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Mondlandung 2019: Die Raumfahrer aus Berlin starten durch

Karsten Lemm 30.04.2018 Lesezeit 10 Min

Die PTScientists haben das scheinbar Unmögliche geschafft: Aus ihrem Hobbyprojekt, zum Mond zu fliegen, ist eine millionenschwere Mission geworden, finanziert von Großkonzernen, unterstützt selbst von der ESA. Gelingt der geplante Start 2019, werden die Berliner gleich noch ein weiteres Ziel erreichen – zeigen, dass beim Aufbruch ins Weltall heute jeder mitmachen kann.

Die Pioniere liegen in einer Ecke, zerlegt und sorgsam verpackt, damit sie nicht kaputt gehen. Viel haben die Rover erreicht, sind mehrfach ausgezeichnet worden, haben ihren Erfindern geholfen, dem Mond ein Stück näherzukommen. Ob sie selbst je ins All reisen werden? Wer weiß. Alle Aufmerksamkeit gilt derzeit ihren Nachfolgern, die mehr können und moderner sind.

Räder, Kugellager, Schrauben: Ein Mondrover lagert auseinandergenommen in einem Billy-Regal, daneben Pappkartons mit Teilen weiterer Rover.

„Das war jetzt eine schwierige Entscheidung“, erzählt Robert Böhme. „Aber wir haben gesagt: Kommt, wir zerlegen die.“ Mit Glück folgt noch ein Upgrade. Wegwerfen kam jedenfalls nicht in Frage, dafür sind die Rover ihren Erfindern zu sehr ans Herz gewachsen.

Böhme ist CEO und Mitgründer der PTScientists, einer Gruppe ehemaliger Hobby-Raumfahrer aus Berlin, die sich vorgenommen haben, Geschichte zu schreiben: 2008 gegründet, um bei Googles Lunar X-Prize mitzumachen, planen die PTScientists nun die erste privat finanzierte Mondmission überhaupt – schon 2019 soll das von ihnen entwickelte Landemodul ALINA am Südpol des Erdtrabanten aufsetzen. Ganz in der Nähe der Stelle, die 1972 Ziel von Apollo 17 war, der bisher letzten Mondmission der NASA.

Der Prototyp eines Mondrovers in der Zentrale der PTScientists in Berlin-Marzahn.

Zugleich jährt sich 2019 zum 50. Mal der „große Schritt für die Menschheit“, den Neil Armstrong beschrieb, als er am 21. Juli 1969 als erster Mensch einen Fuß auf den Mond setzte. „Das ist ziemlich cool“, sprudelt es aus Böhme heraus. „Das heißt, wir kehren zum allerersten Mal zu einer Apollo-Landestelle zurück, zum fünfzigjährigen Jubiläum der Mondlandung.“

Vorausgesetzt, ihm und seinem Team gelingt es, den Zeitplan einzuhalten. Fieberhaft arbeiten Hard- und Software-Entwickler daran, dieses Ziel zu erreichen. Die Zentrale der PTScientists liegt – wie passend – in einem zweistöckigen Zweckbau in Berlin-Marzahn, direkt an der Allee der Kosmonauten. Unten, in der Werkstatt, wird gebohrt, gefräst und geschliffen: Hier entsteht die nächste Generation der Mondrover. Solarpanele, Reifenprofile, Kameras und Sensoren – alles wird gemessen, geprüft, getestet, optimiert. Gleich nebenan soll ein Reinraum gebaut werden, Wände, Kabel und Röhren liegen dafür schon bereit.

Kabel, Strippen und eine Lego-Rakete: Im Obergeschoss wird gebastelt.

Im Obergeschoss, die Treppe hoch, führt ein schmaler Gang unter Neonleuchten zu kargen Büros, die den Bastler-Charme früher Tage besitzen. Schraubenzieher, Scharniere und Gelenke liegen neben Platinen, Strippen, Messgeräten. „Hier sieht man einen Motor mal in Einzelteilen“, sagt Böhme und zeigt auf Metallröhren und Kolben, die sich auf einem Tisch ausbreiten. „Das sind alles Eigenentwicklungen von uns. Das ist nichts, was man im Laden findet.“

Viele Bauteile entwickeln die PTScientists selber – darunter auch die Motoren für die Mondrover.

Ursprünglich hießen die PTScientists mal Part-Time Scientists. Der Name signalisierte, dass sich ein paar ambitionierte Freizeit-Wissenschaftler in den Kopf gesetzt hatten, beim neuen Aufbruch ins Weltall mit dabei zu sein. Der Lunar X-Prize versprach, das erste Team zu belohnen, dem es gelang, mit privaten Mitteln eine Mission zum Mond zu finanzieren, um dort zu landen, mindestens 500 Meter zurückzulegen und Bilder zur Erde zurückzufunken.

