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Ein Bluttest könnte zur neuen Wunderwaffe gegen Krebs werden

João Medeiros 21.03.2017

Krebszellen mutieren und erschweren dadurch Therapien, weil immer wieder Gewebeproben entnommen werden müssten. So war das bisher. Nun revolutioniert ein Bluttest den Kampf gegen Krebs.

Im August 2014 erhielt der Marcus Krause den Anruf seines Onkologen. Auf diesen hatte der 53-jährige Fotograf aus Atlanta schon mehr als zwei Wochen gewartet. Krause sollte erfahren, ob sein Lungenkrebs behandelbar ist oder nicht.

Bis dahin hatte Krause kaum Symptome gezeigt. Rückblickend sagt er, dass er einige Hinweise nicht ausreichend gedeutet habe. Zum Beispiel den Reizhusten, der ihn ständig begleitete, den er aber nicht ernst nahm. Außerdem fühlte er sich schon länger nicht mehr ganz so fit. Obwohl er regelmäßig lange Strecken mit dem Rad fuhr, brauchte er neuerdings deutlich länger als zuvor, um sich zu erholen. Mitte Juli sah er sich dann plötzlich außer Stande, einen Bergauf-Sprint zu Ende zu fahren und musste sich hinsetzen, um Atem zu holen.

In den Tagen darauf entwickelte er grippeartige Symptome und ging schließlich zum Arzt. Der stellte beim Röntgen fest, dass Krauses rechte Lunge durch eine große Menge Flüssigkeit gequetscht wurde. Ein paar Liter holte er heraus. „Sie konnten nicht die gesamte Flüssigkeit aus der Lunge ziehen“, erzählt Krause, sein Körper sei schon zu sehr an den Zustand gewöhnt gewesen. Der Arzt setzte einen Katheter zwischen die Rippen und zeigte Krauses Frau, wie dieser zu bedienen war.

Von den 150 bekannten Krebs-Mutationen sind 70 mit zielgerichteter Therapie heilbar

Ein PET-Scan einige Tage später zeigte die Ursache für die Flüssigkeitsansammlung in der Lunge: Ein 2,8 Zentimeter großer Tumor drückte auf die Bronchien. Die Wucherung lag an einer Stelle, an die man nur sehr schwer herankommen konnte und wo jeder Schnitt ein enormes Risiko war. Eine Biopsie schied daher aus. Der Arzt zog sich stattdessen Zellen aus der Lungenflüssigkeit. Die Diagnose: Krause hatte Lungenkrebs.

Die Frage war nun, ob der Krebs eine Genmutation hatte, die auf gängige Krebsmedikamente anspringen würde. Bei einer sogenannten zielgerichteten Krebstherapie wird die Mutation beeinträchtigt, die den Tumor wachsen lässt. Eine solche Therapie übertrifft üblichere Behandlungen wie die Chemotherapie und ist allgemein effektiver, wenn man das richtige Medikament für die spezifische Krebs-Mutation hat. Von den 150 bekannten Genmutationen, die Krebs hervorrufen, sind aktuell 70 mit zielgerichteter Krebstherapie heilbar. 

Marcus Krause

Krause informierte sich kam zu dem Schluss, dass er als eigentlich gesunder Anfang Fünfzigjähriger, der niemals geraucht hatte, sicherlich eine angreifbare Mutation haben musste. Dann allerdings kam der Anruf seines Onkologen: Nein, es gab da nichts, was gezielt hätte angegriffen werden können.

