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Nach Trump-Wahl: Forscherinnen kämpfen gegen Anti-Wissenschaft

Anna Schughart 08.12.2016

Mehr als 11.000 Wissenschaftlerinnen haben nach der Wahl von Donald Trump einen offenen Brief unterzeichnet. Darin wenden sie sich gegen Diskriminierung und Anti-Wissenschaft – und versprechen, zu handeln. WIRED hat mit Kelly Ramirez gesprochen, einer der Gründerinnen von „500 women scientists“.

Dass Donald Trump der nächste Präsident der USA wird, bereitet vielen Wissenschaftlern echte Sorgen. Auch Kelly Ramirez war vom Wahlergebnis geschockt. Die Wissenschaftlerin, die am Netherlands Institute of Ecology arbeitet, beschloss allerdings schnell, aktiv zu werden. Zusammen mit Freundinnen und Bekannten in den USA gründete sie das Netzwerk „500 women scientists“ und verfasste einen offenen Brief. Darin heißt es:

„Wissenschaft ist ein fundamentaler Bestandteil einer progressiven Gesellschaft. Sie befeuert Innovation und beeinflusst das Leben einer jeder Person auf diesem Planeten. Die Anti-Wissen- und Anti-Wissenschafts-Kommentare, die während den US-Präsidentschaftswahlen wiederholt geäußert wurden, bedrohen das Fundament unserer Gesellschaft. Unsere Arbeit als Wissenschaftlerinnen und unsere Werte als Menschen werden attackiert.

(…)

Weltweit sehen sich Frauen Diskriminierung, ungleichem Lohn und eingeschränkten Möglichkeiten gegenüber. Unsere Arbeit, die langfristige Degradierung der Rolle der Wissenschaft in unserer Gesellschaft zu überwinden, hat nicht erst mit der amerikanischen Präsidentschaftswahl begonnen. Jedoch hat diese Wahl unsere Motivation neu entfacht.“

11.300 Wissenschaftlerinnen aus 91 Ländern haben den Brief, der gleichzeitig ein Versprechen zum Engagement ist, schon unterschrieben. Im Interview erklärt Ramirez wie aus einer kleinen Gruppe, die sich gegenseitig Mut zusprach, ein globales Netzwerk wurde und was die „500 women scientists“ jetzt planen.

WIRED: Was waren Ihre ersten Gedanken, nach dem klar war, dass Donald Trump der nächste Präsident der USA wird?
Kelly Ramirez: Ich hatte sehr viele Gefühle. Das konnte man überall im Internet ja bemerken: Emotionen, die von Enttäuschung und Schock bis zu Angst und sogar Wut reichten. Darüber, dass eine Person, die die ganze Kampagne rassistische, sexistische und diskriminierende Bemerkungen ausgespien hatte, die nur in Lügen sprach und so sehr gegen Wissen und Wissenschaft ist, gewonnen hat.

WIRED: Wie sind Sie mit Ihren Gefühlen umgegangen?
Ramirez: Am Anfang – so wie das viele Menschen tun – wendet man sich an Freunde und Familie und versucht, sich zu trösten. Man hört einander zu, ist füreinander da. Ich habe eine Gruppe von Freundinnen aus Colorado, wo ich studiert habe, und nach der Wahl haben wir uns Nachrichten geschrieben.

Wir haben Donald Trump eineinhalb Jahre lang zugehört. Genug ist genug

Kelly Ramirez

WIRED: Nach dem ersten Schock kehren die meisten Menschen wieder zu ihrem Alltag zurück.
Ramirez: Ja, aber wir haben uns entschlossen, zu handeln. Wir hatten Donald Trump eineinhalb Jahre lang zugehört. Genug ist genug.