Das Preisgeld von insgesamt 30 Millionen Dollar lockte mehr als 20 Teams aus aller Welt an. Doch der Zeitrahmen war zu ehrgeizig: Obwohl die Deadline mehrfach verschoben wurde, gelang es keinem der Teilnehmer, rechtzeitig zum Mond zu starten – deshalb sagten Google und die X-Prize Foundation den Wettbewerb im Januar ab.

Normalerweise gut versteckt: Auf dem Tisch liegen Einzelteile eines Motors.

Böhme sieht das etwas wehmütig, auch wenn die PTScientists längst beschlossen hatten, auf eigene Faust weiterzumachen. „Der Preis hat uns wirklich geholfen“, sagt der studierte Informatiker. Seine Gruppe an Raumfahrt-Enthusiasten schaffte es, unter die Finalisten zu kommen, gewann mehrere Milestone Awards, unter anderem für die Entwicklung der Mondrover. „Ohne den Preis würde es uns gar nicht geben. Der hat uns eine Grundlage geliefert, dass wir sagen konnten: ,Wir wollen das machen!‘ Ohne dass die Leute gesagt haben: ,Ihr seid doch bekloppt!‘“

Spielerische Hommage an drei Astronautinnen – per Lego.

Heute, neun Jahre nach dem Start, ist aus der Gruppe von Amateuren ein schnell wachsendes Unternehmen geworden. Sponsoren wie Audi und Vodafone unterstützen die deutschen Mondfahrer finanziell, aber auch mit Knowhow: In den Rovern, die sich PR-wirksam mit dem Logo des Autobauers schmücken, steckt reichlich Ingenieurstechnik aus Ingolstadt, und Vodafone hat vor, gemeinsam mit den PTScientists ein LTE-Netz auf dem Mond aufzubauen.

Weitere Partner sind Nokia, das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) und die ESA. Die europäische Raumfahrtbehörde hat ehrgeizige Ziele für künftige Missionen – dem EU-Ministerrat schweben bereits mehrere Mondbasen vor, die eines Tages ein Moon Village ergeben sollen. Doch Geld ist knapp, also schaut der Staat auf private Anbieter, ähnlich, wie es die NASA in den USA tut, die unter anderem mit Elon Musks SpaceX zusammenarbeitet.

PTScientists-Geschäftsführer Robert Böhme mit dem ALINA-Landemodul und einem der Rover im Erdgeschoss der Firmenzentrale.

„Die ESA unterstützt uns bei der ersten Mission sehr, sehr stark“, erzählt Böhme. Unter anderem können die PTScientists die Kommunikations-Infrastruktur der Behörde nutzen, um ihr Landemodul Alina zu steuern. Obendrein erhielten die Berliner gerade den Zuschlag, sich an einer Machbarkeitsstudie für eine künftige Mission zu beteiligen. Dabei geht es darum, aus den Ressourcen, die sich auf dem Mond finden lassen, Wasser und Sauerstoff zu gewinnen. Nach Abschluss der Studie müssen die Politiker noch ihr OK geben, gefolgt von einer offiziellen Ausschreibung – doch sollten die PTScientists am Ende den Zuschlag bekommen, wäre es ihre Aufgabe, alle Geräte für die Sauerstoff- und Wassergewinnung zum Mond zu befördern.

„Der Mond ist eine Art Testbett, ob es möglich ist, Astronauten autonom zu versorgen“, erklärt Bernhard Hufenbach, Leiter des ESA-Teams für Strategie und Innovation. Schritt für Schritt will die Behörde ausloten, ob sich eine solches Projekt für den vergleichbar niedrigen Preis von 250 Millionen Euro verwirklichen ließe. „Unser Ziel ist klar“, sagt Hufenbach. „Wir wollen bis 2025 eine Mission umsetzen, die deutlich unter dem Budget liegt, das wir normalerweise ansetzen würden.“

Realistisch ist das nur, wenn die staatliche Behörde nicht versucht, alles allein zu machen. „Die ESA versucht, neue Konzepte auszuprobieren, bei denen auch Newcomer eine Chance bekommen, sich zu beteiligen“, sagt Hufenbach, und die PTScientists hätten sich durch ihre bisherigen Erfolge als vielversprechender Kandidat für eine Zusammenarbeit erwiesen. „Jetzt müssen sie zeigen, dass sie das auch technisch umsetzen können“, fordert der ESA-Manager.

