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Sozialverhalten nach der Kündigung: Handydaten verraten Arbeitslosigkeit

Moritz Geier 29.05.2015

Nur mithilfe von Mobiltelefondaten ist es Forschern gelungen, Arbeitslosenzahlen akkurat vorherzusagen. Wer gerade entlassen wurde, nutzt sein Handy zum Beispiel anscheinend nur noch halb so oft.

Digitale Daten verleihen Macht, nur wie viel, das übersteigt oft unser Vorstellungsvermögen. Zu abstrakt, zu komplex ist die Materie. Was man aber zum Beispiel allein mit Telefonverbindungsdaten anstellen kann, hat nun ein interdisziplinäres Forschungsteam gezeigt: Die Wissenschaftler um den Informatiker und Politikwissenschaftler David Lazer von der Northeastern University in Boston konnten die Arbeitslosenzahlen eines Landes akkurat vorhersagen — nur weil sie wussten, wer wie oft sein Telefon in die Hand nimmt.

Unsere Ergebnisse können Politikern helfen, schneller auf Krisen zu reagieren.

Jameson Toole, Doktorand am Massachusetts Institute of Technology

Wirtschaftliche Statistiken könnten nun viel schneller und genauer erstellt werden, behauptet Jameson Toole, Doktorand am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Hauptverfasser der Studie. „Unsere Ergebnisse können politischen Entscheidungsträgern helfen, schneller auf zukünftige Krisen und wirtschaftlichen Abschwung zu reagieren.“

Die MIT-Forscher nutzten einen Algorithmus, um einen Ausschnitt der Verbindungsdaten zweier europäischer Länder über einen 15-monatigen Zeitraum zu analysieren. Um welche Staaten es sich konkret handelt, gaben sie jedoch nicht preis.

Arbeitslosigkeit stand im Zentrum der ersten Untersuchung. Lazer und seine Kollegen studierten die Verhaltensmuster nach einer Massenentlassung bei einer Autofabrik im Jahr 2006. Die Forscher entdeckten, dass Arbeitslose insgesamt um 51 Prozent weniger Anrufe tätigen als Angestellte. In der Studie sprechen Lazer und seine Kollegen von einer „systematischen Dämpfungswirkung“, die eine Entlassung auf das Sozialverhalten habe.

Entlassungen haben einen ‚systematischen Dämpfungseffekt‘ auf das Sozialverhalten.

Dass auch die Mobilität der Arbeitslosen nachlässt, erkannten die Forscher an der geringeren Anzahl von Handymasten, die die Mobiltelefone anfunkten. „Die Ergebnisse legen nahe, dass der gesellschaftlicher Umgang eines Nutzers nach einer Entlassung deutlich abnimmt und seine sozialen Beziehungen an Beständigkeit verlieren“, schreiben sie in ihrer Studie.

Im zweiten Teil der Untersuchung analysierten die Wissenschaftler die Verbindungsdaten Tausender Nutzer aus einem anderen europäischen Land, das zum Zeitpunkt der Datenerhebung wirtschaftlichen Spannungen ausgesetzt war. Lazer und sein Team wollten herausfinden, ob sie auch dort die Arbeitslosigkeitsraten vorhersagen können.

Bis zu vier Monate vor den offiziellen Meldungen soll die Methode die Zahlen vorhersagen können.

Dafür suchten sie gezielt nach den Verhaltensänderungen, die sie für Personen als typisch definiert hatten, die kürzlich entlassen worden waren — also zum Beispiel weniger Anrufe und abnehmende Mobilität. Das Ergebnis: Die Mobiltelefondaten ermöglichen tatsächlich präzise Aussagen über Arbeitslosigkeit und Massenentlassungen. Schon bis zu vier Monate vor den offiziellen Meldungen könne ihre Methode die zukünftigen Arbeitslosenzahlen genau vorhersagen, schreiben die Wissenschaftler.

Trotzdem warnt Lazer davor, nun komplett auf Umfragen und andere Ansätze zur Statistikerstellung zu verzichten: „Big-Data-Ansätze sind schnell und günstig, aber die Normen hinter dem Handygebrauch verändern sich ständig.“ Telefonverbindungsdaten seien daher ein zwar machtvolles, aber immer nur ergänzendes Werkzeug zur wirtschaftlichen Analyse. 

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