RIP Cable: Warum wir uns langsam vom Kabel verabschieden sollten

Caspar Clemens Mierau 13.07.2015 Lesezeit 7 Min

Die Frau unseres Autors hat sich nach fünf Jahren endlich ein neues MacBook gegönnt. Die Tasten des alten waren vom vielen Tippen schon durchsichtig geworden und eigentlich lief der Lüfter die ganze Zeit. Internet ist eben anstrengend. Das neue MacBook wurde eins der gerade erst veröffentlichten MacBook-Serie — und es hat nur einen Anschluss. Das melancholische Protokoll eines Abschieds.

Das neue MacBook meiner Frau hat nur einen USB-C Anschluss für alles: Strom, Speichergeräte, Displays. Bis auf eine Kopfhörerbuchse gibt es sonst keine der üblichen Schnittstellen. Mein recht aktuelles MacBook Pro hat im Vergleich noch sieben Anschlüsse (Strom, zweimal Thunderbolt, zweimal USB und einen SD-Kartenleser).  Was für ein Unterschied. Es fühlt sich merkwürdig an, so ein neues Gerät auszupacken, bei dem man traditionell viele Anschlüsse erwartet, aber nur einen vorfindet. Das hinterlässt erst einmal Rätsel.

Natürlich wollte ich schnell die Daten vom alten auf das neue Gerät überspielen. Ein Freund lieh mir eins der völlig überteuerten, aber hilfreichen Thunderbolt-Kabel, mit denen man Macs für den schnellen Datentransfer miteinander verbinden kann. Als ich es anschließen wollte, fasste ich mir an die Stirn: Natürlich passte es nicht. Hätte ich auch vorher dran denken können.

„Der Schrank“ unseres Autors

Was nun? Backup vom alten Gerät übers Netzwerk und auf das neue über WLAN einspielen? Das dürfte gefühlt zehn Jahre dauern. Vielleicht eine USB-Platte anschließen? Irgendwo in meiner endlosen Kabel-Sammlung musste doch noch eine rumliegen. Tatsache.

Ich beobachtete den Tod des Kabels. Plötzlich war er da.

Caspar Clemes Mierau

Das alte Backup erstellte ich über Nacht, natürlich nicht ohne panische Gedanken beim Einschlafen und der Hoffnung, dass das MacBook nicht in den Standby-Modus wechselt. Morgens dann eine ungewohnte Handlung: Um die USB-Platte am neuen MacBook anzuschließen, musste ich das Netzteil abziehen, einen Adapter anschließen, um dann endlich die Festplatte verbinden zu können. Eigentlich möchte man beim Einspielen eines Backups nicht die Stromversorgung trennen. Nun denn, die Akkulaufzeit soll ja um die 100 Jahre betragen.

Alles lief gut, Backup eingespielt, das neue Gerät pustete nicht mehr vor sich hin. Hätte ich vorher noch einen größeren Adapter gekauft, wären sogar Stromversorgung und gleichzeitiger Anschluss einer Festplatte möglich gewesen. Doch eigentlich war da etwas geschehen, wovor ich mich schon ein paar Jahre gruselte und es zugleich erhoffe: Ich beobachtete den Tod des Kabels. Plötzlich war er da.

Ich habe eine stolze Kabel-Sammlung, die buchstäblich einen Schrank füllt: USB-Kabel in allen Geschmacksrichtungen, Netzteile, Reiseadapter, Audio-Splitter, Ethernet, Telefon und Fax. Alles dabei. In jeder nur erdenklichen Situation kann ich mit einigen Wutausbrüchen, wegen verknoteter, ungeordneter Kabel, das passende Stück raussuchen. Im Notfall weiß ich, welche Freunde welche Spezialkabel besitzen.

Keine Panik vorm Wochenende, wenn die Geschäfte geschlossen sind. Nachdem mein Schrank den einen oder anderen Notfall in der Familie gelöst hatte, gab es auch keine Beschwerden oder gar Zweifel an seiner Notwendigkeit. Denn der Schrank ist das Ergebnis einer Sozialisation.

Ich bin mit einer engen Bindung zum Kabel aufgewachsen. Schon als Kind hatte ich Antennenkabel-Verlängerungen, Modemkabel und Kopfhörer-Splitter (zu zweit Walkman hören!), um meine Medien konsumieren zu können. Kabel waren ein Lebensgefühl. Sie ermöglichten Zugang, lösten Probleme. Wir waren Kabelfreaks, wie es schon bei Bodenständig 2000 hieß.

Auch der Chaos Computer Club hat nicht zufällig mit der Hackerbibel den Claim „Kabelsalat ist gesund“ geprägt. Doch mit dem Kabelsalat ist nun Schluss. Sein Ende zeichnete sich schon länger ab. Bereits im MacBook Air warf Apple nach dem DVD-Laufwerk den Anschluss für Netzwerk-Kabel raus. Ein Skandal! Die Nerds waren empört und die Konkurrenz spottete gekonnt mit einem Anti-Werbespot.

Die These lag nahe, dass man in Zukunft nur mit etlichen Adaptern bewaffnet das Haus verlassen kann. Und es stimmt: eine Weile habe ich diese Adapter besessen: Netzwerk-Adapter, VGA-, DVI- und HDMI-Adapter, ein externes DVD-Laufwerk, USB-Sticks wie Sand am Meer, ein Ersatznetzteil. Nichts ging darüber, als auf einer Konferenz Referenten nonchalant beim Vortrag mit dem passenden Kabel aushelfen zu können.