Anfangs reagierte Krauses Körper allerdings gut auf Chemotherapie. Er erhielt neue Medikamente, die noch nicht genehmigt waren. „Mein Onkologe wollte das unbedingt“, sagt der Fotograf. Der Arzt habe sich bei der Versicherung für ihn eingesetzt, und die machte eine Ausnahme. Nach zwölf Wochen Behandlung war Krauses Tumor auf 30 Prozent seiner vorherigen Größe geschrumpft. Im Dezember 2015 dann allerdings zeigte der Scan, dass die Wucherung erneut gewachsen war. Krauses Frau weinte, als sie davon erfuhr. Krause selbst war auf eine Art erleichtert: „Ich wollte absolut keine weitere Chemotherapie.“ Die habe immer nur bewirkt, dass ihm sehr schlecht wurde. „Und ich wusste, dass sie mich nicht heilen würde.“ Er habe vor der Wahl gestanden: „Will ich mich ganz furchtbar fühlen und dann sterben oder möchte ich, dass es mir ganz okay geht, bis ich sterbe?“

Will ich mich ganz furchtbar fühlen und dann sterben oder möchte ich, dass es mir ganz okay geht, bis ich sterbe?

Marcus Krause, Krebspatient

Krauses Onkologe überwies ihn an einen Kollegen am Sarah Cannon Research Institute in Nashville, in der Hoffnung, dass dieser Krause in eine Testreihe aufnehmen könnte. Der Kollege hatte allerdings Zweifel, was Krauses Biopsie-Ergebnisse anging. Er fragte den Patienten, ob er sich noch einmal würde testen lassen. Es sollte ein Bluttest werden. Dieser war neu, hatte aber schon einige Male gut funktioniert. Der Vorteil: Man musste kein Gewebe entfernen, was in Krauses Fall riskant gewesen wäre. Er hatte nichts zu verlieren und stimmte dem Bluttest zu.

Zwischenzeitlich unterzog sich Krause allerdings doch noch mal einer – leicht veränderten – Chemotherapie. Er hatte beruflich viel zu tun, und seine älteste Tochter wollte heiraten. Er brauchte irgendwas, um weitermachen zu können. „Auf der Hochzeit ging es sehr emotional zu“, erzählt er. „Alle wussten, dass es nicht gut um mich stand.“ Die neue Chemotherapie erwies sich ebenfalls als ineffektiv. Krause hatte den möglichen Bluttest mittlerweile fast vergessen. „Als ich meinen Onkologen anrief um zu fragen, wie es nun weitergehen solle, fragte er, ob ich mich an den Bluttest erinnern würde.“ Der hatte nämlich ergeben, dass doch eine Mutation vorhanden war. Bei der ersten Biopsie war das nicht erkannt worden. Krause hatte plötzlich wieder Grund zur Hoffnung.

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An einem Tag im Jahr 2013 flog Helmy Eltoukhy, ein 34-jähriger Elektroingenieur aus Kalifornien, nach Spanien. Er traf sich dort mit dem Schweizer Forscher Maurice Stroun. Eltoukhy hatte gerade sein zweites Unternehmen gegründet, zusammen mit seinem ehemaligen Doktoranden-Kollegen AmirAli Talasaz: Guardant Health. Aber er hatte noch kein Produkt vorzuweisen. Stattdessen hatte er die Vision, in einen neuen Test zu investieren, der Gewebe-Biopsie durch einen Bluttest ersetzen würde. Und Stroun – einer der Wissenschaftler, die entdeckt hatten, dass die DNA von Krebszellen im Blut zu finden ist – konnte ihm helfen.

Eltoukhy hatte an der Stanford Universität studiert. Dort hatte er an Projekten mitgearbeitet, die Halbleiter nutzen, um preiswertere und schnellere DNA-Sequenzer zu ermöglichen. Seine Gruppe, die vom iranischen Molekularbiologen Mostafa Ronaghi geleitet wurde, hatte rund zehn Millionen Dollar Fördergelder erhalten. Mit dem Geld hatte Eltoukhy und Ronaghi 2007 die Firma Avantome gegründet. Ein Jahr später hatten sie sie an Illumina verkauft, den weltgrößten Hersteller von Sequencing-Maschinen. Eltoukhy und Ronaghi arbeiteten dort weiter mit an Projekten.

2011 wurde Eltoukhy krank. Die Liste seiner Symptome war recht ungewöhnlich: Hirnleistungsstörungen, Arthritis, Magenschmerzen und Erschöpfung. Er suchte zwölf verschiedene Spezialisten auf und unterzog sich mehreren Bluttests, einer Darmspiegelung, einer Endoskopie und einem CT-Scan. Niemand fand den Grund für seine Beschwerden. „Das hat mich wahnsinnig gemacht“, sagt er.