Dazu baut Böhme im Eiltempo sein Team aus. Die Zahl der Mitarbeiter soll sich bis Jahresende von etwa 40 auf 80 verdoppeln. Gesucht werden Ingenieure, Projektmanager, Bürokräfte – alle, die mithelfen können, die Mission im geplanten Zeitfenster startklar zu machen. „Unser größtes Investment ist im Moment in Manpower“, sagt Böhme. „Wir haben mit 2019 ein sehr, sehr heftiges Ziel vor Augen.“

Ein 3D-Drucker stellt Mini-Container her, in denen später Lasten zum Mond befördert werden sollen.

Ein Slot auf der Falcon-Heavy-Rakete von SpaceX ist schon reserviert. Aber immerhin: Auch wenn die Ingenieure vieles selber entwickeln – einige kritische Komponenten, wie die Triebwerke oder die Druckregelung für das Landemodul, lassen sich frei auf dem Markt einkaufen. Die Standard-Bauteile werden dann mit dem kombiniert, was die PTScientists selbst entwerfen. „Das Thema Nummer eins ist: Sicherstellen, dass alles zusammenpasst“, erklärt Böhme.

Für Materialtests fliegen die Ingenieure rund um den Globus, unter anderem zum Erzberg in Österreich, wo der Untergrund dem Mondgestein ähnelt, und in die Wüste nach Dubai. Hitze, Kälte, Druckschwankungen – alles müssen die Bauteile aushalten, wenn die Mission gelingen soll.

Im Merchandising-Raum stapeln sich Fan-Artikel für die Anhänger der Mondfahrer aus Marzahn.

Es ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Aber wenn es gelingt, wäre das der Beweis, dass Raumfahrt nicht länger etwas Exklusives sein muss, das ausschließlich Staaten und, neuerdings, einer Handvoll von Milliardären vorbehalten ist.

„Wir wollen zeigen, dass Raumfahrt etwas ist, bei dem jeder mitmachen kann“, erklärt Böhme. Schließlich haben sie selbst so angefangen, fünf Freunde, die bei einem Treffen des Chaos Computer Clubs Ende 2008 bekannt gaben, dass sie beim Lunar X-Prize mitmachen wollten.

Mission Control: Der unscheinbare Raum hat schon einige Testläufe hinter sich – gesteuert wird die Mission von Menschen, die vor Laptops sitzen.

Und heute? Wird sein ehemaliges Bastler-Team bestürmt von Großkonzernen wie Infineon, Omega oder Red Bull, die unbedingt mit ihnen kooperieren wollen. Red Bull kümmert sich dabei nicht nur um Energy Drinks für lange Nächte im Labor, sondern übernimmt auch die Vermarktung der Mondmission in den Medien. Es wird Live-Übertragungen geben und eine dreiteilige Dokumentation über das Projekt. Überhaupt: Berichte auf allen Kanälen, damit niemand die Botschaft überhören kann, dass das Weltall jetzt allen offen steht.

„Ich bin sehr, sehr stolz auf das, was wir als Team geschafft haben“, erzählt Böhme. „Viele kleine Schritte haben uns geholfen, von Hobby-Raumfahrern zu Profis zu werden.“ Den Erfolg in Etappen erklärt er vor allem mit dem Willen zum Durchhalten: „Man muss sich nur reinhängen“ – dann kann es auch klappen.

Unscheinbar: Die Zentrale der PTScientists liegt in Berlin-Marzahn an der Allee der Kosmonauten.

Neulich, am Rande der Luft- und Raumfahrtmesse ILA in Berlin, traf Böhme den Amazon-Gründer Jeff Bezos, der als Privatmann den Raketenbauer Blue Origin finanziert. „Wir haben kurz zusammengesessen und uns nett unterhalten“, erzählt der PTScientists-Mitgründer. „Wir haben die gleiche Begeisterung für sinnvolle Raumfahrt.“

Bezos steht in Böhmes Augen für den Typ Unternehmer, der sein Ziel ins Auge fasst und dann nicht mehr locker lässt – ähnlich wie Bill Gates oder auch Elon Musk. „Das sind Leute, die einfach mal gesagt haben: ,Das mache ich jetzt!‘“, sagt Böhme. „Viele Leute geben zu schnell auf. Aber noch schlimmer ist: Die meisten fangen gar nicht erst an – darin liegt das größte Problem.“

Auf dem Boden liegt ein Plakat aus der Zeit, als die Mondfahrer sich noch Part-Time Scientists nannten. Im Hintergrund ein früher Prototyp der Rover.

Sie, die Mondfahrer aus Marzahn, haben angefangen und sich nicht abschrecken lassen von Hindernissen und Rückschlägen. Nun sie sind unterwegs und müssen nur noch ankommen. Vielleicht ist die wichtigste Voraussetzung dafür: auf dem Boden bleiben und weitermachen wie bisher. Egal, wie weit sie schon gekommen sind. Vor ihnen liegen noch viele Wochen Arbeit und mehr als 384.000 Kilometer bis zum Ziel.