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Wie Bioinformatik und Gentherapie die Heilkunde neu erfinden

Karsten Lemm 05.12.2016 Lesezeit 4 Min

Leben ohne Leiden? Bioinformatik und Genthera­pie versprechen präzise Behandlung für jede Krankheit. Allerdings bleibt vieles, was denkbar wäre, noch Theorie: Patientenakten verteilen sich auf unterschiedliche Computersysteme oder liegen nur auf Papier vor. Und Datenschutzrichtlinien erschweren den Informationsaustausch.

Dieser Artikel erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe des WIRED Magazins im Dezember 2016 und ist Teil des Health Specials. Wenn ihr die Ersten sein wollt, die einen WIRED-Artikel lesen, bevor er online geht: Hier könnt ihr das WIRED Magazin testen.

T3 ist ein Schuft. Zu viel davon lässt das Herz rasen, Muskeln schwinden, Knochen mürbe werden. T3 kann aber auch Wohltäter sein: In der Leber freigesetzt, senkt das Schilddrüsenhormon den Fettgehalt und fördert den Abbau des schädlichen LDL-Cholesterins. Damit könnte T3 sich als Segen erweisen für Millionen Menschen, die an Fettleber oder starkem Übergewicht (Adipositas) leiden – vorausgesetzt, die Wirkung des Hormons ließe sich auf die Leber begrenzen.

Genau das ist einem Forscherteam in München nun gelungen. Die Wissenschaftler fanden einen Weg, T3 an den Botenstoff Glukagon zu koppeln – und zwar so, dass das Kombi-Molekül ausschließlich von der Leber aufgenommen wird. Erst in ihrem Innern löst sich das T3 vom Glukagon und entfaltet seine heilsame Wirkung. „Das bedeutet, wir haben ein Molekül geschaffen, das T3 sicher anwendbar macht“, sagt Timo Müller, einer der Projektleiter am Helmholtz Zentrum München.

In klinischen Tests muss die trickreiche Therapie noch beweisen, dass sie alltags-tauglich ist. Doch das Experiment illustriert, wie sehr Medizin sich gerade wandelt: Statt alle Menschen, die bestimmte Symptome zeigen, auf gleiche Art zu behandeln, bemühen Ärzte und Forscher sich zunehmend, Heilmethoden auf jeden Patienten individuell abzustimmen. „Die Therapie-Ansätze gehen mehr und mehr in die personalisierte Medizin“, erklärt Müller, mit dem Ziel, „Medikamente zu schaffen, die sehr wenige, aber dafür sehr präzise Auswirkungen haben.“

Personalisierung ist keine Mode, sondern die natürliche Weiterentwicklung dessen, worauf wir seit Jahren hinarbeiten

Nisar Malek

Natürlich erwartet schon jetzt jeder Patient, individuell behandelt zu werden. Meist aber folgt auf die Diagnose eine Art Pfeilewerfen mit halb verbundenen Augen: Ärzte verschreiben Medikamente, die in Studien gezeigt haben, dass sie bei einer nennenswerten Zahl von Patienten wirken. Ob sie im Einzelfall tatsächlich helfen, zeigt sich erst beim Ausprobieren. Zu unterschiedlich sind die biologischen Eigenschaften von Milliarden Menschen, als dass Arzneien, die sich an Mittelwerten orientieren, bei jedem Einzelnen ins Ziel treffen könnten. So blieb die Vision der personalisierten Medizin lange Wunschdenken. Erst jetzt, da Biotechnologie und Informatik zusammenkommen, ergibt sich eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, Heilmethoden für einzelne Patientengruppen – oder gar einzelne Menschen – zu finden.

Grundvoraussetzung ist die präzise Bestimmung der Körpereigenschaften durch moderne Analyseverfahren, allen voran die Bestimmung des Erbguts. „Sie können heute Teile des Genoms für einige Hundert Euro sequenzieren“, erklärt Nisar Malek, Leiter des Zentrums für Personalisierte Medizin am Universitätsklinikum Tübingen. Ähnlich günstig lässt sich das Erbgut von Krebszellen analysieren, um die Behandlung genauer auf den Einzelfall abzustimmen.

So entsteht ein besseres Verständnis des Patienten – aber auch die Chance, die Erkenntnisse aus Millionen Untersuchungen in Datenbanken zusammenzuführen, um ganz allgemein neue Einblicke in Krankheitsbilder und die Wirksamkeit von Therapien zu gewinnen. „Wir sehen in der Auswertung unterschiedlichster Patientendaten eine große Chance für eine Verbesserung der medizinischen Versorgung“, sagt Peter Albiez, Deutschlandchef des Pharmakonzerns Pfizer.

Noch bleibt vieles, was denkbar wäre, Theorie: Ein Großteil der Patientenakten verteilt sich auf unterschiedliche Computersysteme oder liegt nur auf Papier vor. Eine Vielzahl an Datenschutzrichtlinien, national und international, macht es Forschern schwer, Informationen auszutauschen, selbst wenn sie anonymisiert wurden.

Das aber wäre nötig, um effektiv neue Therapie-Ansätze zu entwickeln – nicht zuletzt deshalb, weil die Zahl der Fallbeispiele abnimmt, je mehr sich das Blickfeld auf den Einzelnen verengt. „Ein Problem der individualisierten Medizin ist, dass Patientenkollektive sehr klein werden“, erklärt Heyo Kroemer, Dekan der Universitätsmedizin Göttingen.

Das macht auch klinische Studien schwierig und damit die Zulassung neuer Medikamente – zumindest nach herkömmlichem Schema. Um die Vorteile auszuschöpfen, die sich durch Biotechnologie und IT ergeben, wird sich das Gesundheitswesen grund-legend wandeln müssen.

Trotz solcher Hürden dürfen Patienten hoffen, künftig schneller und effizienter geheilt zu werden, als es bisher möglich war. „Personalisierung ist keine Mode“, sagt Nisar Malek, „sondern die natürliche Weiterentwicklung dessen, worauf wir seit Jahren hinarbeiten. Jetzt müssen wir die positiven Aspekte rasch den Patienten nutzbar machen.“