/Science

Forscher empfehlen einen „Impfstoff gegen Fake News“

Benedikt Plass-Fleßenkämper 24.01.2017

Sogenannte „Fake News“ prägen angeblich die öffentliche Meinung. Wissenschaftler wollen nun einen Weg gefunden haben, Menschen für den Umgang mit Falschmeldungen zu sensibilisieren. Die Wirkung ihrer Methode vergleichen sie mit der eines Impfstoffs.

Das Thema „Fake News“ hält sich seit Monaten hartnäckig in den Schlagzeilen. Ereignisse wie das Brexit-Votum oder die US-Präsidentschaftswahlen haben nach der Meinung vieler gezeigt, welchen Einfluss die rasante Verbreitung von Falschmeldungen auf die öffentliche Meinungsbildung haben kann. Angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl sucht auch die deutsche Politik nach einem Mittel gegen die schädlichen Auswirkungen von gefälschten Informationen.

Ein Zusammenschluss aus britischen und US-amerikanischen Wissenschaftlern will dieses nun gefunden haben: Im Rahmen der Studie Inoculating the Public against Misinformation about Climate Change haben Sozialpsychologen der University of Cambridge, der Yale University und der George Mason University eine Methode entwickelt, die Menschen immun gegen Falschinformationen machen soll. Ähnlich der Wirkungsweise eines Impfstoffes, setzen die Forscher ihren Probanden dazu bewusst geringe Dosen von Falschinformationen vor, um sie so für deren Erkennung zu sensibilisieren.

In der Folge sollen Menschen gefälschte Inhalte zielsicherer identifizieren können und weniger empfänglich für deren Aufnahme sein. Um das zu erreichen, empfehlen die Wissenschaftler, korrekte und fundierte Informationen mit klar als „Fake News“ gekennzeichneten Falschinformationen zu mischen. Das führe dazu, dass sich die Konsumenten der Existenz von gezielt gestreuten Fehlinformationen bewusster würden und Informationen stärker hinterfragten.

Um ihr Konzept zu belegen, führten die Forscher einen Versuch mit über 2000 Teilnehmern durch. Dabei präsentierten sie den Probanden laut Quartz zunächst unabhängig voneinander je eine wissenschaftlich fundierte Information über die Existenz des vom Menschen verursachten Klimawandels sowie eine Falschinformation, die diesen bestritt. Das Resultat: Die Befragten neigten dazu, der Falschinformation zu glauben und den vom Menschen verursachten Klimawandel anzuzweifeln.

In einer zweiten Variante legten die Wissenschaftler den Studienteilnehmern die beiden Informationen in Kombination vor. Dabei leiteten sie die Falschmeldung mit einer Warnung ein und erklärten, dass politisch motivierte Gruppen versuchten, die Öffentlichkeit von der Nichtexistenz des menschengemachten Klimawandels zu überzeugen. Im Ergebnis schenkten 6,5 Prozent mehr Menschen der korrekten Information Glauben. Noch deutlicher fiel das Ergebnis aus, als die Wissenschaftler die Falschmeldung durch eine nähere Erläuterung entlarvten.

Bei der Meldung handelte es sich um eine Behauptung des Oregon Global Warming Petition Projects, nach der 31.000 Wissenschaftler eine Petition gegen die Anerkennung des vom Menschen verursachten Klimawandels unterzeichnet hätten. In einer Erläuterung zeigten die Forscher auf, dass die Unterschriften unter anderem von fiktiven Charakteren aus Star-Wars-Filmen oder von Popstars wie den Spice Girls stammten. Das führte dazu, dass 13 Prozent mehr Probanden den realen Fakten glaubten und den Klimawandel anerkannten.

Die gezielte Konfrontation mit Falschinformationen gibt den Konsumenten laut den Wissenschaftlern das „kognitive Repertoire“ zur Erkennung von „Fake News“. Daher glauben die Forscher auch daran, dass Facebooks Vorhaben, potenzielle Falschmeldungen durch Warnhinweise zu kennzeichnen, erfolgreich sein könnte. Nutzer des sozialen Netzwerks würden so verstärkt dazu angehalten, die ihnen präsentierten Informationen kritisch zu hinterfragen. Allerdings bestehe die Möglichkeit eines Abnutzungseffekts der „Fake News“-Kennzeichnung, weshalb auf lange Sicht eine bessere Allgemeinbildung der Menschen das Mittel zum Kampf gegen Falschmeldungen sein sollte.

Möglicherweise löst sich das Problem aber auch von allein – die Studienbetreiber glauben, dass das Thema „Fake News“ in den kommenden Jahren wieder an Bedeutung verlieren wird. „Möglicherweise erleben wir gerade den Höhepunkt der Fake News“, sagte Studienführer Sander van der Linden gegenüber TechCrunch. „Das Thema verbreitet sich aktuell viral, aber ich denke es wird in den nächsten Jahren wieder abebben – das hoffe ich zumindest.“

Eine aktuelle Untersuchung zweifelt indes die Auswirkungen von „Fake News“ grundsätzlich an. Hunt Allcott von der New York University und Matthew Gentzkow von der Stanford University kamen zu dem Ergebnis, dass nur 1,2 Prozent der US-Bürger sich an „Fake News“ zum Wahlkampf überhaupt erinnern und ein noch geringerer Prozentsatz diese tatsächlich geglaubt hat. Den Einfluss der Falschmeldungen halten sie daher für verschwindend gering. Auch deshalb, weil im Fernsehen verbreitete Nachrichten noch immer einen deutlich höheren Stellenwert genießen würden als Internet-Meldungen.

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