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Bald kann jeder sein Erbgut über die Blockchain verkaufen

Anna Schughart 21.03.2018 Lesezeit 4 Min

Viel zu wenige Menschen lassen ihr Genom sequenzieren, findet der Spitzenforscher George Church. Sein Unternehmen Nebula Genomics will das ändern: Menschen können durch das Startup ihre DNA über die Blockchain anbieten und damit Geld verdienen.

Am Anfang stand der Drang des Wissenschaftlers, die Bausteine des Lebens besser zu verstehen. Zusammen mit einem Kollegen veröffentlichte George Church 1984 die erste Methode zum direkten Sequenzieren von DNA. Im gleichen Jahr begannen die Planungen für das Human Genome Project, zu dessen Initiatoren Church gehörte. Ziel des 2,7 Milliarden Dollar teuren Projekts war es, das Genom eines Menschen komplett zu lesen.

2003 meldeten die Wissenschaftler Erfolg. Seitdem gilt das menschliche Erbgut als entschlüsselt, und auf dem Gebiet der Genetik hat sich viel getan. Heute reden wir unter anderem über synthetische Biologie, die Lebewesen neue Eigenschaften verleihen soll, und über personal genomics, die das Ziel hat, Menschen präzise Auskunft über ihr Erbgut zu geben.

Beide Felder hat Church, der an der Harvard-Uni sein eigenes Labor leitet, entscheidend geprägt. Mit zahlreichen Studien, Veröffentlichungen und Patenten ist er zu einem der Spitzenforscher auf dem Gebiet der Genetik geworden. Doch Church forscht nicht nur, er wandelt seine Laborarbeit auch in Geschäftsmodelle um und gründet eigene Startups.

Mit Nebula Genomics, dem jüngsten Unternehmen in seinem Portfolio, will der Biologe nun mehr Menschen dazu bringen, ihr Genom entschlüsseln zu lassen. Denn obwohl die DNA-Sequenzierung inzwischen deutlich einfacher – und vor allem billiger – geworden ist, interessieren sich noch viel zu wenige Menschen für das, was in ihrem Erbgut steht, findet Church. Es sei so ähnlich wie bei der Einführung des Sicherheitsgurts, erklärt der Forscher im Gespräch mit WIRED: Von dessen Nützlichkeit mussten die Menschen auch erst einmal überzeugt werden.

Genetik-Pionier George Church will Menschen die Möglichkeit geben, ihre DNA-Informationen über die Blockchain zu vermarkten

„Etwa fünf Prozent der Babys werden mit schweren Erbkrankheiten geboren“, sagt Church. „Vieles davon wäre vermeidbar, wenn alle Menschen ihr Genom kennen würden.“ So führt beispielsweise ein Fehler im Erbgut nicht immer dazu, dass die Trägerin oder der Träger krank wird. Erst wenn beide Elternteile den gleichen Fehler in der DNA aufweisen, bekommt das Kind die Krankheit. Auch die Effektivität von Medikamenten kann durch individuelle genetische Abweichungen beeinflusst werden. Bei anderen Krankheiten könnten Ärzte besser präventiv handeln, wenn sie die genetischen Risiken ihrer Patienten kennen würden.

Doch für viele Menschen sind die Gentests zu teuer, andere scheuen sich davor, ihr Erbgut sequenzieren zu lassen, weil sie Sorge um ihre Privatsphäre haben. Um solche Vorbehalte zu überwinden, will Nebula Genomics nun die DNA-Analyse mit der Blockchain verbinden.

Wer sein Genom testen lässt, bekommt die Möglichkeit, dem Nebula-Netzwerk beitzureten. Dort kann man dann entscheiden, wem man Teile seines Genoms verkaufen will – oder gleich den gesamten Datensatz der eigenen DNA. Interessierte Käufer sollen wiederum in einer Datenbank nach bestimmten Merkmalen suchen können.

Für den Handel hat das Startup eine eigene Währung geschaffen, den Nebula-Token. Alle Transaktionen laufen über die Blockchain. Menschen, die für die medizinische Forschung interessant sein könnten, weil sie einen interessanten Phänotyp besitzen (zum Beispiel durch eine bestimmte Krankheit), sollen sich den Gentest sogar von einer Firma finanzieren lassen können, schreibt Nebula Genomics in einem White Paper.

Brauchen Menschen diesen finanziellen Anreiz, um ihr Genom sequenzieren zu lassen? Sie verdienen ihn jedenfalls, findet Church. Wer heute sein Erbgut testen lässt, gewinnt Informationen über sich selbst. Die sind aber auch für Wirtschaft und Wissenschaft interessant. Gentest-Firmen wie 23andMe verkaufen diese Daten deshalb unter anderem an Pharmaunternehmen. Wer sich testen lässt, sieht von diesem Geld jedoch nichts. Nebula Genomics will das ändern: Die Menschen sollen ihre Daten nach dem Gentest weiterhin besitzen und selbst entscheiden können, wer Zugriff darauf erhält.

Für Wissenschaftler sind die Informationen über die Beschaffenheit des menschlichen Körpers ähnlich wertvoll wie für Pharma- und Biotech-Unternehmen. Je mehr Zugriff Forscher auf einzelne Genom-Sequenzen haben, desto besser können sie die Zusammenhänge zwischen dem Erbgut und Krankheiten verstehen.

„Wir brauchen Millionen, wenn nicht sogar Milliarden von Menschen, die ihre medizinischen Daten auf eine sichere Art und Weise zur Verfügung stellen“, erklärt Church. Bisher sei es aber zu schwer, Menschen dazu zu motivieren, ihr Genom für die Wissenschaft verfügbar zu machen – und sie auch dafür zu vergüten. Nebula Genomics wolle das auf eine sichere Weise ermöglichen, erklärt Church, „sodass die Wissenschaftler nie Zugang auf das ganze Genom haben, aber mittels der Blockchain ihre Fragen beantworten können.“

In den nächsten Monaten soll Nebula Genomics offiziell starten. Dann wird sich zeigen, ob es genug Interesse an dem Blockchain-DNA-Handel gibt und wie sich der Wert der Nebula-Token entwickelt.