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Gibt es Alternativen zu Glyphosat?

Anna Schughart 28.11.2017

Die Staaten der EU haben sich entschieden – für den Einsatz des Unkrautgifts Glyphosat. 18 der 28 Länder stimmten für die Verlängerung der Lizenz des Pflanzenschutzmittels um weitere fünf Jahre. Auch der deutsche CSU-Landwirtschafsminister Christian Schmidt.

Alle Landwirte stehen vor der gleichen Aufgabe: Das Unkraut muss weg. Denn Unkräuter stehlen Nährstoffe, Licht und Platz und verunreinigen die Ernte. Eine Möglichkeit, sie loszuwerden, ist, den Boden zu bearbeiten, zum Beispiel, indem man ihn pflügt. Eine andere sind Unkrautvernichtungsmittel, sogenannte Herbizide. Zum Beispiel Glyphosat. Glyphosat ist ein Totalherbizid, das bedeutet, es wirkt gegen sehr viele verschiedene Pflanzenarten.

Es blockiert ein pflanzliches Enzym, das zur Herstellung von bestimmten Aminosäuren gebraucht wird, die die Pflanzen zum Leben benötigen. Umweltorganisationen wie Greenpeace warnen, das Mittel könne sich in einem Großteil unserer Lebensmittel ablagern. Der Einstufung der WHO-Agentur für Krebsforschung als "wahrscheinlich krebserregend" widersprechen zahlreiche andere Institutionen, wie zum Beispiel das Bundesinstitut für Risikoforschung oder die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Die EU-Staaten, auch Deutschland, haben die Zulassung von Glyphosat jetzt um fünf Jahre verlängert. Danach muss eine neue Entscheidung her.

Zwar sind die anderen, potenziell eingesetzten Herbizide zugelassen. Aber sie seien, so Horst-Henning Steinmann vom Zentrum für Biodiversität und nachhaltige Landnutzung an der Universität Göttingen, nicht unbedingt besser als das umstrittene Glyphosat, sondern könnten sogar noch mehr Nebeneffekte haben. Zudem sind die anderen Pflanzenschutz- beziehungsweise Unkrautvernichtungsmittel selektiv, also bei weitem nicht so universal einsetzbar. „Glyphosat lässt sich deshalb nicht eins zu eins ersetzen“, sagt Steinmann. Mehr Bodenbearbeitung bedeute dagegen in vielen Fällen mehr Erosion, die die Böden schädigt – auch das wollen Landwirte vermeiden.

Die Frage lautet deswegen: Woran orientiert man sich in der Landwirtschaft – und besonders beim Einsatz von Herbiziden? „Akzeptieren wir bestimmte Restrisiken, weil das Risiko für jeden einzelnen gering ist?“, wie es Steinmann ausdrückt. „Oder betrachten wir die tatsächliche Möglichkeit, dass irgendwo auf der Welt etwas passieren kann, als ausreichend, um Glyphosat zu verbieten?“ Letzteres, so der Forscher, wäre ein Paradigmenwechsel, der jetzt auf sich warten lassen wird.

In der Forschung wird er allerdings seit Jahren diskutiert: „Die Kritik am Glyphosat ist eine Kritik an der aktuellen Landwirtschaft. Es ist eine Kritik an einer Landwirtschaft, die überhaupt Herbizide einsetzt“, sagt Steinmann.

Landwirtschaft ohne Unkrautvernichter – geht das?
Herbizide sind kein Allheilmittel. Vor allem weil Pflanzen, die mit ihnen behandelt werden, Resistenzen gegen die Wirkstoffe entwickeln. Immer mehr Unkräuter seien immer schlechter zu bekämpfen, warnt Steinmann und die abnehmende Wirkung von chemischen Unkrautvernichtern werde auch die Landwirtschaft in Deutschland in Zukunft immer mehr beschäftigen. „Es gibt auch einige Wissenschaftler, die sagen: Es ist gut, darüber nachzudenken, Herbizide sparsam einzusetzen und uns nicht komplett von ihnen abhängig zu machen.“

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Biobauern verzichten schon heute auf chemisch-synthetische Pestizide. „Ziel der ökologischen Unkraut- beziehungsweise Schaderreger-Regulierung ist nicht deren komplette Vernichtung, sondern das Erreichen eines wirtschaftlich tolerablen Niveaus“, sagt Joyce Moewius, Sprecherin des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Dabei würden vor allem mechanische Verfahren (bei denen Bauern zum Beispiel vom Traktor aus mit Striegel und Hacke im Schlepptau Unkräuter bekämpfen) und thermische Maßnahmen (Abflammen oder Bodendämpfung) angewendet. „Die meisten Ökobauern wirtschaften allerdings mit einer sehr intensiven Bodenbearbeitung, weil man nur so die Unkräuter in Schach halten kann“, sagt Steinmann.

Gibt es Alternativen?
Die Ingenieure Roland Tschakarow und Andreas Michaels vom Bosch-Startup Deepfield Robotics arbeiten derweil an der Entwicklung eines Unkrautroboters. BoniRob ist zwar noch ein Prototyp, doch er zeigt, was Roboter auf dem Acker zukünftig leisten könnten. BoniRob rollt auf seinen vier Rädern eigenständig übers Feld und kann mithilfe von Kameras und Sensoren Unkraut beispielsweise von Möhren oder Zuckerrüben unterscheiden.

Hat der Roboter eine unerwünschte Pflanze entdeckt, drückt ein Stempel diese drei Zentimeter tief in den Boden. Dadurch wachsen Unkräuter langsamer und geben der Nutzpflanze so einen Startvorteil. Wenn er genau trifft, kann BoniRob die Unkräuter aber auch zerstören. „Unser Ziel ist die umweltschonende Unkrautvernichtung“, erklärt Michaels.

Derzeit konzentriert sich Deepfield Robotics noch auf den Ackerbau, später seien aber auch Roboterlösungen für den Obstbau denkbar, sagen die Ingenieure. Die Unkrautbekämpfung in der Landwirtschaft solle so auf lange Sicht nachhaltiger werden, individuell auf die Pflanzen zugeschnitten und ohne den Einsatz von Herbiziden, sagt Tschakarow.