Bei einer Party, die seine Frau für Freunde organisiert hatte, stopfte sich Eltoukhy mit Pizza und Bagles voll. Später am Abend bekam er am ganzen Körper Ausschlag. Sein Arzt riet ihm zu einer glutenfreien Diät. Vier Wochen später ging es ihm wieder besser.

Ärzte haben nicht die Werkzeuge, um die richtigen Fragen zu stellen und zu beantworten

Helmy Eltoukhy, Gründer von Guardant Health

Nach unzähligen Terminen, die er in den sechs Monaten mit verschiedenen Ärzten hatte, kam Eltoukhy zu dem Schluss, dass die technischen Werkzeuge einfach zu unterentwickelt waren, um Krankheiten zu diagnostizieren und zu behandeln. „Ich dachte immer, dass Ärzte die Helden an vorderster Front sind“, sagt Eltoukhy. „Sie haben immer Bereitschaft und helfen Menschen in ihrer größten Not. Und trotzdem haben sie nicht die Werkzeuge, um die richtigen Fragen zu stellen und zu beantworten.“

Eltoukhy entschied sich, seinen Job zu kündigen und etwas dagegen zu unternehmen. „Mir ging es darum, die Kosten der DNA-Sequenzierung zu verringern“, sagt er. „Können wir das 500-Dollar-Genom erreichen? Das 250-Dollar-Genom? Ich hatte das Gefühl, wir ruinieren unsere Nerven mit der Suche nach neuen Technologien, während wir stattdessen auch etwas tun könnten, was näher am Patienten dran ist. Ich hatte das Gefühl, dass ich es bereuen würde, wenn ich nicht Teil dieser Revolution würde.“ Er entschied sich dazu, sich auf die Krankheit zu konzentrieren, an der schon seine Großmutter mit 40 Jahren gestorben war und die immer noch eine der weltweit häufigsten Todesursachen ist. „Krebs ist eine Erkrankung des Genoms,“ sagt Eltoukhy. „Ich dachte mir, dass das ein Gebiet ist, wo das Wissen um fortgeschrittene Genom-Sequenzierung ein großer Vorteil wäre.“

Aus seiner Perspektive als Ingenieur kam er zu dem Schluss, dass Onkologen bei der Diagnose und Behandlung von Krebs in eine, wie er es nennt, fehlerhafte Feedback-Schleife geraten. „Wenn man an die Krankheiten denkt, die uns zu bekämpfen gelungen ist, ob nun Infekte, HIV oder sogar Blutkrebse wie Leukämie oder Lymphdrüsenkrebs, die alle mittlerweile recht gute Überlebensraten haben, ist der Erfolg mit einem Bluttest zu erklären“, sagt Eltoukhy. „Man kann die Krankheit so immer wieder untersuchen.

„Leider dauert es bei Tumoren drei bis neun Monate, bis klar ist, ob eine entsprechende Medizin anschlägt.“ Die sehr langsame Feedbackschleife gebe zudem keine Auskunft darüber, welche Genome der Krankheit zugrunde liegen. Das Erbmaterial von Krebszellen entwickelt sich die ganze Zeit weiter. Die Genome passen sich an die Behandlung an und mutieren unabhängig von der Originalzelle. „Krebs ist eine Krankheit, bei der bisher eine Biopsie vorgenommen wird und diese Information bis zum Ende des Lebens genutzt wird“, sagt Eltoukhy. „Aber wenn der Krebs mutiert, bekommt der Arzt das gar nicht mit. Er behandelt die nächsten zehn Jahre dann so weiter, als bestünde der Krebs noch in der ursprünglichen Form. Man muss weiter testen, sonst kann man die Therapie nicht anpassen.“ Krebs müsse als Krankheit betrachtet werden, deren Behandlung dynamisch gestaltet und immer wieder neu angepasst werden muss.

