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Diese 4 Menschen arbeiten an einer Zukunft ohne Müll

Anna Schughart 27.10.2016

Was tun mit dem Abfall, den wir täglich produzieren? Wenn eine immer größere Weltbevölkerung mit immer weniger Rohstoffen auskommen muss, wird diese Frage zunehmend wichtig. WIRED hat vier Menschen, die sich jeden Tag mit Abfall beschäftigen, nach ihrer Antwort gefragt.

In einem sind sich eigentlich alle einig: Müll ist wertvoll. Doch wie geht man am besten mit ihm um? Sortieren oder lieber nicht? Sollte es eine Steuer auf Neukäufe geben? Und wohin mit dem Elektroschrott? Vier Experten geben Antwort.

Martin Kranert von der Universität Stuttgart sagt: Wir müssen ein anderes Verhältnis zu Dingen entwickeln:
Ein Handy wird heute nicht mehr aussortiert, weil es kaputt ist, sondern weil es ein neues Modell gibt. Wir kaufen keine neuen T-Shirts, weil die alten löchrig geworden, sondern aus der Mode gekommen sind. Das alles macht Müll. Immer mehr. „Für die Behandlungsanlagen ist das kein Problem“, sagt Martin Kranert vom Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft der Universität Stuttgart. Doch wenn in Zukunft zehn Milliarden Menschen die gleiche Pro-Kopf-Abfallmenge wie wir heute produzieren, dann reichen die Rohstoffe nicht aus. „Uns muss bewusst sein, dass wir langfristig anders wirtschaften müssen“, sagt Kranert.

Für ihn bedeutet das, dass man einerseits weiter Technologien entwickeln muss, die Rohstoffe besser aus dem Abfall wiedergewinnen können. Andererseits müssen die Menschen Dinge anders nutzen als bisher. Heißt: mehr Sharing-Modelle, mehr reparieren lassen, leasen statt besitzen: „Vielleicht kaufe ich bald keine Haushaltsgeräte mehr, sondern leihe sie“, sagt Kranert. Außerdem sollten die Menschen akzeptieren, dass „wir in Zukunft die Dinge wieder länger nutzen müssen“. Damit das funktioniert, sagt Kranert, müssen allerdings auch die Dinge um uns herum anders gebaut werden. Es brauche „innovationsoffene Langzeitprodukte“, solche, die aufgearbeitet und dann wieder eingesetzt werden können.

Wie man da hin kommt? „Man könnte Neuware massiv höher besteuern“, sagt Kranert. Klar, das würde erst mal einen Aufschrei geben, dann aber das Recycling interessanter machen und außerdem „den Unterschied, zwischen fünfmal etwas neu oder einmal etwas neu aber teurer kaufen, egalisieren.“

Martin Jaehnert ist Geschäftsführer von binee und sorgt sich um Elektroschrott:
Jeder hat sie, diese eine Schublade, in der aussortierte Handys liegen und kaputte Kopfhörer sich in den Kabeln alter Ladegeräte verheddern. Diese Schubladen sind urbane Minen, sie bergen wertvolle Stoffe wie Gold oder seltene Metalle, die sonst „sehr schwierig aus den Bergwerken dieser Erde zu holen wären“, wie Martin Jaehnert sagt. Man müsse in Zukunft verhindern, mahnt er, dass der Elektroschrott jahrelang einfach nur einlagert oder aus Bequemlichkeit in den Hausmüll geworfen wird.

Genau daran arbeiten Jaehnert und seine Kollegen bei binee. „Wir wollen die Rückgabe von Elektroschrott möglichst einfach und bequem machen und mit einem Dankeschön verbinden“, sagt er. Wer seinen Elektroschrott in eine binee-Tonne wirft, soll mit Gutscheinen belohnt werden. Binee kümmert sich dann um den Tonneninhalt und nimmt so den Händlern die Arbeit ab. „Dazu arbeiten wir mit zwei Recyclingfirmen zusammen, die unserer Meinung nach das beste Recycling in Deutschland machen“, sagt Jaehnert.

Doch nicht alles, was einem selbst vielleicht nichts mehr taugt, muss tatsächlich in seine Bestandteile zerlegt werden, um wieder einen Nutzen zu haben. Etwa 40 Prozent der Geräte, die binee bisher gesammelt hat, funktionierten noch. Eine Möglichkeit, wie diese Geräte zu neuen Nutzen kommen könnten, ist die Datenbank, die binee gerade aufbaut und die alles Eingesammelte festhält. „Dann könnten Schulen oder Initiativen, die zum Beispiel Laptops für Flüchtlinge suchen, auf uns zukommen“, sagt Jaehnert. Einen Tonnen-Testlauf hat das Start-up aus Leipzig schon gemacht. „Die Recyclinglogistik funktioniert schon, jetzt suchen wir noch gute Aufstellorte und Gutscheinpartner“, sagt Jaehnert.