WIRED: Wie wurden aus Freundinnen, die sich gegenseitig Mut zusprachen, die „500 women scientists“?
Ramirez: Nachdem wir uns einige Tage Nachrichten geschrieben hatten, sagte Jane Zelikova, meine Koorganisatorin, dass wir einen Schlachtplan bräuchten. Sie hatte Angst, dass die Emotionen sich beruhigen und dann jeder zu seinem Alltag zurückkehren würde. Ich schrieb daraufhin eine E-Mail an etwa zwanzig Frauen und fragte: „Was können wir tun? Wir sind kluge Frauen, die ihre Wissenschaft gut betreiben und ein erfolgreiches Leben führen. Das ist eine Herausforderung, an der wir wachsen können.“ Und die Frauen nahmen diesen Aufruf sehr ernst. Innerhalb von eineinhalb Tagen war die Gruppe auf hundert Frauen gewachsen und immer mehr kamen hinzu.

WIRED: Was wurde in diesen E-Mails besprochen?
Ramirez: Wir haben eine Liste mit Maßnahmen erstellt. Eine Professorin in unserer Gruppe hat zum Beispiel beschlossen, für ein Amt zu kandidieren. Wir haben überlegt, wie wir sie unterstützen können. Oder: Wenn das Geld für Wissenschaft oder Frauenrechte gekürzt wird, wie investieren wir unsere Ressourcen? Welche Gruppen brauchen Unterstützung und müssen gehört werden? Viele der Ideen waren sehr auf die Communities fokussiert. Das ist großartig, weil wir erkannt haben, dass wir in unseren eigenem Umfeld beginnen können.

WIRED: Sie haben dann auch einen offenen Brief verfasst.
Ramirez: Genau, zu dem Zeitpunkt waren etwa 500 Frauen in der E-Mail-Gruppe, die ihn dann unterschrieben haben.

Frauen stehen in dieser anti-wissenschaftlichen Welt vor zusätzlichen Herausforderungen, weil sie außerdem noch diskriminiert werden

Kelly Ramirez

WIRED: Warum war es Ihnen wichtig, dass der Brief speziell von und für weibliche Wissenschaftlerinnen geschrieben wurde?
Ramirez: Frauen stehen in dieser anti-wissenschaftlichen Welt vor zusätzlichen Herausforderungen, weil sie außerdem noch diskriminiert werden. Sie bekommen zum Beispiel weniger Gehalt und weniger Forschungsgelder. Wir hatten diese spezielle Gruppe, die zusammengekommen war, also wollten wir ihre Sicht der Dinge darstellen. Wir wollten nicht irgendjemand anderem sagen, dass er uns zuhören soll. Wir haben nicht an die Verwaltung oder Donald Trump geschrieben, sondern an uns selbst. Um zu sagen: Egal was passiert, wir stehen zusammen. Wir haben diese Ideale, von denen wir glauben, dass sie für eine progressive Gesellschaft, die Wissenschaft und Gleichberechtigung überlebenswichtig sind. Das laut zu sagen, ist ein wichtiger erster Schritt. Wir zeigen: Wir sind vereint. Aber auch Männer und Menschen von außerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft haben uns unterstützt.

WIRED: Diskriminierung, ungleiche Bezahlung oder Skepsis gegenüber Wissenschaft – das sind keine neuen Probleme. Warum wurden Sie jetzt aktiv?Ramirez: Ich denke, man wartet und wartet immer, dass sich die Dinge ändern. Und es gab ja auch Verbesserungen. Doch gleichzeitig passieren sie nicht schnell genug. Mit der neuen Regierung scheint es allerdings so, als ob der Prozess langsamer wird oder die Verbesserungen sogar wieder reduziert werden. Die Ideale, die der Brief anspricht, sind bedroht, und das ist – wenn man sich zum Beispiel den Brexit anschaut – nicht nur in den USA so. Es ist wie eine Flut. Dieser anti-wissenschaftliche, postfaktische Dialog scheint laut genug geworden zu sein. Es ist also definitiv Zeit, zu handeln.

