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KI-Forschung: Europa darf den Anschluss nicht verlieren

Anna Schughart 04.05.2018 Lesezeit 5 Min

Läuft Europa bei der KI-Forschung den USA oder China bald nur noch hinterher? Spitzenforscher mahnen: Europa hält nicht mit. Woran liegt das? Und was kann man dagegen tun?

Die EU-Kommission will viel Geld in die KI-Forschung investieren. „Wie die Dampfmaschine oder der elektrische Strom in der Vergangenheit ändert KI unsere Welt grundlegend“, sagt der Vizepräsident der Europäischen Kommission Andrus Ansip. Damit die Vorteile von KI allen Menschen zugute kommen, müsse Europa zusammenarbeiten – und bis Ende 2020 mindestens 20 Milliarden Euro investieren. Die EU-Kommission will 1,5 Milliarden Euro dazugeben.

Die Ankündigung kommt nur kurz nachdem 20 Wissenschaftler und eine Wissenschaftlerin in einem offenen Brief gemahnt hatten: Europa hält bei der KI-Forschung nicht mit. Um das zu ändern, fordern sie ein European Lab for Learning and Intelligent Systems (ELLIS). ELLIS soll ähnlich wie das European Molecular Biology Laboratory funktionieren, an dem mehr als 20 Länder beteiligt sind und mehr als 80 Forschungsgruppen Grundlagenforschung machen.

Matthias Bethge gehört zu den Unterzeichnern des offenen Briefs. Er leitet das Kompetenz-Zentrum für Maschinelles Lernen in Tübingen und ist Professor für Computational Neuroscience und Machine Learning. Im Interview erklärt Bethge, warum Europa sich in der KI-Forschung ranhalten muss, wieso die Konkurrenz durch Firmen wie Google oder Facebook zum Problem geworden ist und was man daran ändern kann.

WIRED: Warum kann Europa in der KI-Forschung nicht mithalten?
Matthias Bethge: Öffentliche Institute sind in den letzten fünf Jahren zunehmend ins Hintertreffen geraten – nicht nur in Europa. Der Anteil der Forscher, die jetzt für die Industrie arbeiten, steigt. Das heißt, in Europa konkurrieren wir nicht mehr nur mit den US-Elite-Universitäten wie dem MIT um gute Wissenschaftler, sondern vor allem mit von der Industrie finanzierten Top-Forschungslaboren wie beispielsweise Google Deepmind oder Facebook AI Research. Wenn die öffentliche Forschung in Europa mit den USA oder China mithalten will, dann müssen hier aber genügend Talente arbeiten.

Matthias Bethge leitet das Kompetenz-Zentrum für Maschinelles Lernen in Tübingen und ist Professor für Computational Neuroscience und Machine Learning. 

WIRED: Bezahlen Google und Facebook einfach mehr?
Bethge: Forscher wollen da arbeiten, wo sie die spannendste Perspektive haben. Die Bezahlung ist da definitiv auch eine wichtige Komponente. Aber dazu kommt, dass man auch die richtige Infrastruktur hat, die richtigen Daten, die richtigen Kollegen. Bei Google gibt es zum Beispiel Teams, die die Forschungsergebnisse direkt in ein Produkt umwandeln können. Es ist natürlich sehr attraktiv, wenn man als Forscher seine Idee nicht nur in einem Paper aufschreibt, sondern tatsächlich die Welt ein bisschen verändern kann. In einem rein akademischen Setting ist das schwieriger.

WIRED: Was passiert, wenn sich in Europa nichts ändert?
Bethge: Unsere Möglichkeit mitzugestalten, nimmt ab. Bei Machine Learning und Künstlicher Intelligenz handelt es sich um sehr dynamische Gebiete, die sich schnell weiterentwickeln. Wenn man daran den Anschluss verliert, dann bleibt man stehen. Wir merken ja schon jetzt, dass es zwar viele Möglichkeiten und Ideen gibt, aber unsere Zeit begrenzt ist. Wir brauchen ein sehr gut durchdachtes System, wie wir unser Wissen möglichst effektiv teilen und weitergeben können.

Wenn wir uns nur mit Ethik beschäftigen, dann haben wir keine Gestaltungsmöglichkeiten.

WIRED: Die EU-Kommission hat angekündigt, 1,5 Milliarden Euro in die KI-Forschung investieren zu wollen. Was halten Sie davon?
Bethge: Das ist auf jeden Fall ein gutes Signal. Aber bei so einem Hype-Thema habe ich auch Sorge, dass man jetzt vielleicht in Aktionismus verfällt. In der Politik gibt es ein starkes Bedürfnis, möglichst große Sachen zu machen. In der tatsächlichen Durchführung ist es aber wichtig, dass man nicht Dinge über einen Kamm schert, die sehr unterschiedlich funktionieren und verschiedene Anforderungen haben. Beim Aufbau von wissenschaftlicher Exzellenz steht man vor einer anderen Herausforderung als beispielsweise bei der Veredelung von Produkten. Entsprechend sollte man die jeweils zuständigen Leute fragen: Wie kriegen wir euren Bereich am Besten hin?

WIRED: Dann frage ich Sie als Spitzenforscher: Wie sollte die Zukunft der KI-Forschung in Europa aussehen?
Bethge: Als Wissenschaftler stellt man sich einerseits die Frage: Bin ich an dem Ort, an dem ich am Besten forschen kann? Aber natürlich hängt man andererseits an seiner Forschungsinstitution und will ja auch Europa fördern. Mit der ELLIS-Initiative wollen wir deshalb ein ganz neues, schlagkräftiges Ökosystem für Spitzenforschung im öffentlichen Raum in Europa aufbauen.

WIRED: Wie sieht das aus?
Bethge: Ich denke, eine kritische Masse an exzellenten Forschern ist entscheidend. Außerdem ist Flexibilität ein wichtiger Punkt. Beim maschinellen Lernen kann der Weg von der Grundlagenforschung zu disruptiven Innovationen sehr kurz sein. Daher sollte man einerseits einen sicheren Hafen für freie Forschung haben, aber andererseits auch Brücken in die Anwendung und in die Wirtschaft bauen. Sodass ein Wissenschaftler zum Beispiel aus einer Idee ein Startup machen kann, ohne die Forschung aufzugeben. Impulse, die aus der Wissenschaft kommen, sollten leicht und ohne Reibung auch einen breiten Einfluss in der Gesellschaft haben können.

WIRED: Die EU betont in ihrer Ankündigung auch, ethische Richtlinien auf Grundlage von Datensicherheit oder Transparenz setzen zu wollen. Ist das der besondere europäische Blickwinkel?
Bethge: Es ist gut, sich über die Ethik von KIs Gedanken zu machen und zu überlegen, wie man das in die Forschung einfließen lassen kann. Meine Hoffnung ist es ja, lernende Systeme zu entwickeln, die Wissen vermehren und mehr für den Menschen tun, als nur seine Effizienz zu steigern. Europa kann hier eine Vorreiterrolle spielen. Man darf dabei aber nicht den technologischen Führungsanspruch aus den Augen verlieren. Es ist genauso wichtig, dass wir in der Forschung vorne dabei bleiben. Wenn wir uns nur mit Ethik beschäftigen, dann haben wir wieder keine Gestaltungsmöglichkeiten.