Eltoukhy fand heraus, dass ein Bluttest ein möglicher Weg wäre, Krebsmutationen festzustellen, ohne immer wieder ins Gewebe schneiden zu müssen. Ärzte könnten so ihre Patienten vor Schmerzen bewahren, die Biopsien meistens bedeuten. Außerdem könnte der Test Teil einer jährlichen Untersuchung sein, die bei frühen Diagnosen genauso funktioniert wie bei schon lange kranken Patienten. Als er dann nach Artikeln zu Krebs-DNA im Blutkreislauf suchte, verwiesen alle Fußnoten auf eine Person: Maurice Stroun

Stroun war kein ausgesprochener Krebsexperte, sondern Pflanzenphysiologe an der Universität Genf. In den 60er Jahren hatte er Tumore untersucht, die Bakterien in Pflanzen entstehen ließen und fand Erbgut dieser Bakterien im Saft von Tomaten. Daraufhin untersuchte er auch Tiere und fand 1972 Bakterien-DNA im Blutkreislauf von Fröschen. Es war also möglich, fremdes Erbgut wie das von bakteriellen Tumoren im Blutkreislauf von Organismen zu finden. In einer Studie las Stroun, dass Krebspatienten mehr Erbmaterial in ihrem Blut aufwiesen als gesunde Menschen und fragte er sich, ob diese zusätzliche DNA vielleicht von den Krebstumoren stammen könnte. 1994 war seine Forschungsgruppe eine der ersten, die die DNA von Tumoren, sogenannte zellfreie DNA, erfolgreich im Herzkreislaufsystem von Patienten entdeckten.

Wenn Zellen sterben, geben sie ihre Überreste ins Blut ab – inklusive der DNA

Helmy Eltoukhy, Gründer von Guardant Health

„Die Theorie war, dass je weiter der Tumor wächst und sich seine Zellen vermehren, die Blutzufuhr irgendwann nicht mehr reicht“, erklärt Eltoukhy. „Sogar bei Krebs im Frühstadium ist das Zellwachstum nur knapp größer als die Sterberate. Wenn Zellen sterben, geben sie ihre Überreste ins Blut ab – inklusive der DNA.“

Als Eltoukhy Stroun zum ersten Mal traf, verstanden sie sich sofort gut. Kurz darauf erwarb Guardant Health mehrere von Strouns Patenten und er stieg als Berater ein. 2014 führte Guardant die erste Blutbiopsie durch.

„Stroun hatte nie wirklich Anerkennung und Respekt aus der Krebsforscher-Community bekommen, weil er aus der Pflanzenphysiologie kommt“, sagt Eltoukhy. „Natürlich musste sich die Sequencing-Technologie erst soweit entwickeln, dass umfassende Flüssigbiopsien überhaupt möglich wurden. Ich glaube aber, dass die Leute jetzt zurückblicken und merken, dass er mit vielen Dingen einfach Recht hatte.“

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Es ist der 15. Juli 2016. WIRED nimmt an einem Meeting von Guardant Health in Redwood, Kalifornien teil. Chief Medical Officer Richard Lanman leitet die Veranstaltung. „Jede Woche kommen neue Mitarbeiter dazu“, sagt er. „Mit ihnen Fallstudien durchzugehen ist eine gute Methode, um sie mit unserer Technologie vertraut zu machen.“

Lanman ist Mitte fünfzig und seit September 2014 bei Guardant. Eine der ersten Studien, die er leitete war eine Kostenanalyse von Biopsien, die in der Fachzeitschrift Clinical Lung Cancer veröffentlicht wurde. Die Untersuchung ergab, dass eine Lungenbiopsie im Durchschnitt 14.634 Dollar kostet. Der Preis beinhaltet die Kosten, die durch Komplikationen bei der OP entstehen, was bei einem von fünf Patienten passiert, die sich der Prozedur unterziehen. Der Test von Guardant Health kostet dagegen nur 5800 Dollar.

