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Wie ein Berliner Startup LTE auf den Mond bringen will

Anna Schughart 15.03.2017

Aus dem Google Lunar X-Prize sind sie erst mal draußen. Macht aber nichts, finden die PT Scientists. Denn das Berliner Space-Startup hat viel größere Pläne: Infrastruktur auf dem Mond anbieten – und LTE.

UPDATE 20.03.2017: Zunächst war nur von einem „großen Partner“ die Rede, jetzt ist es öffentlich: Zusammen mit Vodafone wollen die PT Scientists ein LTE-Funknetz auf dem Mond errichten. Die nötige Funktechnik soll im Landemodul Alina sowie den zwei Mondrovern stecken, dank LTE sollen beide sich voneinander wegbewegen können, ohne die Verbindung zueinander zu verlieren.

Eine passendere Adresse hätte es in Berlin kaum geben können. Ausgerechnet neben der Allee der Kosmonauten haben die PT Scientists vor ein paar Wochen ihr neues Hauptquartier aufgeschlagen. Aus Marzahn zum Mond – hier soll die Mission Realität werden. Karsten Becker, Head of Electronics führt durch die neuen Räume: oben die Büros, unten die großen Hallen. In der ersten bleibt Becker stehen: „Hier wird dann das Mission Control Center sein.“

Zu sehen ist davon noch nichts. Überhaupt könnte man das graue Gebäude auch für den Sitz einer ganz normalen Firma halten. Wären da nicht die zahlreichen Hinweise auf den Mond – und natürlich die drei Hauptdarsteller: die beiden Rover, die auf einem Hügel von roter Eifel-Lava auf ihre nächste Testfahrt warten und ALINA, die ein bisschen Abseits in einer Ecke steht.

Robert Böhme und Karsten Becker von den PT Scientists

ALINA, das Autonomous Landing and Navigation Module, das die PT Scientists im vergangenen Sommer präsentierten, wird ihre Fracht laut Plan 2018 zum Mond bringen. Wenn sie das schafft und sicher aufsetzt, sollen die zwei Audi Lunar Quattro Rover zu der Landestelle von Apollo 17 fahren. Sie sollen das Mond-Auto (LRV) untersuchen, das die Amerikaner 1972 dort stehen ließen, und Experimente machen. Knapp elf Tage haben sie dafür Zeit. Danach wird es Nacht auf dem Mond, und die Rover sterben den Kältetod.

Das Landemodul ALINA soll zwei Rover zum Mond bringen, der Prototyp steht im Erdgeschoss des neuen PT Scientists-Hauptquartiers für Tests bereit

Dass die PT Scientists ausgerechnet die Stelle besuchen, an der die letzte bemannte Mondmission ihre Spuren im Staub hinterlassen hat, ist mehr als nur eine Geste. Es ist ein Hinweis darauf, dass das Startup kein One-Hit-Wonder sein will. Und dass es nicht mehr darum geht, unbedingt den Google Lunar X-Prize zu gewinnen. Google hatte 2007 dem ersten kommerziellen Team, das es schafft, auf dem Mond zu landen, dort einen Rover herumfahren zu lassen und Aufnahmen zurück zur Erde zu schicken, ein Preisgeld von 20 Millionen Dollar versprochen. Die PT Scientists arbeiten inzwischen an viel größeren Plänen.

Für uns ist es zu riskant, in diesem Jahr zu starten

Robert Böhme

Dementsprechend locker nehmen CEO Robert Böhme und Becker es, dass sie offiziell gar nicht mehr im Wettbewerb sind. Voraussetzung dafür wäre ein Launch mit einer Trägerrakete noch vor Ende des Jahres. „Für uns ist es zu riskant, in diesem Jahr zu starten“, sagt Böhme. „Unser Ziel ist es nicht, dass die Mission scheitert, sondern sie soll ein Erfolg werden. Wir launchen so früh wie möglich.“ Heißt: Anfang oder Mitte 2018. Dass es eines der im Wettbewerb verbleibenden Teams schafft, noch in diesem Jahr Richtung Mond zu starten, bezweifeln die beiden ohnehin stark.

Da geht’s hin: Auf einer Mondkarte, die in seinem Büro an der Wand hängt, zeigt Böhme die geplante Landestelle für ALINA und die Rover

Die Selbstsicherheit nährt sich aus der Überzeugung, ein tragfähiges Businessmodell für die kommerzielle Raumfahrt zu haben. Becker öffnet die Tür zu einer weiteren Lagerhalle. Bis auf ein paar Kisten ist auch hier noch nicht viel zu sehen. Doch aus dieser Halle soll ein Reinraum entstehen, in dem dann die finale Integration von ALINA und der Rover geschieht. Auch die vielen Büroräume im ersten Stock, in denen die PT Scientists vielleicht bald noch weitere Space-Startups aufnehmen, zeigen: Aus der Gruppe von Hobby-Tüftlern, die sich in einer Hauruck-Aktion für einen Wettlauf zum Mond gemeldet hatte, ist eine richtige Firma mit Festangestellten und einem Businessmodell geworden. Von Part-Time Scientists zu PT Scientists – schließlich wird an den großen Mondplänen nicht mehr nur halbtags gearbeitet.

Ein frühes Rover-Modell hat noch den Bastler-Charakter der einstigen Part-Time Scientists

„Unser Beitrag muss mehr sein, als dass wir nur billiger ein Raumschiff zusammenbauen können“, sagt Böhme. Die PT Scientists wollen nicht nur einmal auf dem Mond landen, sondern immer wieder. Dabei sollen die Raumschiffe Materialien und Experimente von der Erde mitbringen. Ein Kilogramm Fracht auf ALINA gibt es für Interessierte ab 700.000 Euro. Mit einer voll ausgebuchten Mission können die PT Scientists demnach mindestens 70 Millionen einnehmen. Bei Kosten von etwa 35 Millionen wird so aus den Mondflügen ein rentables Geschäft, rechnet Böhme vor.

