/Science

Strom statt Pillen: Für diesen Parkinson-Patienten änderte das alles

Joao Medeiros 31.03.2017

Arthritis, Hirntumor, Faulheit: Als der siebenjährige Matt Eagles erst Parkinson-Symptome zeigt, deutet sie jeder anders. Dann kommt eine lange Medikamentenphase. Erst als Erwachsener erhält Eagles die entscheidende Hilfe: Er setzt sein Gehirn dauerhaft unter Strom. Die Geschichte eines späten, aber wichtigen Erfolgs.

Matt Eagles hat eine Fernbedienung für die Stromleitung in sein Gehirn. Er sagt, der Strom fühle sich an wie eine Flüssigkeit, die ihm injiziert wird, durch die Adern nach oben steigt und sich in seinem Hirn ausbreitet. Der Strom ist dauerhaft eingeschaltet und wird nie verändert. Denn jede Veränderung würde Eagels' Körper dazu bringen, unkontrolliert zu zucken. So stark, dass Alltägliches wie Gehen, Essen oder Trinken unmöglich würde.

Würde Eagles den Strom abschalten, würde sein Körper sich so sehr verlangsamen, dass er bald im Prinzip unbeweglich wäre. „Das ist ein bisschen so, als wäre ich eine Marionette mit Fernbedienung“, sagt er. „Allerdings gibt es keinen Marionettenspieler dazu.“

Eagles war sieben Jahre alt, als die ersten Symptome der Parkinsonkrankheit bei ihm auftraten. Der Direktor seiner Grundschule bemerkte, dass der Junge bei Schulversammlungen nicht wirklich gerade stehen konnte. Eagle erinnert sich: „Ich habe immer versucht das Gleichgewicht zu halten und bin dabei oft nach hinten gekippt.“ Viele hätten damals gedacht, er wolle einfach nur auffallen. Andere wiederum begannen genauer hinzusehen, weil die Gleichgewichtsprobleme auch anderswo auftraten: Der Schwimmlehrer etwa sah, dass Eagles im Wasser seine Beine nicht oben halten konnte. Und die Mutter fand es merkwürdig, dass ihr Sohn nur mit großer Mühe auf einem Bein stehen konnte.

Ich habe nicht mal daran gedacht, was die Operation eigentlich bedeutet. Ich habe ihnen blind vertraut

Matt Eagles

Der Hausarzt hielt die Symptome für Anzeichen einer Arthritis, doch bei näherem Hinsehen waren die Knie nicht das Problem. Nächste Vermutung: Ein Gehirntumor. „Ich wurde ins Salford-Krankenhaus eingeliefert, das einen von zwei MRI-Scannern in der Gegend hatte. Ich fühlte mich, als würde ich in einer Waschmaschine stecken. Ich hatte große Angst“, erinnert sich Eagles. Der Hirnscan ergab nichts, was für eine endgültige Diagnose ausgereicht hätte. Also wurde der Siebenjährige ins Manchester Royal Krankenhaus eingeliefert, um endlich herauszubekommen, was mit ihm los war.

Ein Bewegungsspezialist dort verschrieb ihm schließlich Sinmet, ein Medikament, das hilft, mit den Folgen von Parkinson umzugehen. „Er sagte, dass er mir 50 Pence pro Tag zahlen wolle, wenn ich diese Tabletten einnähme. Das klang mir nach einem guten Deal“, sagt Eagles heute. Die Arznei linderte einige Symptome und half dem Jungen, die Kontrolle über seinen Körper zurückzuerlangen. „Ich konnte wieder Fußball spielen“, sagt Eagles. „Wenn auch sehr verlangsamt.“

Trotzdem empfand Eagles diesen Abschnitt seines Lebens als schwierig – jedoch nicht unbedingt wegen seines Zustands. Eines Tages kam er zu spät zum Mathematikunterricht, seine Klassenkameraden zogen ihn in den Klassenraum und schubsten ihn auf den Boden. Als er sich aufrichten wollte, befahl seine Mathelehrerin ihm, in der Position den gesamten Rest der Stunde zu verharren. „Ich habe ihr erklärt, dass das nicht gut für mich ist, aber sie wollte nicht zuhören“, sagt Eagles. „Sie war sehr altmodisch, eine Drillmeisterin. Wir mussten sie mit ‚Sir‘ anreden. Es war eine traumatische Erfahrung.“