„Die heutige Medizin benötigt mehr Gewebe, also werden die Kanülen dicker, was die Häufigkeit von Komplikationen nur erhöht“, sagt Lanman. „Wenn man in ein gutes Krankenhaus kommt, hat man normalerweise keine Probleme, eine umfassende Sequenzierung seines Tumors zu bekommen. Aber was ist mit Patienten die so einen Zugang nicht haben?“ In den USA stellt Guardant Health den Test Versicherungsgesellschaften direkt in Rechnung. „Wir demokratisieren den Zugang zu Biopsien.“

Wir demokratisieren den Zugang zu Biopsien

Richard Lanman, Chief Medical Officer von Guardant Health

Ein paar Wochen vor dem Besuch von WIRED bei Guardant fand das jährliche Treffen der American Society of Clinical Oncology statt. Helmy Eltoukhy kündigte die Ergebnisse einer Studie mit 15.000 Krebspatienten an. Die Untersuchung zeigte, dass Guardants Bluttest in 99 Prozent der Fälle mit den Ergebnissen der üblichen invasiven Gewebebiopsie übereinstimmte. Dieses Verhältnis fiel auf 67 Prozent zurück, wenn der Guardant-Test mit Gewebebiopsien verglichen wurden, die über sechs Monate früher durchgeführt wurden. „Das war zu erwarten“, sagt Eltoukhy. „Das verrät, dass sich die ursprüngliche Mutation weiterentwickelt hat und die Biopsie-Ergebnisse nicht mehr gelten.“

Die zweite Welle von Mutationen nennt Lanman die „Landschaft des Widerstands“. „Diese Mutationen sind der Grund warum, Behandlungen häufig versagen“, sagt er. Die erste genetische Mutation, die zu Krebs führt, wird wahrscheinlich von verschiedenen Faktoren ausgelöst: umweltbedingte und chemische Einflüsse, Gammastrahlung aus dem Weltall, Viren oder vererbte Defekte, die die DNA daran hindern, sich selbst zu reparieren. „Wenn genug dieser Mutationen auf eine bestimmte Art und Weise passieren, geraten unsere Zellen außer Kontrolle“, sagt Lanman. Diese erste Mutation wird dann so lange ungehindert weiterwachsen bis sich ihr eine medizinische Behandlung entgegenstellt. „Bis dahin hatten die Krebszellen keinen Grund zu mutieren“, führt er aus. „Die Behandlung zwingt den Krebs dazu, sich weiterzuentwickeln, um zu überleben.“

Es ist diese „Landschaft des Widerstands“, die Guardant zu kartieren begonnen hat. Je mehr Klinikärzte wissen, welche Arten von Mutationen nach der ersten Mutation entstehen, umso besser können diese auch im Verlauf der Krankheit ins Visier genommen werden. „Weil unser Bluttest am häufigsten dann zum Einsatz kommt, wenn die erste Behandlung versagt hat, haben wir auch die größte Datenbank an Widerstandsmutationen“, sagt Lanman.

Seine Hoffnung ist nicht, den Krebs dadurch besiegen zu können, sondern ihn zu managen. So wie es inzwischen gelingt, mit HIV umzugehen. „Die Leute reden seit den 1980er Jahren von Heilung“, sagt Lanman. „Ich glaube nicht, dass das in absehbarer Zeit passieren wird. Allerdings glaube ich, dass wir kurz davor stehen, Krebs kontrollierbar zu machen.“

Wir stehen kurz davor, Krebs kontrollierbar zu machen

Richard Lanman, Chief Medical Officer von Guardant Health

Nach seiner Eröffnungsrede bei dem Meeting präsentiert Lanman eine Reihe von Fallstudien. Die erste war ein männlicher Patient, 55 Jahre alt, aus Tel Aviv, mit metastatischem Lungenkrebs. Die Forscher fanden eine EGFR L858R-Mutation, für die es eine geeignete Therapie gab, ein Medikament namens Erlotinib. „Sein Zustand verbesserte sich für eine Weile, aber dann mutierte der Krebs“, erzählt Lanman. „Als sie 13 Monate später eine erneute Biopsie durchführten, fanden sie acht verschiedene Mutationen.“ Keine war zu dieser Zeit therapierbar.