Klaus Wiemer von der Uni Kassel glaubt, dass Mülltrennung bald nicht mehr nötig ist:
Klaus Wiemer ist kein Freund von Mülltrennung. Er findet sie zu kompliziert und ökonomisch viel zu aufwendig. Auch für die Umwelt sei sie nicht unbedingt besser, weil zum Beispiel die vielen Wege (wenn an einem Tag Papier, am nächsten Restmüll gesammelt wird) umweltbelastend seien. „Das System der Zukunft sollte unkompliziert sein“, sagt Wiemer. Und was ist unkomplizierter, als alles in eine Tonne zu werfen?

Tatsächlich wird in Deutschland seit Jahren diskutiert, ob es Sinn hat, wenn in jeder Küche drei (oder mehr) Mülleimer stehen und vor allem, wie effektiv die Trennung von Plastik- und Restmüll überhaupt ist. Die Technik, die den Einheitsmüllstrom sortieren müsste, „ist heute noch unvollkommen.“ Doch das heiße nicht, dass es unmöglich ist, Papier, Bioabfälle oder Glas aus einem Müllstrom herauszusortieren. Und auch für Kunststoff gebe es mit der Hydrolyse eine gute Alternative, sagt Wiemer. „Die Technik ist nicht das Problem.“

Woran liegt es dann, dass wir heute noch die Joghurtbecher von der Zeitung trennen? Ein Grund für Wiemer ist der fehlende politische Willen: „Die Interessengruppen sind so erfolgreich, dass wir überall auf der Welt hören: ‚Getrenntsammlung ist gut. Das ist die Zukunft.‘ Wenn ich viele Mülltonnen verkaufen kann, bin ich natürlich an der Getrenntsammlung interessiert.“ Gleichzeitig beruhige die Mülltrennung das Gewissen. Nach dem Motto: „Wir trennen, deshalb ist alles gut“, habe man sich in der Vergangenheit viel zu wenig damit beschäftigt, wie man noch mehr aus dem Müll herausholen kann. „Es wurde getrennt und verdrängt. Ein ökologischer Ablasshandel.“

In Zukunft, glaubt Wiemer, müsse man sich aber wieder viel mehr mit der Verwertungseffizienz beschäftigen. „Das passiert, sobald der Ölpreis hoch genug ist.“ Dann bestehe zum Beispiel ein Interesse daran, Bioabfälle zur Energiegewinnung zu nutzen. Eine extra Biotonne braucht es dafür, wenn es nach Wiemer geht, aber nicht.

Thijs Maartens vom Cradle to Cradle Products Innovation Institute will „Zero Waste“:
Müll? „Wird in der Zukunft nicht mehr existieren“, sagt Thijs Maartens. Er arbeitet für das Cradle to Cradle Products Innovation Institute in Europa. Cradle to cradle (C2C) ist ein Konzept, das der Deutsche Chemiker Michael Braungart zusammen mit dem amerikanischen Architekten William McDonough entwickelt hat. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass ein Produkt, nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, zum Rohstoff für Neues wird. Entweder, indem es zurück in den biologischen Kreislauf kommt oder seine Materialien für andere Produkte verwertet werden. C2C, von der Wiege zur Wiege also – und nicht: von der Wiege ins Grab.

Die Idee ist schon älter, doch Maartens arbeitet daran, dass sie zur Realität wird. Das Cradle to Cradle Innovation Institute zertifiziert deshalb Produkte und verteilt Abzeichen „Unsere Produkte sollen aus Materialien bestehen, die gesund und zu hundert Prozent wiederverwertbar oder recycelbar sind. Außerdem sollen sie zu hundert Prozent mit erneuerbaren Energien und sozial produziert werden, damit sie etwas zur Gesellschaft beitragen“, sagt Maartens. „Und: Wasser ist uns extrem wichtig. Bei der Herstellung soll das Wasser nach dem Produktionsprozess sauberer sein als vorher.“ Klingt nach hohen Ansprüchen. Tatsächlich hat bisher erst ein Produkt die höchste Auszeichnung erhalten. Doch es gibt auch Siegel mit geringerer Güte. „Wir honorieren Ergebnisse sowie auch Absichten“, sagt Maartens.

Kritiker halten die Vorstellung von „Zero Waste“ für utopisch. „Wir sind gerade in einer Übergangsphase“, hält Maartens dagegen. Doch man sehe schon jetzt viel mehr Bewusstsein: „Die Menschen versuchen, Abfall zu vermeiden oder bauen Dinge mit biologischen Materialien und Komponenten, die wiederverwendet werden können.“ Am Ende dieser Übergangsphase werde es so etwas wie „Abfall“ nicht mehr geben.

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