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Wird Mikroplastik bald durch flüssige Seide ersetzt?

Anna Schughart 20.12.2017

Seit Tausenden Jahren nutzen die Menschen die Kokons der Seidenspinner, um feine Textilien herzustellen. Doch Seide ist nicht nur für Kleider gut, sie kann auch Plastik ersetzen. Die Seiden-Kosmetik von Silk Therapeutics zeigt, wie das aussehen könnte.

Viele Kosmetika enthalten Mikroplastik. In Peelings oder manchen Zahnpasten wird es zum Beispiel wegen seiner Schleifwirkung genutzt. In die Kategorie „Mikroplastik“ fallen dabei alle Teilchen, die fünf Millimeter oder kleiner sind. Und die finden sich fast überall: im Fluss, im See, in den Meeren. Das hat Auswirkungen auf die Umwelt. Welche genau, werde gerade sehr intensiv erforscht, sagt Martin Jekel von der TU-Berlin.

Das meiste Mikroplastik stammt dabei wahrscheinlich von größeren Plastikteilen, die in der Umwelt zerfallen. Das Umweltbundesamt mahnt an, in Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln sei Mikroplastik verzichtbar und deshalb sollten „auch diese Industriezweige ihrer Verantwortung gerecht werden und zu einer Reduktion des Eintrags von Mikroplastik in die Umwelt beitragen“.

Silk Therapeutics, ein Hautpflege-Unternehmen aus Boston, verzichtet ganz auf Mikroplastik. Seine Aufgaben werden stattdessen von flüssiger Seide übernommen. In den Produkten von Silk Therapeutics diene die Seide dabei auch als Emulgator, sie glätte die Haut, beruhige und unterstütze sie bei der Heilung, verspricht Co-Founder Gregory Altman. „Seide in ihrer grundlegenden Form ist ein echter Multitasker.“ Um diese Eigenschaften nutzen, sie für Anti-Aging-Creme, Facial Cleanser oder Moisturizer verwenden zu können, muss man die Seide aber wieder flüssig machen. „Daran haben wir in den vergangenen vier Jahren gearbeitet“, sagt Altman.

Seide besteht hauptsächlich aus Proteinen. Wenn die Substanz den Körper der Raupe verlässt, erhärtet sie sich an der Luft zu einem Seidenfaden. Den nutzen die Seidenspinnerraupen, um sich für ihre Metamorphose in einen Kokon einzuspinnen. Der Kokon besteht dabei aus einem einzigen, mehrere Hundert Meter langen Seidenfaden. Wenn der Schmetterling schlüpft, öffnet er den Kokon an einer Stelle. In der Seidenproduktion tötet man deshalb vorher die Seidenraupen, um so den unversehrten Seidenkokon abwickeln zu können.

Für die Produktion von flüssiger Seide ist das nicht nötig. „Bei unserem Prozess kann die Raupe zum Schmetterling werden und wir nutzen den liegen gebliebenen Kokon“, sagt Altman. Auch beschädigte Kokons, die sonst von den Seidengarnproduzenten weggeworfen würden, können noch verflüssigt werden.

In der flüssigen Form kann die Seide nicht nur Mikroplastik in Kosmetika ersetzen. Dank 3D-Druck könnte man sie in Zukunft zum Beispiel nutzen, um Knochen zu drucken oder Becher herzustellen, die man (im Gegensatz zu anderen To-Go-Bechern) ohne Schuldgefühle wegwerfen könnte.

Altman und seine Mitgründerin Rebecca Lacouture haben sich aber erst einmal darauf konzentriert, Mikroplastik in der Haut- und Körperpflege durch Seide zu ersetzen. Das hat auch einen persönlichen Grund: Als sie 2008 Eierstockkrebs gehabt habe, sei sie auf die verschiedenen Chemikalien aufmerksam geworden, die in der Hautpflegeindustrie genutzt werden, erzählt Lacouture: „Ich wollte ein Hauptpflegeprodukt kreieren, das man nicht nur während einer ärztlichen Behandlung oder Schwangerschaft verwenden kann, sondern dass so gut funktioniert, dass man es sein ganzes Leben nutzen möchte.“

Noch sind die Produkte von Silk Therapeutics relativ teuer. Doch laut Altman arbeite die Firma daran, die Effizienz der Flüssigseiden-Technologie zu steigern. Auch die Produktion von Seide ließe sich noch ausweiten, sagt er. „Die Vorstellung, Tonnen von flüssiger Seide zu produzieren, ist kein Traum, sondern eine Realität, die nur 12 bis 18 Monate entfernt ist.“

Kann die Seide dann das Plastik komplett ersetzen? „Wir können von der Seide nicht erwarten, dass sie all die verschieden Formen, in denen Plastik verwendet wird, ersetzt“, sagt Altman. Aber: In der Körperpflege und auch in einem Großteil der Textilien könnte die Seide Plastik komplett unnötig machen.