Im Juli 2014 ließ er eine Blutbiopsie bei Guardant durchführen. Der Test fand eine weitere Mutation, T790M, auf dem Gen EGFR. Von dieser Mutation ging der Widerstand gegen die Behandlung aus“, erklärt Lanman. „Wir haben versucht, ihn für eine klinische Studie mit einem neuen Medikament für diese Mutation anzumelden. Aber ohne Erfolg.“ Guardant war gerade erst auf der Bildfläche erschienen und der Pharmakonzern wollte keine Risiken mit neuen Diagnosemethoden eingehen. Ein paar Monate später bildete der Tumor Metastasen und griff die Leber des Patienten an. Im September 2014 entdeckte eine Standard-Gewebebiopsie die Mutation EGFR-T790M und bestätigte damit Guardants Ergebnisse. Er wurde in die Studie aufgenommen und im Januar 2015 war der Tumor um 40 Prozent geschrumpft. „Es ging gut voran bis sie eine erneute Lungenbiopsie durchgeführt haben. Sie steckten eine Kanüle in ihn hinein, lösten einen Lungenkollaps aus und er starb.“ Die Biopsie – nicht der Krebs – hatte den Patienten umgebracht.

Eine andere Fallstudie, die Lanman präsentierte, war die eines 60-jährigen Patienten mit einem metastatischen Krebs im Dickdarm. Seine Behandlung wurde unterbrochen, als Komplikationen auftraten. „Er war schwach und eigentlich nur noch ein Fall für die Palliativmedizin“, sagt Lanman. Die Gewebebiopsie hatte jedoch keine Genamplifikation, also Vermehrung der Kopien eines Gens, auf dem ERBB2 entdecken können. Diese ist eine von vier möglichen Krebsmutationen. Bei der normalen Mutation ändert sich ein Buchstabe in dem aus vier Buchstaben bestehenden genetischen Code. Beim zweiten Typ fusionieren zwei Gene und beim dritten Typ erscheint oder verschwindet ein Buchstabe aus dem Code. Beim vierten Typ tritt eine Änderung der Anzahl der Kopien eines Gens auf. Die Amplifikation von ERBB2 ist ein Beispiel. „Wir haben zwei Kopien von jedem Gen in unserem Erbgut,“ sagt Lanman. „Bei einigen Krebsarten können acht, 15 oder 100 Kopien entstehen. Diese sind schwer aufzuspüren.“

Guardants Test kann alle vier Mutationstypen entdecken. Der Patient bekam Trastuzumab, ein hochwirksames Medikament. „Der Tumor verschwand“, sagt Lanman. „Auch, wenn man schon auf der Schwelle zum Tod steht, kann die Wirkung der Arznei noch dramatisch sein.“

Eine letzte Studie: eine 58-jährige Patientin mit Lungenkrebs und Metastasen in den Knochen. „Sie erhielt eine Chemotherapie und drei Biopsien“, sagt Lanman. „Aber sie konnten nicht genug Gewebe entnehmen für eine vollständige Sequenzierung.“ Ihr Onkologe ordnete einen Bluttest an, die Ergebnisse zeigten die Existenz von zwei Molekülen mit zwei fusionierten Genen, EML4-ALK, in zehn Milliliter Blut. „Das war nur eine kleine Menge“, sagt Lanman. „Aber es ist dennoch ein eindeutiger Nachweis.“

Guardants Blutbiopsien haben eine Genauigkeit von 99,999999 Prozent. Das heißt, der Test ergibt praktisch keine falsch positiven Diagnosen – dank der digitalen Sequencing-Methode. „Wir codieren die zwei komplementären DNA-Stränge, um sicherzugehen, dass sie übereinstimmen. Die meisten Sequenzierungsmethoden lassen diesen Schritt aus und können in der Folge falsch positive Ergebnisse bekommen. So etwas gab es vorher in der Diagnostik noch nicht“, sagt Lanman.

