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Psychologin: „Die Gefühlslage kann das Wearable nicht erkennen“

Johanna Wendel 20.01.2016

Ob es nun um Fitness, Gesundheit oder unseren Gefühlshaushalt geht, Wearables zeigen uns Dinge über uns selbst, die wir nicht feststellen können, wie beispielsweise unseren Blutdruck. Medienpsychologin Astrid Carolus ist vor allem bei Emotions-Wearables skeptisch: "Welche Emotion wird erhöhter Temperatur zugeordnet?" Stress? Freudige Aufregung - beide erwärmten den Körper, sagt sie im Interview.

Vor Kurzem wurde auf der CES in Las Vegas Feel vorgestellt, ein Armband das anhand von Blutvolumenpuls, Hauttemperatur und Schweißdrüsenaktivität unsere Emotionen ermessen will. Zusätzlich gibt das Wearable Hinweise, was in bestimmten emotionalen Situationen helfen könnte. So weist es beispielsweise bei einer ärgerlichen Autofahrt mit Stau darauf hin, dass es besser wäre, sich zu beruhigen. Was macht diese Gefühlsoptimierung mit uns? Wieso sind wir so empfänglich für die Überwachung unseres Körpers? Und kann ein Emotions-Wearable wie Feel überhaupt funktionieren? Darüber hat WIRED mit Astrid Carolus, Medienpsychologin an der Universität Würzburg, gesprochen.

WIRED: Funktioniert ein Emotions-Wearable wie Feel wirklich?
Astrid Carolus: Anhand der Informationen, die das Unternehmen preisgibt, ist das schwer festzustellen. Die gemessenen Körpermerkmale sind durchaus sinnvoll, weil sie Hinweise auf Emotionen geben, die mit bestimmten körperlichen Veränderungen einhergehen. Emotionen haben aber natürlich mehr als nur drei oder vier körperliche Indikatoren. Weltweit beschäftigen sich ein ganzer Haufen Wissenschaftler mit der Forschung zur Messung von Emotionen, weil das so eine komplizierte Angelegenheit ist.

WIRED: Also kann Feel die Emotionsmessung gar nicht leisten?
Carolus: Ich finde es sehr interessant und bin gespannt, was dabei herauskommt, schließlich ist bis zum Verkaufsstart ja noch fast ein Jahr Zeit. Wenn es funktionieren soll und keine so schlechten Schlagzeilen wie Fitness-Wearables im Moment machen will, dann müssen die Messungen der Körpervorgänge, beispielsweise des Blutdrucks, ganz genau sein. Jeder aufgezeichnete Indikator muss auch eindeutig eine bestimmte Emotion ermitteln und das halte ich für sehr schwierig. Welche Emotion wird erhöhter Körpertemperatur zugeordnet? Ob jemand gestresst oder aufgeregt wegen eines freudigen Ereignisses ist, kann allein anhand der Körperwärme nicht festgestellt werden. Die Gefühlslage kann das Wearable nicht erkennen. So könnte zum Beispiel die Situation eintreten, dass der Nutzer einer körperlich anstrengenden, aber angenehmen Aktivität nachgeht, zum Beispiel Sex. Das Armband schlägt Alarm, weil es analysiert hat, dass sich der Träger aufgrund des schnelleren Herzschlags und erhöhter Hauttemperatur in einer Stresssituation befindet. Mir ist nicht klar, wie das Gerät das abbilden möchte, anhand des Ausschlags könnte man beim Betrachten auch denken, derjenige hat eine ziemlich stressige Nacht hinter sich.

WIRED: Außerdem unterscheiden sich die Körpersignale ja auch von Mensch zu Mensch.
Carolus: Gut zu beobachten ist das zum Beispiel, wenn bei mir in der Universität die mündlichen Prüfungen beginnen. Eigentlich steht ja jeder Student unter dem gleichen Stress, die Reaktionen fallen aber ganz unterschiedlich aus. Manche Studenten kommen in den Raum und sind kreidebleich, so dass man sich fragt, ob derjenige überhaupt geistig anwesend ist. Andere poltern herein mit schweißnassen Händen und hochrotem Kopf, als ob sie gleich hyperventilieren würden. Das Wearable müsste im Stande sein diese Reaktionen in ihrer Vielfalt abbilden zu können. Dann kommt noch dazu, dass sich Reaktionen nicht nur von Mensch zu Mensch unterscheiden, sondern sich auch die Reaktionen in einem einzigen Menschen über die Zeit verändern können.

WIRED: Feel gibt auch Hinweise, wie man auf eine Gemütslage reagieren sollte. So sagt es dem Träger bei Stress etwa, dass er sich beruhigen soll.
Carolus: Stress kann auch durchaus etwas Gutes sein. Zum Beispiel wenn man kurz vor einer Deadline steht und dann noch zum Ende hin alles raushaut, was geht. Dagegen gibt es dann aber auch dauerhaften Stress, der uns nicht gut tut. Auch hier bin ich gespannt, was das Wearable daraus macht.

WIRED: Aber mal angenommen, es würde funktionieren. Was macht es mit uns, wenn uns ein Armband sagt, wie wir in einer Stresssituation zu reagieren haben?
Carolus: Das haben wir ja auch ohne Wearable schon manchmal, das kommt dann nur eher von guten Freunden statt von einem Armband. Stressverringerungs-Methoden sind schon eine uralte Sache. Früher war es halt eine Werbung von HB, die suggerierte, bei Stress eine Zigarette zu rauchen. Heute wird eher etwas empfohlen wie bis zehn zählen oder tief durchatmen. In der Psychologie ist schon lange bekannt, dass diese Methoden funktionieren, und das Armband sagt den Trägern sozusagen, dass er sich darum jetzt nicht mehr selbst kümmern muss. Im Endeffekt wäre Feel höchstens eine kleine Stütze, mehr aber auch nicht.

WIRED: Ist es also nur ein Trend oder werden solche Wearables auf Dauer bleiben?
Carolus: Prozentual benutzen in der Bevölkerung momentan recht wenige Menschen überhaupt ein solches Gerät, aber trotzdem befriedigen sie Bedürfnisse, die jeder in sich trägt. Für Menschen ist es psychisch ganz schwer zu ertragen, keine Kontrolle zu haben. Ein Fitness-Wearable misst Körperwerte, die wir selbst nicht feststellen können und die das Gerät dann für uns ganz einfach herunterbricht. Kompliziertes wird auf einfache Begriffe wie „gut“, „schlecht“ oder einem Farbverlauf von „rot“ nach „grün“ angegeben. Ein weiterer Aspekt ist, dass sie den Narzissmus befriedigen, so wie es bereits Facebook tut. Während vermeintlich coole Partybilder mit vielen Freunden und Alkohol auf einem Profil eher auf eine ungesunde Lebensweise hinweisen, ist es nun Trend und ja sozusagen vorbildlich, beispielsweise seine Laufstrecke mit anderen zu teilen. Das wird gesellschaftlich mehr belohnt und passt in den derzeitigen Gesundheitstrend.

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