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Ein Mini-Ballon soll Menschen mit Herzstillstand retten

Joao Medeiros 11.07.2017

In seinem Alltag als Notfallmediziner erlebte der Däne Habib Frost immer wieder, dass Menschen ihm unter den Händen wegstarben. Zu wenig Möglichkeiten gab es, Herzstillstand zu behandeln. Schließlich hat Frost selbst eine entwickelt: Der Ballon-Katheter Neurescue soll die Zahl der Überlebenden deutlich erhöhen.

Vier Jahre ist es her, da wurde der dänische Medizinstudent Habib Frost in seinem Bereitschaftsdienst zu einem Notfall gerufen: Ein vier Monate altes Mädchen hatte einen Herzstillstand. Frost und sein Team versuchten die Kleine wiederzubeleben, aber es war zu spät. Kurz darauf wurde das Team wieder losgeschickt: Eine Frau in den 30ern hatte ebenfalls einen Herzstillstand erlitten. Erneut gelang es den Medizinern nicht, das Herz wieder zum Schlagen zu bringen.

„Ich war am Boden zerstört“, sagt Frost. „Zwar wusste ich, dass ich das Geschehene nicht so an mich heranlassen durfte, aber am nächsten Tag war ich nur ein Schatten meiner selbst.“

Herzstillstand ist eine der häufigsten Todesursachen weltweit. Bis zu zehn Millionen Menschen sterben daran jedes Jahr. Meistens hat sich über längere Zeit etwas unbemerkt in den Arterien abgelagert, sodass irgendwann nicht mehr ausreichend Blut zum Herz gelangt. Auch können plötzliche Ereignisse wie eine Drogenüberdosis, eine kollabierte Lunge, Atemnot oder eine starke Blutung den Herzschlag zum Erliegen bringen. „Deshalb ist Vorbeugen zwar immer gut“, sagt Frost, „aber auch ganz gesunde Menschen können vom Herzstillstand überrascht werden.“

Anzeichen dafür sind Herzrhythmusstörungen. Durch das erratische Schlagen kommt letztlich zu wenig Blut in alle Körperteile. Organe schalten sich ab. Nach 15 Minuten wird dann auch die Hirnleistung deutlich schwächer. Leber und Niere können hingegen noch bis zu drei Stunden ohne Blut auskommen. Die derzeitigen Standard-Notfallmaßnahmen wie Defibrillation können den Blutkreislauf wieder stabilisieren helfen, retten aber letztlich nur rund zehn Prozent der Patienten. Die Methode ist zu ineffektiv.

„Ich wollte unbedingt etwas daran ändern“, sagt Frost. Lange habe er nicht gewusst, wie. In seinem letzten Jahr als Medizinstudent hatte er dann die Idee: Er erfand Neurescue, einen kleine computergesteuerten Ballon-Katheter, der bei der Defibrillation helfen kann. Frost ist übrigens Dänemarks jüngster Doktor med.: Er war erst 23, als er das Studium abschloss.

Und so funktioniert Neurescue: Während der Wiederbelebungsversuche wird der Katheter in die Beinarterie geschoben, um von dort zur Aorta zu gelangen. Nun wird der Ballon aufgeblasen. Die Arterie ist damit verschlossen.

Habib Frost

„Dadurch kann sich das Blut anders verteilen“, erklärt Frost: Während der Brustkorb rhythmisch gedrückt werde, fließe das Blut durch die Blockade im Bauchbereich vorrangig zum Hirn und Herzen. „Das bewahrt das Gehirn vor Schäden und gibt den Helfern mehr Zeit.“

Der dänische Mediziner hat berechnet, dass sein Ballon-Kathether die Zahl der Überlebenden deutlich steigern könnte: Statt nur einen von zehn Menschen könnte man künftig fünf retten, wenn das Gerät rechzeitig und fachgerecht eingesetzt werde. Defibrillation hält Herzpatienten bis zu 30 Minuten am Leben – Neurescue bis zu zwei Stunden. Das gibt Helfern deutlich mehr Zeit, den Menschen ins Krankenhaus zu bringen.

Frost führt derzeit die notwendigen Sicherheitstests durch, um zertifiziert zu werden. Knapp fünf Millionen Dollar hat er mit seinem Startup bereits eingesammelt und will 2018 mit Pilottests in einigen europäischen Krankenhäusern beginnen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED UK.
Das Original lest ihr hier.

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