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Was verraten Instagram-Posts über unsere Psyche?

Benedikt Plass-Fleßenkämper 08.08.2017

Was Internet-Nutzer in sozialen Netzwerken veröffentlichen, verrät oft mehr über ihre Persönlichkeit, als ihnen bewusst ist. Wissenschaftler haben nun einen Weg gefunden, Menschen mit Depressionen anhand ihrer auf Instagram geteilten Fotos zu identifizieren.

Lachende Gesichter vor strahlend blauem Himmel, Traumstrände und Cocktails unter Palmen: ein Blick in soziale Netzwerke legt oft die Vermutung nahe, dass sich dort vor allem glückliche Menschen mit sonnigem Gemüt tummeln. Die auf Instagram und Co. veröffentlichten Fotos zeigen oberflächlich betrachtet meist ein perfekt inszeniertes Leben. Doch der Schein trügt.

Das offenbart eine Analyse, die Wissenschaftler der Harvard University und der University of Vermont in einer aktuellen Studie durchgeführt haben. Demnach verraten veröffentlichte Fotos weit mehr über das psychische Befinden ihres Urhebers als die Motive auf den ersten Blick vermuten lassen. Den Forschern gelang es mit einer Treffsicherheit von 70 Prozent, an Depressionen erkrankte Menschen anhand ihrer auf Instagram geposteten Bilder zu identifizieren.

Am Experiment nahmen 166 Probanden teil, von denen 71 in den vergangenen drei Jahren unter einer diagnostizierten Depression litten. Alle Teilnehmer gewährten den Wissenschaftlern freien Zugriff auf ihre Instagram-Accounts und gaben damit eine Sammlung von über 43.000 Fotos frei. Diese analysierten die Wissenschaftler mithilfe Künstlicher Intelligenz auf Pixelebene und erfassten dabei Informationen zu Farben, Metadaten und Gesichtserkennung. Texte und Inhalte von Kommentaren blieben bei der Untersuchung inhaltlich unberücksichtigt.

Die Forscher stellten fest, dass die Bilder depressiver User gewisse Gemeinsamkeiten aufweisen, die sich mit früheren Erkenntnissen zum Thema Depression decken. Die Fotos sind demzufolge tendenziell dunkler als jene gesunder Menschen. Der Blau- und der Grauanteil ist höher, die Bilder kommen häufiger ohne Filter aus, weisen weniger Likes, dafür aber mehr Kommentare auf. Haben die psychisch kranken Nutzer doch zu einem Filter gegriffen, kam vorzugsweise der Schwarz-Weiß-Effekt Inkwell zum Einsatz.

Gesunde Nutzer bevorzugten hingegen den Filter Valencia, der Fotos mehr Wärme und strahlende Farben verleiht. Depressive Instagram-User veröffentlichten zudem häufiger Fotos von Gesichtern, wobei die Zahl der verschiedenen Gesichter pro Foto niedriger ausfiel als bei psychisch gesunden Menschen. Hier könnte die soziale Isolation depressiver Menschen eine Rolle spielen.

Mit den Ergebnissen ihrer Untersuchung hoffen die Wissenschaftler, künftig die Diagnose von Depressionen erleichtern zu können. Immerhin liegt die Treffsicherheit von Ärzten bei der Diagnose der psychischen Erkrankung bei gerade einmal 42 Prozent. Die Forscher könnten sich etwa eine Gesundheits-App vorstellen, die eigenständig Alarm schlägt, wenn sie Auffälligkeiten im Social-Media-Verhalten eines Nutzers entdeckt. So könnten depressive Tendenzen erkannt werden, noch bevor sich der Nutzer seiner Erkrankung bewusst ist.

Allerdings weisen die Forscher darauf hin, dass es sich bei der aktuellen Studie nur um einen ersten Test handelt. Die Gruppe der untersuchten Probanden sei zu klein, um die Resultate auf die Allgemeinheit übertragen zu können. Ob die Kriterien, nach denen man die Testpersonen analysiert hat, auch beim durchschnittlichen Instagram-Nutzer greifen, sei zum jetzigen Zeitpunkt ungewiss. Das Problem: Viele potenzielle Probanden wollten an der Untersuchung nicht teilnehmen, weil sie dazu ihren Instagram-Account freigeben hätten müssen.

Die Studie ist nicht die erste, die sich dem Zusammenhang zwischen Social-Media-Daten und psychischer Gesundheit widmet. So haben frühere Untersuchungen bereits depressive Tendenzen auf Basis der täglich abgesetzten Zahl von Twitter-Beiträgen identifiziert. Eine andere Analyse konnte anhand von Posts in sozialen Netzwerken mit 71-prozentiger Treffsicherheit das Risiko postnataler Depressionen von schwangeren Frauen ausmachen.

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