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Die gefährliche Geburt eines neuen Eisbergs in der Antarktis

Anna Schughart 02.02.2017

Wenn in einigen Monaten ein riesiger Eisberg in der Antarktis abbricht, werden Wissenschaftler ganz genau hinschauen. Denn obwohl Brüche im Eis normal sind – der Riss durch Larsen C könnte weitreichende Konsequenzen haben.

Risse im Eis der Antarktis sind nichts Besonderes. Das Eis bewegt sich, an den Rändern brechen Eisberge ab, die Küste verändert sich. Genau das passiert gerade an einer Halbinsel im Nordwesten, einem Küstenabschnitt, der Larsen C genannt wird. In den kommenden Monaten, so glauben Wissenschaftler, wird hier ein großer Eisberg abbrechen. Und obwohl das eigentlich ein normaler Vorgang ist, schauen sie diesmal ganz genau hin.

Da ist zum einen die Größe: Der neue Eisberg, der durch den Abbruch entsteht, wird ungefähr eine Fläche von 5000 Quadratkilometern haben. Doch der größte Unterschied zu anderen Eisbergkalbung ist der Riss selbst: „Er reicht weit in Schelfeis hinein“, sagt Daniela Jansen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. „Wenn der Berg abbricht, ist die Kalbungsfront, also die vorderste Front, soweit zurück gebrochen, wie nie zuvor.“

Das gesamte Schelfeis könnte zusammenbrechen, Larsen C würde sich auflösen

Warum ist das schlimm? „Weil dann die ganze Kante instabil werden könnte“. sagt Jansen. Das gesamte Schelfeis könnte zusammenbrechen, Larsen C würde sich auflösen. Doch das Schelfeis ist eine natürliche Barriere für Gletscher, wenn es nicht mehr da ist, können sie ungehindert ins Meer fließen – mit Konsequenzen für den Meeresspiegel. Wenn nur der riesige Tafeleisberg abbricht, verändert sich die Höhe des Meeresspiegels nicht. Es ist das alte Prinzip vom Eiswürfel im Glas: Wenn er schmilzt, ändert sich die Füllmenge nicht. Aber wenn die Gletscher ungehindert vom Land ins Meer fließen können, dann wird der Meeresspiegel steigen.

Wie ist der Riss so gefährlich für die Stabilität des gesamten Schelfeises geworden? „Eine spannende Frage, die im Moment niemand so richtig beantworten kann“, sagt Jansen. Als sie den Riss im Sommer 2014 entdeckte, bemerkte sie, dass er über eine Nahtstelle hinaus ging, an der andere Risse immer geendet hatten. „Seitdem haben wir ein besonderes Auge auf ihn.“

Zu Recht: Das Risswachstum hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter beschleunigt: „Je länger der Riss ist, desto schneller geht es voran“, sagt Jansen. Das liegt daran, dass die Kräfte, die Spannung auf die Rissspitze ausüben, einen immer längeren Hebel haben. Der Wind beispielsweise findet eine immer größere Angriffsfläche. Allein im Dezember ist der Riss um 18 Kilometer gewachsen. Zurzeit halten Eisberg und Schelfeis noch auf einer Strecke von gut 20 Kilometern zusammen.

Doch auch wenn niemand bisher mit Sicherheit sagen kann, wie der Riss so weit in das Schelfeis hineinreichen konnte, beschäftigt die Frage die Wissenschaftler natürlich. „Wir haben jetzt die Chance, diesen Prozess genau zu beobachten und möglichst viele Daten darüber zu sammeln“, sagt Jansen. Als Laie scheint die Sache schnell klar: Der Klimawandel ist schuld, oder? „Man hat schon den Eindruck, dass es am Ende etwas mit der Erwärmung an der Halbinsel zu tun haben muss“, sagt auch Jansen. Ihre Theorie: Der Riss ist nicht offen, man sieht darin kein Wasser. Stattdessen füllt er sich mit Meereis und den Brocken, die vom Rand hineinfallen. „Das ist eine Angriffsfläche. Diese Füllung wird instabiler, je wärmer es ist, und der Riss breitet sich schneller aus.“ Doch dafür gibt es noch keine Daten.

Die beiden Nachbarn von Larsen C, Larsen A und B, sind bereits vor einigen Jahren verschwunden. Im Fall von Larsen B brach ebenfalls ein großer Eisberg ab, danach ging die Front immer weiter zurück und am Ende zerfiel das Schelfeis komplett. Die Frage, die Jansen und die Forscher vom Projekt MIDAS nun umtreibt, ist: Droht Larsen C ein ähnliches Schicksal? „Wir haben in einer Simulation zwei Szenarien durchgerechnet, wie der Eisberg abbrechen könnte. In dem einen wäre es so, dass die Front instabil wird und dass es an einer Stelle anfängt, zu bröckeln.“ Im anderen Szenario bleibt die Front stabil. Larsen C ist also auch eine gute Möglichkeit für die Forscher, ihre Theorien zu testen und so insgesamt mehr über Schelfeis herauszufinden.

Hilfreich ist dabei, dass Satelliten den Riss regelmäßig beobachten. „Wir haben jetzt auf jeden Fall mehr Daten als früher“, sagt Jansen. Im Moment ist das Wetter auf der Halbinsel schlecht, deshalb greift Jansen vor allem auf Radaraufnahmen des Sentinel-1 Satelliten der ESA zurück.

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