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Gamechanger / Supersportler aus dem Reagenzglas

Tim Rittmann 25.09.2015

Seit es den Sport der Moderne gibt, gibt es Doping — denn der Erfolg heiligt oft die Mittel. In Zukunft könnten Top-Leistungen ohne Gendoping sogar kaum noch denkbar sein. Oder ist der Eingriff in das Erbgut eines Menschen vielleicht doch ein zu radikaler Schritt?

Seit Beginn des neuen Jahrtausends widmet sich die Anti-Doping-Agentur einem neuen Feind. „Gendoping ist eine Gefahr für die Integrität des Sports und für die Gesundheit der Athleten“, heißt auf der WADA-Webseite. Ein wenig Fantasie reichte aus, um Superathleten mit aktiviertem Sport-Gen durch die olympischen Stätten dieser Welt flitzten zu sehen, eine Goldmedaille nach der anderen gewinnend. Fälle von Gendoping am Menschen waren zwar nicht bekannt, aber die Zeitenwende schien nah, und Gendoping war in aller Munde.

„Doping ist eine Technologie, und wir können einen regelrechten Schub beobachten“, sagt Swen Körner, Professor an der Sporthochschule Köln und Mitglied des Zentrums für präventive Dopingforschung. Schon 1934 hat Japan angeblich systematisch Blutdoping betrieben. „In den Sechziger- und Siebzigerjahren waren es dann Amphetamine, in den Achtzigern die anabolen Steroide, danach kam EPO.“ Und inzwischen ist die Ära des Gendopings angebrochen. In der Theorie heißt das: Sportlern werden Nukleinsäuren oder genetisch modifizierte Zellen verabreicht, um ihre Leistung explodieren zu lassen. Ob das heute schon jemand ausprobiert hat? Keiner weiß es. Gendoping ist eine Art Gentherapie. Nur eben nicht für Menschen, die an einer schlimmen Erbkrankheit leiden, sondern für solche mit Medaillenträumen. „Die Gentherapie bekommt einen immer größeren Stellenwert, und sie wird auch in den Spitzensport hinüber schwappen,“ sagt Doping-Experte Körner. Derjenige, dessen Körper die Präparate am besten verträgt, könnte sich dann zum schnellsten oder stärksten Menschen der Welt krönen lassen.

Wer sich ein Bild davon machen möchte, wie Gendoping den Menschen verändern könnte, sucht am besten im Internet nach „Wendy, dem Muskelhund“. Wendy gehört zur Rasse der Whippets. Das sind sehr schlanke und elegante Windhunde, bei denen jedoch hin und wieder ein Gen aus der Reihe tanzt, das für die Hemmung des Muskelwachstums verantwortlich ist. Hunde wie Wendy haben einen genetischen Defekt, der sie vor Kraft kaum laufen, geschweige denn einen Hasen fangen lässt. Es gibt aber auch eine Light-Variante dieser Mutation. Sie macht den Hund tatsächlich leistungsfähiger, und dieser Gendefekt kann auch beim Menschen vorkommen — oder aber künstlich herbeigeführt werden. Es gibt unterschiedliche Gedankenspiele zu Muskelwachstum und Regeneration zwischen Trainingseinheiten. Aber wer bitte ist so dämlich und spielt Versuchskaninchen für eine derartig gefährliche Frischzellenkur?

Wer bitte ist so dämlich und spielt Versuchskaninchen für eine derartig gefährliche Frischzellenkur?

Außerdem: Gendoping ist ein Versprechen, den Körper besser und schneller zu machen, ohne dabei Spuren zu hinterlassen. Aber Forscher aus Mainz und Tübingen haben schon einen Test entwickelt, um eine bestimmte Methode, die Muskeln mit mehr Sauerstoff zu versorgen, nachzuweisen. Die Gene werden den Wirkorten im Körper nämlich mit Hilfe von Viren gezielt zugeführt, und diese „Viren-Fähren“ genannten Hüllen hinterlassen Spuren im Körper.

Andererseits gleicht der Kampf gegen immer neue Dopingmethoden einem Rennen zwischen dem armen, muskelbepackten Windhund Wendy und zehntausend Hasen. Und er wirft neue juristische Fragen auf: Wird ein manipuliertes Gen, sobald es in einen DNA-Baukasten integriert wurde, nicht quasi zu einem körpereigenen Gen? Und darf ein Athlet mit einer künstlich verbesserten DNA an Wettbewerben teilnehmen? Generell war die Debatte um Doping nie bloß eine Fachdebatte unter Medizinern und Sportlern, sondern immer auch eine moralische Grundsatzdebatte für jedermann. Sie zeigt, wie paradox sich unsere Gesellschaft dem Thema nähert. „Wir verlangen menschliche Höchstleistungen und gleichzeitig eine hohe Integrität und trotzdem wird Fairness weniger prämiert als Erfolg“, sagt Swen Körner. Und je professioneller der Sport wird, desto schizophrener wird die Situation. Die Helden auf dem Siegertreppchen sollen Werbeträger und Vorbilder für ganze Generationen sein, weil es um viele Milliarden geht. Und der Wunsch nach Sauberkeit im Sport wird mit dem erhöhen Leistungsdruck zunehmen und ihn im gleichen Maße unmöglich machen. Eine vertrackte Situation.

Wir verlangen Höchstleistungen und gleichzeitig Integrität, trotzdem wird Fairness weniger prämiert als Erfolg

Swen Körner, Doping-Experte

Hinzu kommt die allgemein Akzeptanz, sich zu optimieren — auch eine Entwicklung, die sich nicht auf den Mikrokosmos des Leistungssports beschränkt. Im Gegenteil, Lebensoptimierung ist zu einem anerkannten Hobby geworden. Ein Smartphone und ein paar Gadgets reichen, um sich von Kopf bis Fuß zu analysieren. Und einen DNA-Test für Athleten gibt es schon für knapp 120 Euro im Netz. Zuerst verschickt man eine Speichelprobe, und zwei Wochen später bekommt man dann Antworten auf so quälende Fragen, welche Vitaminpräparate zu einem passen und ob man mehr Ausdauer oder eher Kraft trainieren soll.

Alles spricht dafür, dass es Doping auch in der Zukunft geben wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Medizintechnik direkte Eingriffe in die DNA der Sportler erlaubt, ist hoch. Und es wird jede Menge Versuchskaninchen geben. Der Arzt Robert Goldman befragt regelmäßig Top-Athleten, ob sie ein Droge mit eingebauter Goldmedaillen-Garantie nehmen würden. Der einzige Haken: Es würde sie spätestens fünf Jahre danach umbringen. Die Hälfte aller Sportler würde auf den Deal eingehen. 

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