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Mit iOS 11 will Apple Augmented Reality in den Alltag bringen

Jason Tanz 08.08.2017

Mit iOS 11 macht Apple Augmented Reality zu einem großen Feature. Nicht mit schrillen Effekt-Apps, sondern bodenständiger Anwendungssoftware. Kann das gelingen?

Die AR-Revolution kommt nicht mit großen Schritten auf uns zu, sondern Zentimeter für Zentimeter. Zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man sich Apples neue Augmented-Reality-Plattform ARKit anschaut. Diese basiert auf einem AR-Tool des Münchner Startups Metaio, das Apple im Frühjahr 2015 übernommen hat.

Mit ARKit können Entwickler Apps kreieren, die digitale Inhalte mit dem iPhone und iPad in die physische Welt integrieren – wie bei Pokémon Go. Diese Apps werden zusammen mit iOS 11 im September veröffentlicht. Dann kann man digitale Möbel in einen Raum platzieren oder schnell die Quadratmeterzahl der Küche ausrechnen lassen. Verglichen mit Magic Leap oder Google Glass wirken diese Apps ziemlich einfach, fast schon trivial. Aber genau mit diesen kleinen Schritten könnte sich AR irgendwann durchsetzen.

Matthew Miesnieks ist Venture Capitalist, der bei Samsung die Möglichkeiten von AR erforscht hat. Er bezeichnet ARKit als „bedeutendste Sache seit den Anfängen der AR-Industrie.“ Mit seinem Enthusiasmus ist er nicht allein. Indem Apple AR in die Hände von Millionen von Usern gibt, empfiehlt sich das Unternehmen als einflussreichster Lieferant von Augmented-Reality-Apps. Hunderte von Experimenten können durch das ARKit beweisen, wozu das Medium fähig ist.

Apple hat das Tool auf seiner Entwicklerkonferenz im Juni enthüllt. Augmented Reality könne den User auf eine neue Ebene der Existenz heben, das iPhone in ein „Tor zu einer virtuellen Welt“ verwandeln, versprach das Unternehmen. Mit einer vorgestellten App konnten Kinder die Geschichte von Goldlöckchen auf ihrer Bettdecke sehen. Eine andere App platzierte einen Lego Batwing auf dem Couchtisch. Während der Keynote zeigte ein Vertreter von Peter Jacksons Produktionsfirma eine intergalaktische Kriegsszene, die durch ein iPad betrachtet auf einem sonst leeren Tisch ausgetragen wurde.  

„Wäre es nicht cool, solche Weltraumschlachten in seinem eigenen Wohnzimmer zu sehen?“ fragte er. Diese Sprache der Superlative sollte jedem bekannt vorkommen, der schon einmal andere AR-Pioniere gehört hat. Rony Abovitz von Magic Leap prophezeit eine Welt, in der „Wale aus Turnhallenböden springen“ und „Sonnensysteme auf eine Handfläche passen“. Alex Kipman von Microsoft sprach über AR bei der TED Conference 2016 in ähnlich großen Tönen, als er die HoloLens vorstellte und in digitalen Höhlen und auf dem virtuellen Marsboden umherlief. „Geräte wie dieses werden holografische 3D-Inhalte direkt in unsere Welt bringen“, so Kipman, „und die Art und Weise verändern, wie wir unser Leben außerhalb der herkömmlichen Wahrnehmung erleben können.“

Verglichen mit diesem Techno-Mystizismus wirken die mit ARKit gebauten Apps geradezu banal. Eine Anwendung zeigt, wie ein neues Dekokissen wohl auf der Couch aussehen mag. Eine Speisekarten-App simuliert, wie das bestellte Gericht wohl auf dem Teller aussehen würde. Zugegeben, einige Entwickler füllen mit ihren Apps auch Räume mit virtuellem Wasser, andere lassen Portale in Paralleldimensionen erscheinen. Aber es sind die bodenständigen Anwendungen, die den meisten Applaus bekommen. Ein Video auf dem Twitterkanal @MadeWithARKit hat 12.000 Likes bekommen und zeigt eigentlich nur, wie sich ein virtuelles Bandmaß abwickelt.

