Die Idee meines Lebens / Vincent Forster will die Menschheit entgiften

Jakob Vicari 10.10.2014 Lesezeit 3 Min

Vincent Forster, 29, hat Pharmazie an der ETH Zürich studiert. 2014 gründete er sein Unternehmen Versantis. Die Idee: Mit einem universellen Gegengift will er Leben retten. Ein Protokoll.

Im Jahr sterben 200.000 Menschen weltweit an Drogen. Andere schlucken zu viele Medikamente oder verwechseln schlicht zwei Flaschen im Arzneischrank. Ob eine Substanz giftig ist oder nicht, hängt von der Dosis ab. Ich will möglichst viele dieser Menschen retten: mit einem universellen Gegengift, verfügbar in jedem Krankenhaus.

Forsters Medikament ist eine Kampfpille. Sie soll das Blut reinigen, bevor das Gift wirkt.

Wenn ich von dieser Idee erzähle, reagieren die Leute ungläubig. Manche halten mich für einen Spinner. Ich kann sie verstehen. Ein Gegenmittel für fast jeden Fall von Vergiftung, das klingt erst einmal wenig plausibel. Doch es gibt ein Vorbild. Im Jahr 1831 stellte der Pharmazeut P. F. Touery der Französischen Akademie der Medizin seine Idee mit einem drastischen Selbstversuch vor: Er nahm Strychnin in zehnfach tödlicher Dosis. Vorher aber hatte er das Gift mit 15 Gramm feiner Kohle gemischt. Er überlebte.

Seit Touerys Versuch hat sich nicht viel getan. Wer heute mit einer Überdosis an Drogen oder einer anderen Vergiftung in die Klinik kommt, bekommt entweder den Magen ausgepumpt oder erhält medizinische Kohle. Die Rettung gelingt allerdings nur, wenn das Gift noch nicht ins Blut gelangt ist. Dafür bleibt nicht mehr als eine Stunde Zeit. Danach kommen wir ins Spiel.

Mit unserer Methode erwischen wir 85 Prozent der Substanzen, die am häufigsten zu Vergiftungen führen.

Vincent Forster

Bei uns werden die Drogen- und Giftstoffe von unseren speziell entwickelten Mikrovesikeln absorbiert. Diese funktionieren wie kleine Staubsauger: Mit ihnen können wir das Blut reinigen, bevor die Gifte ihre Wirkung auf lebenswichtige Organe entfalten können. Deren Moleküle sind, vereinfacht gesagt, häufig größer als die lebenswichtigen Stoffe des Körpers. Diesen Unterschied machen wir uns zunutze. Damit der Staubsauger seine Arbeit tun kann, wird eine Flüssigkeit in den Bauchraum gespritzt und wieder entfernt. Der Vorteil: Ärzte und Krankenschwestern kennen sich mit der sogenannten Bauchfelldialyse bereits aus. Mit der Methode, die wir weltweit patentiert haben, erwischen wir 85 Prozent der Substanzen, die am häufigsten zu einer Vergiftung führen.

Die Grundlagen habe ich vor zwei Jahren in meiner Doktorarbeit entwickelt. Mit meiner Kollegin Meriam Kabbaj und Professor Jean-Christophe Leroux habe ich die Firma Versantis gegründet, die Millionen Menschen vor dem Drogentod retten will. Bei Laborratten haben wir das schon geschafft. Für klinische Studien und Bewilligungsverfahren werden wir fünf Jahre brauchen. Und wir benötigen Investoren, die die Entwicklung mit 40 Millionen Franken (ungefähr 33 Millionen Euro) Risikokapital finanzieren.

Wir sind begeisterte Forscher und müssen jetzt zu Unternehmern werden. Das ist anspruchsvoll, macht aber auch Spaß. Allein für den nächsten Schritt brauchen wir eine Million Schweizer Franken. Die Hälfte ist bereits fest zugesagt, und wir verhandeln mit weiteren Investoren. Vor uns liegt noch viel Arbeit. Doch ich kann es kaum erwarten, im Jahr 2016 den ersten Test am Menschen zu machen. So weit wie Touery müssen wir dabei hoffentlich nicht gehen.

Doch wir sind zuversichtlich: gerade wurde Studie an Ratten im renommierten Journal Science Translational Medicine veröffentlicht. Darauf werde ich jetzt immer verweisen, wenn ich jemandem von meiner Idee erzähle.