Bis zu diesem Zeitpunkt wusste Eagles nicht genau, was eigentlich los war mit ihm. „Ich glaube, meine Eltern wussten es, aber ich habe nur mit meinem Leben weitergemacht“, sagt er. „Ich habe nicht wirklich nach einer Erklärung gesucht.“ Erst ein paar Jahre später – als er für sein Business-Management-Studium nach London zog – fand Eagles einen Namen für die ihn quälende Krankheit. „Ich nahm an einer wissenschaftlichen Studie teil.“ PET-Scans für Parkinson-Patienten. „Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass ich diese Krankheit habe.“

Die tieferliegenden Ursachen für Parkinson sind ­nach wie vor unbekannt. Forscher gehen davon aus, dass die Symptome aus dem Absterben von Neuronen und einer Abnahme der Dopamin-Produktion in Gehirnregion Substantia Nigra resultieren. Diese beeinflusst die Körpermotorik. Parkinson-Symptome treten meistens erst bei Menschen im höheren Alter auf, durchschnittlich ab 62 Jahr. Matt Eagles aber war erst sieben.

Zehn Jahre lang nahm er das Medikament Sinmet ein, bis er Panikattacken erlitt. Sie treten als Nebenwirkungen auf, die mit einer Langzeitnutzung des Mittels einhergehen. In seinen Zwanzigern probierte er andere Medikamente, um herauszufinden, was ihm und seiner Situation am ehesten guttat. Im Jahr 2002 versuchte er es beispielsweise mit Apomorphin, einer Substanz, die Dopamin-Rezeptoren im Gehirn aktiviert. „Ich habe eine ganze Bandbreite an Nebenwirkungen erlebt“, erinnert sich Eagles. „Jedes Mal, wenn das Telefon klingelte, erschreckte ich. Das war schlecht, denn ich arbeitete damals gerade für einen Verlag im Teleshopping-Bereich arbeitete.“

2006 schlug Eagles' Patientenberater am Londoner National Hospital of Neurology and Neurosurgery eine neue Art der Therapie vor: Die Methode der sogenannten Tiefen Hirnstimulation funktioniert mithilfe eines batteriebetriebenen Implantats, das einen elektrischen Puls in eine bestimmte Gehirnregion sendet. „Die Idee dahinter war, dass der Strom den Teil des Gehirns umgeht, der nicht funktioniert und den Kreislauf unterbricht“, sagt Eagles. „Ich habe nicht mal daran gedacht, was die Operation eigentlich bedeutet. Ich habe ihnen blind vertraut.“

Für die meisten Menschen bedeutet es vielleicht nicht viel, aber für mich bedeutete es alles: Es ist meine Würde

Matt Eagles

Die OP fand im November 2006 statt. In der Anfangsphase öffnete der Chirurg Eagles' Schädel und setzte zwei Elektroden ein. „Für diesen Teil der Operation sollte ich wachbleiben. Aber ich wurde ohnmächtig“, erzählt Eagles. Die Chirurgen machten dann weiter, indem sie die Elektroden an einen Stimulator anschlossen. Dieser wurde an Eagles' Brustmuskeln mit einem Kabel angebracht. das von der Kopfspitze über den Schädel und den Hals nach unten verlief. Die Operation dauerte sechs Stunden.

Der Neurostimulator veränderte Eagles' Leben sofort. Seit der Operation arbeitet er als Fotograf, unter anderen bei den Olympischen Spielen 2012 in London. „Der beste Moment war die Nacht nach der Operation“, sagt Eagles. „Davor war das Umdrehen beim Schlafen eine Tortur. Wenn ich mitten in der Nacht auf Toilette musste, musste ich mich auf den Boden rollen und in einen Topf machen. Am ersten Abend nach der OP konnte ich ohne Probleme aufstehen. Ich war so froh. Ich wollte jedem davon erzählen. Für die meisten Menschen bedeutet es vielleicht nicht viel, aber für mich bedeutete es alles: Es ist meine Würde.“ 

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED UK.
Das Original lest ihr hier.

Jetzt WIRED Member werden und mit uns in die Zukunft starten!

Mit im Paket: 4 Magazin-Ausgaben im Jahr und der Member-Zugang zu exklusiven Inhalten auf WIRED.de sowie weitere Vorteile nur für Member.

Member werden