Der Mond wird in den nächsten paar Jahren extrem in den Fokus von diversen Raumfahrtagenturen geraten

Karsten Becker

Doch die PT Scientists wollen mehr als nur ein extraterrestischer Paketdienst sein. Die Firma plant, zum Infrastruktur-Dienstleister auf dem Mond zu werden. Wer das braucht? Zum Beispiel das Monddorf, das ESA-Chef Jan Wörner gern als Nachfolger der Internationalen Raumstation aufbauen würde. „Der Mond wird in den nächsten paar Jahren extrem in den Fokus von diversen Raumfahrtagenturen geraten“, ist sich Becker sicher.

Aber er sagt auch: „Es ist ja nicht so, dass man einfach einen Astronauten mit ein paar Backsteinen zum Mond hochschickt und der mauert sich dann sein Moon Village zusammen.“ Bis die ersten Menschen auf dem Mond einziehen, braucht es Pionierarbeit von Robotern – auch das verstehen die PT Scientists unter Infrastruktur. Besonders wichtig ist der Aufbau von Kommunikation. Dabei soll die PT Scientists ein weiterer Partner unterstützen, über den Böhme und Becker zunächst nichts verraten wollten.

Mittlerweile ist es jedoch öffentlich: Zusammen mit Vodafone wollen die PT Scientists auf dem Mond ein LTE-Netz aufbauen. Das soll dazu dienen, den beiden Rovern eine Kommunikationsmöglichkeit zu geben. Zudem sollen Informationen und Bilder kontinuierlich zur Erde gesandt werden. Das ganz verbraucht laut den PT Scientists dann deutlich weniger Strom als herkömmliche Standards. Der Autohersteller Audi ist an der Entwicklung der Rover beteiligt.

„Hell, yeah, it’s rocket science!“ steht auf der Platine, die Karsten Becker im Entwicklungslabor betrachtet

Bis vor ein paar Wochen waren die PT Scientists mit ihrer Idee, Pionierarbeit für die erste Menschensiedlung auf dem Mond zu machen, noch ziemlich allein. Doch dann berichtete die Washington Post über die Pläne von Jeff Bezos, einen Lieferservice zum Mond aufzubauen – inklusive dem Transport von Menschen. Bezos ist der Kopf hinter Amazon und dem Raketenentwickler Blue Origin, das bedeutet ernstzunehmende Konkurrenz.

Von Douglas Adams bis zu Startup-Ratgebern: das Bücherregal im Büro von Robert Böhme, an der Wand ein Bild mit Widmung vom Star-Trek-Designer Rick Sternbach

Doch die PT Scientists sehen das nicht so eng: „Je mehr an dem Projekt Mondbasis teilnehmen, desto besser“, sagt Becker. Das senke die Kosten. Außerdem gebe es in der Raumfahrt immer noch nationale Interessen und „dort sind wir als deutsches beziehungsweise europäisches Unternehmen ziemlich einzigartig aufgestellt“.

Doch das sind Zukunftspläne, erst einmal muss ALINA sicher landen. Und bis dahin gibt es noch viel zu tun. Was genau? „Die Antwort ist: Im Kern eigentlich alles“, sagt Böhme. Gerade heute kamen neue Räder für die Rover, mit einem neuen Profil, die werden jetzt gleich getestet.

Ein Mitarbeiter prüft Alu-Räder für die Rover, die von einer Spezialfirma in Hamburg per 3D-Druck hergestellt wurden

In den kommenden Monaten werden sich die PT Scientists dann besonders um das Thema Mission-Control kümmern. ALINA landet höchstwahrscheinlich selbstständig, doch die Rover müssen von der Erde aus über das Mondterrain gesteuert werden. Was nach „Joystick nach vorne ist gleich Rover fährt geradeaus“ klingt, ist ein komplizierter Prozess, bei dem es am Besten für jede Eventualität ein Protokoll gibt. Dazu planen die PT Scientists einen Testlauf in der Wüste. Dazwischen beschäftigen sich Böhme und Becker mit Fragen wie: Wie versichert man ein millionenschweres Raumschiff für den Transport? Und hat es Sinn, das Raumschiff zum Launch vielleicht erst mal nach San Francisco zu schicken, damit man bei der Importsteuer spart?

Die Reise zum Mond beginnt in einem flachen Gebäude zwischen Plattenbauten und den Ausstellungsstücken eines benachbarten Autohändlers.

Gelauncht wird dann von Florida aus, wahrscheinlich mit einer SpaceX-Rakete. Die bringt ALINA in einen passenden Orbit, von dem aus sie ihre Reise starten kann. Und wer weiß, wenn bis dahin noch kein Konkurrenzteam auf dem Mond gelandet ist, kann das Team vielleicht doch noch den Preis gewinnen?

Aber selbst wenn nicht: ALINA und die Rover haben trotzdem genug mit ihren Experimenten zu tun. Eines zum Beispiel untersucht, wie Pflanzen auf dem Mond wachsen. Die Rover dagegen sollen unter anderem an verschiedenen Punkten die Gravitation auf dem Mond messen.

Das erste Ziel, das die beiden ansteuern, ist aber der LRV. Die Rover sollen Fotos von dem Mond-Auto machen und so überprüfen, wie sich die verschiedenen Materialien in den vergangenen 44 Jahren gehalten haben. Haben sie die krassen Temperaturschwankungen überlebt, sind sie von kleinen Einschlägen völlig zerlöchert oder sehen sie aus wie neu? Keine ganz unwichtigen Informationen, wenn man eine permanente Mondbasis plant.

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