Wo die USB-Sticks auch immer sind: Ich hoffe, es geht ihnen gut.

Caspar Clemens Mierau

Doch etwas änderte sich über die Zeit: Die Zahl der Adapter, die „zur Sicherheit“ in meiner Tasche waren, wurde immer kleiner. Erst verschwanden die vielen Kabel, um Beamer anzuschließen, doch auch das DVD-Laufwerk fängt seit Jahren Staub. Die Netzwerk-Adapter vergesse ich eigentlich immer und wo die USB-Sticks auch immer sind: Ich hoffe, es geht ihnen gut.

Stattdessen veränderten sich zunehmend die Rahmenbedingungen. Seit längerem habe ich bei Präsentationen keinen Beamer mehr angeschlossen. Abgesehen davon, dass Flachbildschirme viele Beamer verdrängt haben, sind Googles Chromecast-Stick und AppleTV eine willkommene drahtlose Alternative. Ein Browser-Fenster oder den Bildschirm zu übertragen, geht auch ohne Kabel. Einige Beamer-Modelle unterstützen mittlerweile ebenso drahtlose Bild-Übertragung. 

 

Kein „Welche Auflösung muss ich einstellen“ oder „Hat jemand mal ein HDMI-auf-DVI-auf-VGA-auf-irgendwas-Adapter”-Rumgefrage mehr. Wie befreiend! Das Anschließen von Netzwerk-Kabeln gerät ebenso langsam aus der Mode. „Wer kein funktionierendes WLAN hat, hat die Kontrolle über sein Leben verloren”, um einen berühtem Modemacher falsch zu zitieren. Man erwartet einfach WLAN.

Die Sache mit den USB-Sticks ist eben wie mit Kugelschreibern: Sie sind immer dann nicht da, wenn man sie braucht. Und wenn man sie braucht, überlegt man dreimal, wie herum man sie eigentlich in den USB-Anschluss stecken muss. Und „Auswerfen“ drücken vorm Abziehen nicht vergessen, sonst gibt es digitalen Ärger!

Nicht zu vergessen: die Überlegung, ob noch peinliche Sachen drauf sind, bevor man einen Stick weitergibt. Wenn möglich, Dateien bitte lieber per AirDrop, Dropbox oder einer der vielen Online-Alternativen schicken. Ja, im Notfall auch per E-Mail. Zugegeben, das geht nicht für jede Dateigröße, aber muss man sein Leben immer am Daten-Extremfall ausrichten? Mit zunehmenden Übertragungsgeschwindigkeiten und Datenvolumen schmelzen die Gründe gegen Kabel. Und das ist auch gut so!

Selbst bei den Netzteilen tut sich etwas. Nachdem die elektrischen Geräte in unserem Bad die ersten waren, die per Induktion aufgeladen wurden — Zahnbürsten und irgendein Ding, mit dem man sich das Gesicht abschrubbelt — folgten nun Apple Watches, bei denen das Ladekabel nur noch aufgelegt wird.

Die leider noch nicht ganz so kabellose Apple Watch unseres Autors

Es ist zwar noch ein Kabel, aber besteht die Hoffnung, dass es vielleicht bald eine Ladeplatte gibt, auf die man abends einfach alle Geräte legt, die mit Strom schlafen müssen. Wahrscheinlich wird es zwei geben — eine für Apple-Geräte und eine für alle anderen — aber ein bisschen zukunftsromantisch wird man wohl noch sein dürfen. Vielleicht sogar den Laptop drahtlos laden? Warum nicht. Bei Autos wird das ja auch nicht mehr ausgeschlossen.

Es ist eine Frage der Technik-Sozialisation, ob wir zuerst an ein Kabel denken oder nicht.

Caspar Clemens Mierau

Auch Laptops und Tablets nähern sich immer mehr an. Das aktuelle MacBook erinnert mit seiner Größe und den fehlenden Anschlüssen eher an ein Tablet mit Tastatur. Bei einem Tablet beschwert sich kaum jemand über die fehlenden Anschlüsse, weil wir keine Tradition des Kabel-ans-Tablet-Anschließens haben. Es fühlt sich aus einer Gewohnheit heraus nicht falsch an, keine Anschlüsse an einem Tablet zu haben. Es ist eben eine Frage der Technik-Sozialisation, ob wir als zur Lösung von Problemen zuerst an ein Kabel denken oder nicht.

Ich bin froh, kaum Kabel für mein Tablet zu haben. Für den Laptop-Gebrauch gewöhne ich mir sie jetzt ab — mit Gewalt, wenn es sein muss. Und wenn etwas mal nicht so gut klappt wie mit einem Kabel, denke ich einfach an die vielen Situationen, in denen ich froh war, keins nutzen zu müssen. Es gibt Technologien, für die noch länger Kabel notwendig sein werden. Im Audio- und Video-Bereich zum Beispiel. Doch Ausnahmen sollten uns nicht daran hindern, den Alltag zu verändern.

Das Kabel verschwindet. Und ich werde ihm nicht nachweinen. Es ist zuverlässig, aber hässlich. Es ermöglicht schnelle Datenraten, aber man muss es mit sich rumtragen oder danach suchen. Die Umstellung wird weh tun. Aber wenn dadurch der Kabelsalat verschwindet, nehme ich diesen Schmerz in Kauf. Und wer weiterhin Kabel nutzen möchte, soll das doch bitte tun. Ein Retro-Lebensgefühl ist ja nicht verkehrt.