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Erika Ilves plant interplanetare Reisen und die Besiedlung des Weltalls

Benedikt Plass-Fleßenkämper und Jürgen Koder 16.03.2017

Sie liebt Star Trek und träumt von der Besiedlung ferner Welten: Die Visionärin Erika Ilves strebt seit einigen Jahren danach, den Weltraum zu erobern. Sie will die Ressourcen des Mondes und von Asteroiden abernten und Mars-Stationen mit einer Armada von intelligenten Robotern bauen lassen. Im WIRED-Interview erklärt sie, wie das möglich sein soll.

Erika Ilves beschäftigt sich mit Transportsystemen und dem Abbau von Rohstoffen. Das klingt erst einmal trocken – bis man erfährt, dass sich die Estländerin bei ihren Konzepten auf den Weltraum und dessen möglichst vollständige Erschließung konzentriert. Derzeit arbeitet Ilves bei OffWorld im kalifornischen Pasadena. Das von ihr mitgegründete Startup entwickelt Roboter, die auf der Erde, dem Mond, dem Mars und auf Asteroiden als autonome Minenarbeiter eingesetzt werden sollen.

Durchaus hochgesteckte Ziele, denn die Maschinenwesen müssen kompakt sein (um in Raketen zu passen), unter den harten Bedingungen des Weltalls funktionieren und zudem so klug agieren, dass sie auch noch über weite Distanzen ohne menschliches Eingreifen eigenständig arbeiten. Wenn die Menschheit wirklich ferne Planeten besiedeln will, benötigt sie Tausende dieser Roboter: Sie könnten die benötigten Infrastrukturen errichten, Eis für Trinkwasser abbauen oder die Rohstoffe für den Raketentreibstoff besorgen.

Erika Ilves, Unternehmerin und Weltraumvisionärin

Ilves kümmert sich bei OffWorld um die passende Strategie, damit das Unternehmen die kühnen Weltraumvisionen umsetzen kann. Dieses Terrain ist für die 39-jährige nicht neu: Vor ihrem Startup war sie unter anderem an den Raumfahrt-Unternehmen Shackleton Energy und Transplanetary beteiligt und publizierte als Co-Autorin das Buch The Human Project. Darüber hinaus tritt Ilves regelmäßig als Rednerin auf, um über die Besiedlung fremder Welten zu referieren – zum Beispiel bei den TED-Talks und dem Disrupt Space Summit in Berlin.

Ihrer Meinung nach ist der Weltraum „the final startup frontier“ („die letzte Startup-Grenze“), womit sie auf das legendäre Intro der TV-Serie Star Trek anspielt. Überhaupt nimmt Ilves gerne Bezug auf Star Trek und anderen Science-Fiction-Stoff. Warum? Das und mehr erklärt die visionäre Gründerin im Interview mit WIRED.

WIRED: Warum sind Asteroiden für die Raumfahrt so interessant?
Erika Ilves: Weil sie im Gegensatz zur Erde, dem Mond oder dem Mars kaum Anziehungskraft besitzen. Das bedeutet, ganz praktisch gesehen, dass man nicht so viel Raketentreibstoff benötigt, um von ihnen abzuheben. Das ist wichtig, denn 80 bis 90 Prozent des Gewichtes, das eine Rakete beim Start von der Erde mit sich herumschleppt, ist Treibstoff. Außerdem sind Asteroiden reich an Rohstoffen, die man relativ leicht abbauen kann.

WIRED: Und welche Hindernisse gibt es?
Ilves: Die Bewegungsbahnen von Asteroiden sind so kompliziert, dass man sie nicht mit einer einfachen Fernsteuerung anpeilen kann. Das ist der Grund, warum wir die Roboter bei OffWorld zuerst für die Erde und dann später für den Mond entwickeln. Erst wenn unser System so weit ist, dass es wirklich autonom funktioniert, peilen wir Asteroiden an.

WIRED: Wann können wir mit dem kommerziellen Rohstoffabbau auf anderen Planeten oder Asteroiden beginnen?
Ilves: Ich denke, es wird in weniger als zehn Jahren einen Abbau von Eiswasser auf dem Mond geben, und in ungefähr 15 Jahren auf Asteroiden. Was früher möglich sein wird: die Bergung von Objekten im Erdorbit.

