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In Jordanien bezahlen Geflüchtete jetzt mithilfe der Blockchain

Christina zur Nedden 07.06.2017

Im Azraq-Flüchtlingscamp, mitten in der jordanischen Wüste können Geflüchtete aus Syrien ihre Einkäufe per Iris-Scan und Blockchain-Technologie bezahlen. Alexandra Alden organisiert gemeinsam mit Houman Haddad das Pilotprojekt für das World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen. Mit WIRED sprach Alden über die Chancen, die Technologien in den Camps bietet.

Die Kryptowährung Etherum ist vor Allem als Konkurrent von Bitcoin bekannt. Doch jetzt setzten die Vereinten Nationen sie ein um kryptographisch gesicherte Lebensmittelcoupons an Geflüchtete in Jordanien zu verteilen. In dem Projekt kooperieren der Innovation Accelerator des UN World Food Programmes, die Ethereum Entwickler von Parity Technologies, die Blockchain Big Data Firma Datarelle und der Londoner Hersteller von Hardware für die Iris-Erkennung, IrisGuard. Denn nur wer seine Augen scannen lässt, kann in den Camp-Supermärkten einkaufen. Im Januar wurde diese Technologie bereits mit 100 Menschen in Pakistan getestet. Anfang Mai startete das WFP eine 30-tägige Testphase im Azraq-Camp in Jordanien. Die Technologie kam so gut an, dass sie nun weiterhin im Einsatz bleibt. 

WIRED: In Jordanien leben über 600,000 syrische Kriegsflüchtlinge. Wie bekommen sie in den Camps vom Welternährungsprogramm etwas zu essen?
Alexandra Alden: Vor zehn Jahren hat das WFP sogenannte Cash Based Transfers eingeführt. Dabei bekommen Menschen Geld, um selbst einzukaufen, anstatt dass wir ihnen Essensrationen austeilen. Das spart Logistikkosten, kurbelt die lokale Wirtschaft an und gibt Geflüchteten mehr Würde. Im Azraq Camp gibt es einen großen Supermarkt, in dem traumatisierte Kriegsflüchtlinge eine Oase der Normalität vorfinden. Im Schnitt bekommt jede Familie zwischen 10 und 20 jordanischen Dinar (12-25 Euro) pro Monat, die sie eigenständig ausgeben kann.

WIRED:  Ein Mensch geht in einem Flüchtlingscamp in den Supermarkt. Was genau passiert an der Kasse? 
Alden: Das kommt auf das Camp an. In manchen zahlt man mit einfachen Papier-Gutscheinen, dann gibt es elektronische Karten aber immer öfter bezahlen Menschen durch einen Scan ihrer Iris, so auch im Azraq Camp. Am Ausgang des Ladens steht dann eine Maschine, die das Auge des Geflüchteten scanned, dessen Identität und Kontostand überprüft. Alle Geflüchteten, die im Camp wohnen, wurden auf diese Weise von UNHCR registriert und wir haben Zugriff auf diese biometrische Datenbank. So können zum Beispiel auch Kinder per Augenaufschlag einkaufen gehen.

Alexandra Alden, Project Manager WFP Accelerator

WIRED: Und was ändert sich mit dem Blockchain-Projekt?
Alden: Das Blockchain-Projekt verändert die Arbeitsweise des WFP nicht wirklich, sondern macht sie sicherer, effektiver und auch günstiger, da wir keine Transaktionsgebühren mehr an Banken zahlen müssen. Die Geflüchteten merken davon nichts, da sich die Veränderungen im Backend abspielen.

WIRED: Durch die Blockchain-Technologie werden Informationen zu Transaktionen direkt ans WFP geschickt. Die Bank als Mittelmann entfällt. Was passiert mit den Daten?
Alden: Die bleiben bei uns. Wir ziehen viele nützliche Information aus ihnen: WFP hat eine hausinterne real-time Aufzeichnung aller Transaktionen der Geflüchteten. Als noch mit Bargeld bezahlt wurde, war das nicht möglich. Jetzt können wir genau nachvollziehen, was Menschen kaufen, was sie benötigen und auch mit Ladenbesitzern absprechen, was vorrätig sein sollte.

WIRED: Verstehen Geflüchtete die Technologie, die sie nutzen?
Alden: Wir haben ihnen gesagt, dass sie von nun an mit Hilfe der Blockchain bezahlen, aber es ändert wirklich nichts an ihrer Nutzererfahrung. Den Iris-Scan gab es ja schon vorher, die Veränderungen laufen alle im Hintergrund ab. Und niemand, der diese Technologie nutzt, muss sie wirklich verstehen. Menschen sehen die Vorteile auch so: Nur wer den Iris-Scan macht, bekommt auch etwas zu essen. 

Eine Frau bezahlt im Supermarkt im Azraq-Camp per Iris-Scan und Blockchain-Technologie 

WIRED: Und wenn sie sich weigern ihre Augen scannen zu lassen?
Alden: Das ist noch nicht wirklich vorgekommen. Es gibt aber Alternativen, wie die elektronischen Karten. Das bieten wir auch an, da es Menschen gibt, deren Augen im Krieg verletzt wurden. Die müssen natürlich auch auf andere Weise bezahlen können. Zuständig für den Iris-Scan ist das britische Unternehmen Iris Guard, welches von UNHCR beauftragt wurde die Flüchtlinge per Scanner biometrisch zu registrieren. Dazu können wir also nichts sagen. 

WIRED: So viel Technik im Krisengebiet scheint ungewöhnlich. Wieso setzt das WFP in der Flüchtlingskrise darauf?  
Alden: Das Blockchain-Projekt ist eines von 25 Technologie-Projekten in 19 Ländern des Accelerators, der seit 2015 von München aus arbeitet (Anmerkung: Deutschland finanziert 100% aller Accelerator-Projekte). In Jordanien und im Libanon gibt es zum Beispiel das Tech for Food Projekt, in dem wir Geflüchteten digitale Grundfähigkeiten beibringen. Zusammen mit dem MIT haben wir in Jordanien Food-Computer entwickelt. Das sind Computer, so groß wie eine Waschmaschine, die verschiedene Klimas für den Anbau von Getreide testen. In Zukunft setzen wir auf Daten. In ein paar Jahren planen wir noch mehr Technologie, wie künstliche Intelligenz und Machine Learning in Camps einzuführen um noch mehr über die Verhaltensweisen von Geflüchteten zu erfahren.

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