Die Patientin wurde mit dem Medikament Crizotinib behandelt und genas. „Sie hatte vorher keine Optionen und reagierte sehr gut auf die Behandlung dank des Bluttests“, sagt Lanman.

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Nach seinem Guardant-Test 2015 begann Marcus Kraus eine Behandlung mit Erlotinib. Hatte er vorher immer Schmerzmittel nehmen müssen, ließen die Schmerzen nun nach nur zwei Tagen so stark nach, dass er nicht mehr darauf angewiesen war. Nach acht Wochen unterzog er sich einem CAT-Scan. Seine vorangegangenen Scans hatten einen fünf Zentimeter großen Tumor mit Knoten in seiner Brusthöhle und einen Lymphknoten in seiner Leber ergeben. Der neue Scan zeigte, dass sich der Lymphknoten aufgelöst hatte, die Knötchen in der Lunge waren ebenfalls weg und der Tumor war auf einen Zentimeter geschrumpft. 

Im Mai 2016 besuchte Krause auf Einladung vom Helmy Eltoukhy Guardant in Redwood, um das Team kennenzulernen und seine Geschichte zu erzählen. An diesem Tag startete Guardant zusammen mit der University of California, South Koreas Samsung Medical Centre, der University of Pennsylvania und der University of Colorado eine neue Initiative, das Project Lunar. Die Studie untersucht hunderte von präsymptomatischen Risiko-Patientinnen auf Brust- Eierstock-, Dickdarm-, Bauchspeicheldrüsen- und Lungenkrebs. „Das sind Frauen, die wie Angelina Jolie, eine BRCA-Mutation für Brustkrebs haben“, sagt Eltoukhy. „Die meisten dieser Frauen müssen eine Entscheidung treffen, ob sie präventiv ihre Brüste und Eierstöcke entfernen lassen wollen. Die Studie untersucht das Blut derjenigen, die diese Operation durchführen lassen und vergleicht es mit dem entnommenen Gewebe, das manchmal frühe Krebsläsionen zeigt.“

Mit Lunar fokussiert sich Guardant nicht auf die „Landschaft des Widerstands“, sondern auf die ursprüngliche Mutation. Wenn erfolgreich, wird die Studie ein Schritt in die Richtung von Eltoukhys ursprünglicher Vision sein: Ein Werkzeug für das frühe Erkennen von Krebs zu finden. „Es wird dann möglich sein, unseren Test für die aktive Beobachtung zu nutzen statt gleich ganze Organe chirurgisch zu entfernen“, sagt Eltoukhy.

An diesem Nachmittag nahm Krause an einer Diskussionsrunde teil. Er erzählte seine Geschichte vor einem Publikum aus Guardant-Wissenschaftlern und Labortechnikern: Wie seine Mutation mit dem Standardverfahren nicht entdeckt wurde. Der schlechte Zustand, in dem er war als die Chemotherapie nicht mehr anschlug. Wie ein Bluttest sein Leben rettete.

Er weiß, dass Erlotinib nicht für immer funktionieren wird. Irgendwann wird der Krebs wieder mutieren und resistent gegen das Medikament werden. Es gibt eine 60-prozentige Chance, dass die nächste Mutation T790M sein wird und dann das Medikament Osimertinib zur Anwendung kommt. So kann er leben, findet er. Er fühle sich nicht einmal krank.

„Meine Geschichte hatte einen großen Eindruck hinterlassen“, erinnert sich Krause. „Die Wissenschaftler verbringen ein Großteil ihrer Zeit im Labor. Die Geschichte einer unglaublichen Kehrtwende im Krankheitsverlauf von jemandem zu hören, der vor ihnen stand, war eine große Sache.“ Am Ende sagte er zum Publikum: „Wenn es wieder bergab geht, werde ich mich einfach an den heutigen Tag erinnern, wie ich hier stehe und in die Runde schaue. Das wird mich anspornen, nicht aufzugeben.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED UK.
Das Original lest ihr hier.

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