hohen Investitionen

Klaus Reichert, Unternehmensberater

Zum anderen gilt es, auch ethische Fragen zu klären. „Die größte Frage, die bei autonomen Systemen besteht – egal, ob im Auto oder anderswo –, ist doch, wie sie das menschliche Leben bewerten“, sagt der Tech-Blogger Tobias Gillen im Gespräch mit WIRED. „Was passiert, wenn sich ein autonomes Taxi zwischen zwei Leben entscheiden muss, etwa dem Fahrgast und einem Fußgänger?“

Und dann wäre da noch die Frage nach der Haftung: Wer trägt die Schuld, wenn ein Unfall passiert? Der Hersteller, der Software-Entwickler oder gar der Passagier? Das muss noch eindeutig geklärt werden, zum Beispiel von der Politik. Hier will das Land, in dem 1885 Carl Benz das Automobil erfunden hat, eine Vorreiterrolle einnehmen. Deswegen teilte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt vor Kurzem mit, dass Deutschland zu den Taktgebern gehören will und preschte jüngst mit entsprechenden Gesetzesentwürfen voran.

Das Auto von morgen hat weder Lenkrad, noch Instrumente – und ist hoffentlich vor Hackern sicher

Das Ziel der Bundesregierung ist klar: Die deutsche Automobilwirtschaft, die über viele Jahrzehnte als führend galt, hinkt im Elektro-Markt hinterher. Der Sprung nach vorn muss her, um sich gegen die als viel innovationsfreundlicher geltenden Amerikaner zu positionieren.

Doch auch in der Heimat von Google, Tesla und Apple sind längst nicht alle Fragen geklärt. In den USA gibt es bislang kein nationales Gesetz für autonome Fahrzeuge, und auch auf Bundesstaatenebene ist vieles nach wie vor ungeregelt. Ändern will das unter anderem der Ende April gegründete Lobbyverband Self-Driving Coalition for Safer Streets. Mitglieder sind Google, Uber, Lyft, Volvo und Ford. Sprecher der Organisation: David Strickland, ehemaliger Chef der US-Verkehrsaufsicht NHTSA, die unter anderem die Regeln für autonome Fahrzeuge bestimmt.

Wann werden Robotertaxis Realität?
Welche Hindernisse gibt es noch, die die Einführung von selbstständig agierenden Autos behindern könnten? „Die Beispiele des autonomen Fahrens aus den USA mit ihren geräumigen Vorstadtstraßen lassen sich nicht übertragen auf zum Beispiel die engen Straßen Heidelbergs oder das scheinbare Chaos in Mumbai“, sagt der Unternehmensberater Klaus Reichert gegenüber WIRED.

Er sieht die Pläne der Entwickler und Hersteller, die um das Jahr 2020 herum voll durchstarten wollen, deswegen eher skeptisch: „Ungeduld ist gut, weil sie uns als Gesellschaft voran bringt. Doch autonomes Fahren ist ein Langstreckenlauf mit hohen Investitionen – gesellschaftlich, politisch und finanziell“, sagt Reichert. „Es wird sich dort zuerst durchsetzen, wo es den größten Nutzen stiftet.“

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