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Wie Biohacker die Grenzen des Körpers aufheben

Karsten Lemm 05.12.2016

Wo die Biologie an Grenzen stößt, hilft der Mensch mit Technik nach. Ist der Homo sapiens ein Auslauf­modell?

Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im Dezember 2016. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

Spüren, wenn irgendwo auf der Welt die Erde bebt. Immer wissen, wo Norden ist. Im Supermarkt durch Handauflegen bezahlen, einfach so: All das wird möglich, wenn Menschen beschließen, Elektronik nicht nur am Körper zu tragen, sondern in sich aufzunehmen – sodass Chips draußen und drinnen sich Informationen zufunken können. Dann brummt der implantierte Empfänger, wenn das Internet eine Erschütterung der Erdkruste meldet, und der Chip in der Hand übermittelt Kontodaten, die sonst in der Kreditkarte gespeichert sind.

Biohacker nennt sich die wachsende Gemeinde technikfreudiger Tüftler, die sich mit der naturgegebenen Ausstattung ihrer organi­schen Hülle nicht abfinden mögen. „Uns fehlt nicht unbedingt etwas“, erklärt der Schwede Hannes Sjöblad, einer der Bannerträger der Bio­hacker-Gemeinde. „Wir sind einfach neugierig, was wir mit schlau­­er Technologie, die wir im Körper aufnehmen, alles anstellen können.“

Es ist der erste, spielerische Schritt in eine Zukunft, in der sich der Mensch endgültig über die Grenzen der Schöpfung erhebt, ge­trieben von seinem ewigen Hunger auf das Mehr: mehr Macht, mehr Schönheit, mehr Spaß, mehr Jahre auf diesem Planeten. „Auf ihrer Suche nach Glückseligkeit und Unsterblichkeit versuchen Menschen nichts weniger, als sich in Götter zu verwandeln“, schreibt der israelische His­toriker Yuval Noah Harari, Autor des Bestsellers Eine kurze Geschichte der Menschheit, in seinem neuen Buch Homo Deus.

Auf ihrer Suche nach Unsterblichkeit versuchen Menschen nichts weniger, als sich in Götter zu verwandeln“

Yuval Noah Harari

Nicht Allmacht stehe dabei im Vordergrund, argumentiert Harari, sondern der unbezwingbare Wille, die Grenzen der Biologie zu überwinden. Und sobald es gelingt, den alternden Körper immer wieder zu erneuern, sei es durch Organe aus der Gewebezucht, Nanoroboter oder Gentechnik, werden dieselben Methoden unweigerlich auch den Wunsch wecken, das Ich umzugestalten, ganz nach Belieben: „Sie könnten sich die Kräfte eines Herkules einkaufen“, spekuliert Harari, „die Sinnlichkeit der Aphrodite oder die Weisheit einer Athena.“

Diese Zukunft mag noch in weiter Ferne liegen, aber sie wirft jetzt schon Fragen auf, die Antworten verlangen. Eine der dringendsten lautet: Soll es Gentechnikern erlaubt sein, die Stammzellen mensch­licher Embryonen zu manipulieren? Möglich, dass Krankheiten, die lebenslan­ges Leiden bedeuten, künftigen Generationen dadurch erspart werden könnten.

Denkbar aber auch, dass diese Technologie dazu dienen könnte, Menschen mit bestimmten Eigenschaften zu züchten – ganze Armeen womöglich, die willentlich Diktatoren zu Diensten sind. Eine Forschergruppe um den Harvard-Biologen George Church hat bereits vorgeschlagen, der Dekodierung des menschlichen Genoms nun die synthetische Erschaffung eines Menschen folgen zu lassen.

Das Projekt ist hoch umstritten – nicht zuletzt, weil ge­nome editing, das Bearbeiten des Genoms, noch längst nicht fehlerlos funktioniert. Doch selbst wenn: Wer bestimmt, was gesund ist und welche Veranlagungen vorsorglich aus dem Erbgut entfernt werden? „Sollten wir versuchen, jemanden wie Emily Brontë zu heilen?“, fragt der Oxford-Biologe John Parrington – die britische Schriftstellerin litt an einer Verhaltensstörung, die heute als Autismus diagnostiziert werden würde.

Vielleicht mündet die aktuelle Gentechnik-Euphorie ohnehin in Enttäuschung, weil alles weit komplizierter ist als gedacht. Doch für jeden Weg, der sich als Sackgasse erweist, werden sich andere auftun, um die Einschränkungen der Biologie zu überwinden. Ob Mikro­elektronik, künstliche Intelligenz oder Nanotechnologie – an zu vielen Stellen entdecken Wissenschaftler neue Möglichkeiten zum Reparieren und Verbessern, als dass es anders sein könnte.

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Was wir am Ende mit unseren göttlichen Fähigkeiten anstellen werden, wie die 
Gesellschaft damit umgehen wird, wenn nur die Haben­den sich Unsterblichkeit erkaufen können, ob es dem Menschen überhaupt gelingt, sich schnell genug zu verändern, um den eigenen Er­fin­dun­­­­­­­gen zu folgen – all das sind offene Fragen. Klar scheint nur, dass wir drauf und dran sind, das Schlusskapitel in der Geschichte des Homo sapiens zu schreiben, um ihn durch etwas Selbstgeschaffenes zu ersetzen.

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