Diese Genügsamkeit ist genau der Grund, warum ARKit-Apps sich wohl eher durchsetzen werden als andere ambitioniertere Ansätze, die letztendlich in der Vergangenheit aber immer wieder scheiterten. Inmitten dieser heißgelaufenen Rhetorik und den Versprechungen bewusstseinserweiterter Möglichkeiten vergisst man leicht, dass Menschen eventuell gar nicht wollen, dass sie die Technik auf eine gänzlich neue Ebene der Existenz hebt. Sie wollen einfach nur Probleme lösen und ihr Leben etwas vereinfachen.

Man könnte es die „Induktive Theorie der Plattformentwicklung“ nennen. Erfolgreiche Verbrauchertechnologien beginnen nicht mit großen Ideen, die nach dem Trickle-Down-Effekt in kleinere, alltagstauglichere Produkte münden. Sie beginnen als kleine Lösungen, die nach und nach zu großen Ideen werden. Facebook hat es nicht von Anfang an darauf angelegt, der größte Player in den digitalen Medien zu werden. Die Plattform begann als Ort, and dem sich Studenten miteinander vernetzen konnten. Das iPhone wurde aus einem simplen MP3-Player geboren, der erst viel später iTunes, Anrufe, Internetzugang und dann den App Store hinzufügte.

Etwas Ähnliches könnte gerade mit der Augmented Reality vorgehen. Vor dem ARKit waren die Spectacles von Snap das erfolgreichste Experiment. Diese gaben dem Nutzer lediglich eine neue Möglichkeit mit der Chat-App zu interagieren. Pokémon Go ist ein weiteres Beispiel von erfolgreicher AR. „Menschen hatten das Gefühl, normale Dinge auf eine etwas andere und spaßigere Art und Weise zu tun“, sagt Josh Elman von Venture Capital-Unternehmen Greylock Partners. „Es ist war mehr Spielzeug als eine völlig neue Welt.“

Es wäre nicht das erste Mal, dass das iPhone ein Medium neu definiert hat, indem es eine bescheidenere Alternative präsentierte. Die Videospiel-Branche wurde von teuren und komplizierten Konsolenspielen dominiert, bis das iPhone das Konzept von Gelegenheitsspielen geringerer Fallhöhe wie Candy Crush und Angry Birds eingeführt hat.

Einige Beobachter glauben, dass das ARKit nur eine Einstiegsdroge ist, ein erster Schritt, der unweigerlich zur Ambition eines Magic Leap führen wird. Chris Dixo vom Venture Capital-Geber Andreessen Horowitz tweetete, dass ARKit ein „großer Schritt“ in Richtung „vollständiger VR/AR-Erfahrung“ ist. Sam Dauntesq, der @MadeWithARKit betreibt, erwartet, dass AR zwangsläufig den Schritt vom Smartphone zur Brille vollziehen wird und damit eine permanente AR-Schicht über die Realität legen wird. Apple würde ihm da sicherlich zustimmen. Das Unternehmen arbeitet angeblich schon länger an einer ARKit-fähigen Brille. Ein Gerücht, das laut Miesnieks zu „Einhundert Prozent“ stimmt. „Ich habe mit Leuten gesprochen, die schon einen Prototypen gehalten und ausprobiert haben,“ sagt er. Apple lehnte eine Stellungnahme ab.

Vielleicht endet AR am Ende wirklich so, wie es langjährige Befürworter immer wollten: auf unseren Nasen, immer angeschaltet und als Tor in eine Welt, die wir uns im Moment kaum vorstellen können. Sollten wir je dort ankommen, hat die Revolution aber nicht mit großen Visionen und atemberaubenden Demos begonnen. Der Fortschritt wird schleichend passieren, Stück für Stück, jeweils ein Problem auf einmal – messbar in Zentimetern.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
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