Asteroiden sind für Ilves eine wertvolle Rohstoffquelle und entscheidend für die Zukunft der Weltraumeroberung

WIRED: Was sollen diese erdnahen Objekte bringen?
Ilves: Was man grundsätzlich verstehen muss: Die wenigsten Dinge, die man beim Weltraumbergbau ergattert, sollen zur Erde gebracht werden. Stattdessen benötigt man sie als Baumaterial für Weltraumstationen, Fabriken im All und als Treibstoff den interplanetaren Transport.

WIRED: Warum müssen wir Ihrer Meinung nach ferne Planeten besiedeln?
Ilves: Die Menschheit wird mit vielen verschiedenen lebensbedrohlichen Dingen konfrontiert, wozu unter anderem Atomkriege, Pandemien, Supernova-Explosionen und zehn Kilometer große Asteroiden gehören. Diese existenzbedrohenden Risiken können wir minimieren, wenn wir uns im ganzen Sonnensystem niederlassen.

WIRED: Der Mars ist doch karg und öde.
Ilves: Aber der beste Kandidat für die erste menschliche Siedlung außerhalb der Erde. Das bedeutet exorbitant viel Arbeit – aber das ist die beste Lebensversicherung für die Menschheit, die wir uns selbst zulegen können.

WIRED: Wie können wir für eine Ausbreitung im All die unglaublichen großen Distanzen überwinden?
Ilves: Ein Schritt nach dem anderen! Unser aktueller Stand der Dinge erlaubt es uns, über dauerhafte Siedlungen im inneren Planetensystem nachzudenken. Die zeitlichen Distanzen sind vergleichbar mit denen, welche die Siedler benötigten, um den Atlantik zu überwinden: drei bis vier Monate von Europa nach Nordamerika versus acht Monate von der Erde zum Mars. Und der Mond ist nur wenige Tage von uns entfernt.

Space Trucks: Mit den Rohstoffen, die direkt im All abgebaut werden, könnten interplanetare Transportsysteme aufgebaut werden

WIRED: Das klingt so, als wäre eine Besiedlung der nahegelegenen Planeten kein Problem.
Ilves: Wenn wir die neuen Antriebsarten, Tiefschlaf-Möglichkeiten und Technologien zur Verbesserung des menschlichen Körpers, die sich gerade in der Entwicklung befinden, umsetzen, sind interplanetare Reisen in greifbarer Nähe.

WIRED: Auf einer TEDx-Veranstaltung zitierten Sie den Satz: „Die meisten großen Visionen basieren auf geklauten Ideen.“ Was meinten Sie damit?
Ilves: Wir alle leben auf dem gleichen Planeten unter der gleichen Sonne. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass gleichgültig wie brillant oder originell eine Idee klingen mag, die Chancen ziemlich groß sind, dass jemand anderes irgendwo zuvor diese Idee auch schon hatte. Viele der größten technischen Erfindungen wurden zuerst von Science-Fiction-Autoren in den 1950er Jahren oder weit vorher erdacht.

WIRED: Und was bedeutet das konkret für Sie?
Ilves: Ich habe mich vor ein paar Jahren selbst von dem Irrglauben befreit, ich würde eine großartige Vision erschaffen. Stattdessen habe ich einfach sehr viel Science-Fiction-Material in mich aufgesogen. Was ich somit auf dem TED-Talk sagen wollte: Science-Fiction ist die beste Quelle für großartige Zukunftsvisionen.

WIRED: Das Beamen, der Warp-Antrieb und andere Technologien aus Star Trek sind vielleicht mehr als nur reine Fantasien und könnten wirklich umgesetzt werden?
Ilves: Ich denke, die Chancen stehen nicht schlecht.

WIRED: Nicht schlecht?
Ilves: Heutzutage gibt es eine Vielzahl an klugen Köpfen, die an neuen Antrieben und an anderen Lösungen arbeiten. Zum Beispiel könnten Hologramme und hyperrealistische Virtual-Reality-Umgebungen – also eine Art Holodeck – das Problem des Transports lösen.

WIRED: Das klingt nach einer tollen Zukunft.
Ilves: Ja, alles, was nicht aufgrund der physikalischen Gesetze unmöglich ist, wird unausweichlich irgendwann realisiert.

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