„Die Digitalisierung braucht den mündigen Patienten“

01.03.2018 Lesezeit 4 Min

Die Digitalisierung ist längst da. Doch einige Branchen haben Nachholbedarf – wie das Gesundheitswesen. Deshalb sprach WIRED mit Markus Schlobohm von der Techniker Krankenkasse darüber, wie man die Technisierung vorantreiben kann.

Dr. Markus Schlobohm, Leiter der TK-Unternehmensentwicklung | Quelle:TK

Wenn es um den Digitalisierungsgrad geht, scheint das deutsche Gesundheitswesen zu kränkeln: In dem „Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL 2016“ des BMWi landete es mit einem Digitalisierungsindex von lediglich 36 von 100 auf dem vorletzten Platz. Eine besorgniserregende Diagnose vor dem Hintergrund, dass das Gesundheitswesen für den Menschen lebensnotwendig ist. Eine Modernisierung des Systems soll sich effizient und kostensparend auswirken, für mehr Transparenz sorgen sowie noch mehr individuelle Behandlungsmethoden ermöglichen. Alles gute Gründe, um ein Heilmittel zu finden. WIRED sprach mit Markus Schlobohm von der TK über den digitalen Wandel der Branche.

  • Herr Schlobohm, was muss im Gesundheitswesen passieren, damit sich die digitale Trendwende vollziehen kann?
    Markus Schlobohm: In einzelnen Teilbereichen ist bereits viel passiert. Betrachtet man das gesamte Gesundheitssystem, sind für mich vor allem drei Punkte wesentlich: der mündige Patient, der „Spirit of Collaboration“, also der Geist der Zusammenarbeit, sowie ein globales Denken.
  • Können Sie das konkretisieren?
    Schlobohm: Um die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen insgesamt voranzutreiben, braucht es einen viel größeren Marktdruck – und der braucht dringend den mündigen Patienten. Nur wenn der Patient Zugang zu Informationen hat, seinen Handlungsspielraum kennt und seine Interessen aktiv vertreten kann, wird die Digitalisierung erfolgreich.
  • Kann der mündige Patient nicht schnell zum gläsernen werden?
    Schlobohm: Die bisherige Sicht vieler Akteure im Gesundheitswesen, die vom gläsernen Patienten sprechen, kann als digitale Bevormundung bezeichnet werden. Auf der einen Seite befürchten sie durch die Digitalisierung Einbußen in der Datensicherheit, haben aber gleichzeitig nichts dagegen, dass die Daten zwar dem Patienten gehören, aber beim Arzt liegen.

„Es wäre unethisch, digitale Lösungen nicht zum Wohle der Patienten einzusetzen.“

Markus Schlobohm
  • Was verstehen Sie unter dem „Spirit of Collaboration“?
    Schlobohm: Eine wichtige Voraussetzung ist die konsequente Abkehr von der Haltung vieler Akteure, die von Eigeninteressen, vom Fokus auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und Angst von der Veränderung geprägt ist. Denn diese Haltung erzeugt in vielen Situationen, in denen Zusammenarbeit gefordert wäre, nur Win-Lose- oder schlimmer Lose-Lose-Ergebnisse. Die Digitalisierung in anderen Branchen ist auch deshalb erfolgreicher, weil dort die Protagonisten erkannt haben, dass ein Sich-miteinander-Vernetzen auch bedeutet, Win-Win-Situationen zu schaffen. Sie sorgen für offene Schnittstellen und verzichten unter Umständen auch für einen gewissen Zeitraum auf lieb gewonnene Marktpositionen, wenn der Kuchen der Zukunft viel größere Stücke bereithält.
  • Wer über den eigenen Tellerrand hinausblickt, kann sich Ihrer Meinung nach diese Kuchenstücke sichern?
    Schlobohm: Wir dürfen die Herausforderung nicht nur aus unserer lokalen deutschen Perspektive sehen. Die globalen Akteure wie Google oder Apple haben längst eHealth als großen Wachstumsmarkt entdeckt. Das bedeutet ganz klar, dass wir nicht warten dürfen, bis die Politik oder wer auch immer für Standards und Infrastruktur sorgen. Wir müssen selbst tätig werden und bei der Gestaltung der Zukunft auch die globale Sicht mitberücksichtigen.
  • Künstliche Intelligenzen stellen schon jetzt akkuratere Diagnosen als menschliche Ärzte. Könnten sie irgendwann den Mediziner ersetzen?
    Schlobohm: Algorithmen und KI sind besonders gut darin, Muster zu erkennen und umfangreiches Wissen auf einen konkreten Fall zu übertragen. Perspektivisch werden sie darin besser sein als unsere besten Ärzte. Der Arztberuf wird sich wohl fundamental verändern.
  • Inwiefern?
    Schlobohm: Dadurch, dass Computer den Arzt immer mehr unterstützen, ändern sich primär zwei Dinge. Erstens nimmt die Bedeutung von auswendig gelerntem Fachwissen ab. Zweitens nimmt die Bedeutung der Kenntnisse im Umgang mit dem Patienten zu. Dies muss sich auch in der Ausbildung widerspiegeln. Also weniger Fakten büffeln und mehr Patientengespräche üben. Auch die Mensch-Maschine-Zusammenarbeit muss Teil der ärztlichen Ausbildung werden. Mediziner müssen besser verstehen, wie Computersysteme funktionieren, die sie in ihrem Beruf unterstützen können, und wie sie damit richtig umgehen.
  • Das Thema Digitalisierung wird in Deutschland zu häufig immer noch als reiner Kostentreiber gesehen – ohne die Ertragschancen zu berücksichtigen. Wie kann das sein?
    Schlobohm: Gerade im Gesundheitswesen ist die erfolgreiche Anwendung der Digitalisierung sehr komplex. Digitalisierung der Medizin kann nur über eine sehr langfristige Perspektive tatsächlich einen Nutzen beweisen. Bis dahin müssen die innovativen Akteure mit der Unsicherheit und dem Investitionsrisiko leben. Ein weiteres spezielles Problem des Gesundheitswesens sind die besonderen und hochkomplexen Anreiz- und Entlohnungssysteme. Digitale Lösungen werden noch nicht hinreichend incentiviert. Nichtsdestotrotz muss dringend gehandelt werden. Schließlich geht es um die Gesundheit von uns allen. Es wäre sogar unethisch, digitale Lösungen nicht zum Wohle der Patienten einzusetzen.

Mit Unterstützung der Techniker Krankenkasse.