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Ein Forscherkollektiv jagt jetzt den mysteriösen All-Besucher

WIRED Staff 24.11.2017

Nach der Entdeckung eines Besuchers aus den Tiefen des Alls, gehen Forscher jetzt auf die Jagd. Ein Verbund aus Astronomen und Ingenieuren will dem extrasolaren Asteroiden 'Oumuamua eine Sonde hinterherschicken. Aber 'Oumuamua ist schnell und verlässt unser Sonnensystem bereits wieder — ihn einzuholen, wird eine immense Herausforderung.

Das Projekt Lyra plant, 'Oumuamua inneralb der nächsten 30 Jahre zu erreichen. Astronomen erhoffen sich dadurch Erkenntnisse über die Beschaffenheit und die Herkunft des Asteroiden sowie über extrasolare Objekte im Allgemeinen. Dabei ist die Geschwindigkeit von 'Oumuamua die größte Hürde, die es zu überwinden gilt: Der Gesteinsbrocken trat mit einer errechneten Geschwindigkeit von etwa 95.000 Kilometern pro Stunde in unser Sonnensystem ein. Beschleunigt durch die Gravitation der Sonne hat sich diese aktuell auf etwa 138.000 Kilometer pro Stunde erhöht.

Berechnungen zufolge wird der Asteroid den Jupiter Orbit im Mai 2018 passieren. Dazu kommt, dass 'Oumuamua nicht wie Kometen auf einer elliptischen Bahn die Sonne umkreist, sondern das Sonnensystem in Richtung des Sternbilds Pegasus verlässt. Das stellt die Forscher vor die schwierige Aufgabe, in absehbarer Zeit eine technische Umsetzung zum Erreichen des Asteroiden zu finden.

Bislang waren alle vom Menschen gebauten Sonden nicht einmal halb so schnell wie 'Oumuamua in seiner aktuellen Höchstgeschwindigkeit: Die Sonde New Horizons, die im Jahr 2015 Aufnahmen vom Zwergplaneten Pluto zur Erde schickte, flog mit einer Geschwindigkeit von etwa 58.000 Stundenkilometern. Das bislang schnellste gebaute Flugobjekt im Weltall, die Voyager I, erreicht etwa 61.000 Kilometer pro Stunde. Die Forscher nehmen die Chance zur Beobachtung von 'Oumuamua zum Anlass, verstärkt an der Entwicklung neuer Antriebsmethoden wie Sonnensegeln zu arbeiten. Auch wenn der Asteroid unerreichbar bleiben sollte, könnte die Antriebsforschung bis zur Entdeckung des nächsten extrasolaren Objekts in unserem Sonnensystem durch die Initiative von Projekt Lyra immens voranschreiten.

'Oumuamua war am 19. Oktober 2017 erstmals entedeckt worden und wies laut ESO-Pressemitteilung eine auffällige Rötung seiner Oberfläche auf. Der Grund: Der Asteroid besitzt vermutlich hohe Anteile an Metallen und Gestein, die durch die lang anhaltende intensive kosmische Strahlung dunkelrot gefärbt sind. Das Pan-STARRS-1-Teleskop auf Hawaii hatte den Gesteinsbrocken, der mit Abmessungen von etwa 800x80x80 Metern auffällig lang gezogen ist, als schwachen Lichtpunkt in einem Abstand von etwa 0,2 Astronomischen Einheiten (AE) entdeckt — das entspricht in etwa einem Fünftel der Strecke zwischen der Erde und der Sonne. Gemäß der Landessprache des Entdeckungsorts erhielt der Asteroid den hawaiianischen Beinamen Oumuamua, was in etwa „erster Botschafter“ bedeutet.

Dabei war die Klassifizierung des Asteroiden anfangs nicht eindeutig: Ursprünglich hatten die Astronomen des ESO Oumuamua für ein gewöhnliches Objekt aus unserem Sonnensystem gehalten. Normalerweise stammen alle Gesteinsbrocken aus der hypothetisch angenommenen Oortschen Wolke, einer das Sonnensystem umgebenden Kometenwolke aus der Frühphase der Sternentstehung. Da Oumuamua allerdings keinerlei Koma aus Eis oder Staub aufwies und seine Bahn für ein innersolares Objekt ebenfalls untypisch war, wurde es als extrasolarer Asteroid klassifiziert.

Es ist das erste Mal, dass ein solches Objekt beobachtet werden konnte. Die Astronomen waren laut Olivier Hainaut von der ESO in Garching zum schnellen Handeln gezwungen: „Oumuamua war schon am sonnennächsten Punkt vorbei und bereits wieder auf dem Weg zurück in den interstellaren Raum.“ Daher wurde das Very Large Telescope (VLT) in Chile zur näheren Beobachtung herangezogen. Vermutlich passieren derartige Objekte unser Sonnensystem jährlich, bleiben aber unentdeckt.

Beeindruckend für die Beobachter war auch die Berechnung seiner Herkunft. Vorläufige Bahnberechnungen ergeben eine grobe Herkunft aus der Nähe des Sterns Wega im Sternbild Leier. Auf seinem Weg könnte Oumuamua mit einer Geschwindigkeit von circa 95.000 Kilometern pro Stunde hunderte Millionen Jahre ungebunden an ein Sternsystem durch den interstellaren Raum gereist sein. Dorthin zieht es den zigarrenförmigen Asteroiden nun auch wieder: Oumuamua hat das Sonnensystem bereits fast wieder verlassen und bewegt sich in Richtung des Sternbilds Pegasus.

Dieser Text wird ständig auf neue Entwicklungen hin aktualisiert.