/KI

Wir brauchen den Livestream aus dem Körper!

Anna Schughart 13.10.2017 Lesezeit 4 Min

Cellvizio sendet einen Livestream aus dem Körper. Das Besondere: Die Aufnahmen sind stark vergrößert. So können Ärzte ohne Biopsie feststellen, ob ein Patient krank ist. Bald sollen die Mediziner dabei von einer KI unterstützt werden.

Der Name seiner Firma – Mauna Kea Technologies – verrät viel über Sacha Loiseaus Vergangenheit. Als Astrophysiker für die NASA beschäftigte er sich mit neuen Möglichkeiten, um ferne Objekte und schwache Signale aus dem Weltall sichtbar zu machen. Doch dann trat er in die Fußstapfen seiner Vorfahren und gründete eine Firma. Er benannte sie nach dem hawaiianischen Berg, auf dem die Sternwarte steht, mit der er früher arbeitete. Doch statt mit einem Teleskop ins All zu schauen, konzentriert sich Loiseau jetzt auf die kleinsten Bausteine des menschlichen Körpers: unsere Zellen.

Ein Knoten in der Brust, veränderte Blutwerte, geschwollene Lymphknoten – das alles können, aber müssen nicht, Anzeichen für Krebs sein. Um herauszufinden, ob jemand Krebs hat, machen Ärzte deshalb im Normalfall eine Biopsie. Sie entnehmen eine Gewebeprobe, die anschließend im Labor unter dem Mikroskop untersucht wird. Denn erst aus nächster Nähe kann man entscheiden, mit was man es zu tun hat.

Doch was, wenn man für diese Diagnose keine Proben entnehmen müsste? Während viele Forscher Hoffnung auf die Liquid Biopsy setzten, geht Mauna Kea Technologies das Problem von einer anderen Seite an: Statt die Zellproben zum Mikroskop zu bringen, bringen sie das Mikroskop zum Gewebe.

Die Plattform, die Mauna Kea Technologies dafür entwickelt hat, nennt sich Cellvizio. „Es ist eine komplett neue Technologie, für die wir mehr als 200 Patente angemeldet haben“, sagt Loiseau stolz und erzählt dann von laser scanning systems, speziellen fiber optics und ganz, ganz viel Mathematik. Doch einfach gesagt, sendet Cellvizio einen Livestream aus dem Körper. Die Bilder sind dabei stark vergrößert: Video-Mikroskopie in Echtzeit. Die winzige Sonde braucht dazu nicht viel Platz: „Sie passt durch alles, was in den Körper geht: Man kann zum Beispiel ein Endoskop oder eine Nadel verwenden“, sagt Loiseau.

Statt die Zellproben zum Mikroskop zu bringen, bringen sie das Mikroskop zum Gewebe.

Mit Hilfe von Cellvizio, sagt Loiseau, werden die Diagnosen besser, man kann den Patienten unnötige Operationen ersparen und spart so Geld. Rund 550 Kliniken weltweit nutzen Cellvizio laut Mauna Kea Technologies – vor allem in der Gastroenterologie. Doch Loiseau will Cellvizio noch besser machen. Dazu setzt das französische Unternehmen auf die Unterstützung von Künstlicher Intelligenz.

Sie sind nicht die Einzigen. IBM beispielsweise arbeitet an einer KI, die Radiologen bei ihrer Arbeit helfen soll. „Die Rolle von KI sorgt gerade für viel Aufsehen in der Medizin“, sagt Loiseau. „Ich denke, die wahre Aufgabe von KI besteht darin, Probleme zu lösen, die Menschen nicht lösen können.“ Künstliche Intelligenz kann Ärzten manche repetitive Arbeiten abnehmen. Sie kann aber auch sehr komplizierte Daten interpretieren oder sie bei der Diagnose unterstützen.

Der mikroskopische Livestream aus dem Körper produziert 12 bis 15 Bilder pro Sekunde. „Ein Arzt oder eine Ärztin können nicht jedes einzelne Bild anschauen und sofort interpretieren“, sagt Loiseau. Eine KI schon. Dazu muss sie aber erst mal selbst verstehen, was sie da sieht.

KIs treffen bei der Bildinterpretation nicht automatisch die beste, rationalste Entscheidung. Wie gut eine KI arbeitet, hängt auch davon ab, womit sie trainiert wird. Gerade wenn man herausfinden möchte, ob jemand krank ist, ob ein Bild das Anfangsstadium von Krebs zeigt, eine Entzündung oder ganz normales Gewebe, ist das wichtig. Die KI braucht also gute Beispiele. Bilder, bei denen Ärzte eindeutig bestimmt haben, was darauf zu sehen ist. Mauna Kea nutzt dazu Daten, die Cellvizio erstellt hat. Wenn sie richtig funktioniert, wäre die KI unterstützte Diagnose „effizienter, schneller und einfacher für Chirurgen“, glaubt Loiseau.

Loiseau denkt aber bereits einen Schritt weiter. Er will Cellvizio mit Robotern verbinden. Bei einer Operation könnte dann beispielsweise ein Roboterarm das Gewebe im Auge behalten, Daten sammeln und der Chirurgin oder dem Chirurgen in Echtzeit sagen, wo sie am Besten ihren Schnitt machen.