WIRED: Ist das die Erklärung dafür, dass der offene Brief auch international von so vielen Frauen unterschrieben wurde? Die Unterzeichnerinnen stammen als 91 Ländern. Sie selbst arbeiten zur Zeit in den Niederlanden.
Ramirez: Das ist ein Grund. Ein anderer, dass – wie Sie gesagt haben – diese Probleme schon seit einer Weile bestehen und tief in der Gesellschaft verwurzelt sind. Die Möglichkeit, zusammenzustehen und zu zeigen, dass dies reale Herausforderungen sind, vor denen Frauen jeden Tag stehen, ist wichtig.

WIRED: Mittlerweile haben 11.300 Wissenschaftlerinnen unterschrieben. Hat sie das überrascht?
Ramirez: Ja, das war schon überraschend, weil wir nicht wussten, wie gut sich der Brief in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verbreiten würde. Wir haben uns „500 women scientists“ genannt, weil wir dachten: „500 werden wir bestimmt sein.“ Es war allerdings keine Überraschung, dass viele Frauen so fühlen.

WIRED: Was haben Sie jetzt mit „500 women scientists“ vor?
Ramirez: Wir haben zur Zeit etwa zehn Organisatorinnen und suchen nach weiteren Frauen, die sich engagieren und die nächsten Schritte planen wollen. Wir wollen uns dabei auf drei Dinge konzentrieren.

WIRED: Und zwar?
Ramirez: Zum einen wollen wir ein Netzwerk bilden, sodass es für Frauen einfacher ist, miteinander in Kontakt zu kommen und mit anderen Frauen zu interagieren. Zweitens wollen wir ein Mentoring- und Trainingsprogramm für Frauen aufbauen. Denn wenn Frauen die nötigen Ressourcen haben, dann können sie Diskriminierung überwinden. Der dritte Schritt ist schließlich die wissenschaftliche Bildung. Wir wollen die schwierigen Themen angehen: Wieso gibt es eine Trennung zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und der Öffentlichkeit? Wir wollen darüber aufklären, dass Vorurteile und Diskriminierung noch immer in der Wissenschaft fortbestehen.

Wann immer ich ein bisschen verzweifelt bin, lese ich die Kommentare der Unterzeichnerinnen

Kelly Ramirez

WIRED: Sie wollen vom Unterstützerinnen-Netzwerk zu einer NGO werden. Das klingt nach viel Arbeit.
Ramirez: Die Organisation zu Beginn wird wahrscheinlich mehr Arbeit sein, aber das wird es wert sein. Wir werden den Menschen Werkzeuge geben, die sie einfach bei sich daheim einsetzen können.

WIRED: Werden Sie sich dann komplett „500 women scientists“ widmen?
Ramirez: Das ist eine schwierige Frage. Ich bin schon eine richtige Forschungs-Wissenschaftlerin. Ich liebe meine Forschung. „500 women scientists“ ist eine großartige Möglichkeit, mit so vielen weiblichen Wissenschaftlerinnen zu interagieren. Ich hoffe sehr, involviert zu bleiben. Wie das aber nächstes Jahr oder in zwei Jahren aussieht, weiß ich nicht.

WIRED: Fürchten Sie sich vor den nächsten Jahren?
Ramirez: Vielleicht ein bisschen. Aber ich bin mehr daran interessiert, anstelle der Angst, die Unterstützung und die Ermutigungen von anderen Frauen als Handlungsgrundlage zu nutzen.

WIRED: Dass tausende Frauen Ihren offenen Brief unterschrieben haben, gibt Ihnen Hoffnung?
Ramirez: Absolut. Ich glaube an die Wissenschaftlerinnen und dass wir gemeinsam arbeiten und handeln können. Wann immer ich ein bisschen verzweifelt bin, lese ich die Kommentare, die die Unterzeichnerinnen geschrieben haben. Es sind Tausende und sie sind wirklich ermutigend. Man sieht, dass die Gemeinschaft wirklich begeistert ist. Ich denke nicht, dass das so schnell wieder verschwinden wird.

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