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Detox ist ein Mythos, Tee trinken hilft trotzdem

Christian Honey 11.12.2014

Das Wochenende durchgesoffen? Hirnbeschleuniger gefressen wie Nimm-Zwei? Der letzte Schnee hängt noch im Hipsterbalken? Dann ab in die Sauna und körbeweise Früchte durch den Mixer jagen. Denn das entschlackt — denken viele.

In seinem Traktat „On Bullshit“ definierte der Princeton-Philosoph Harry Frankfurt 1986 erstmals stringent die Bedeutung des Begriffs „Bullshit”, zu Deutsch auch: Humbug, leeres Gerede, pretentiöser Unsinn. In Frankfurts Worten: „Für die Essenz von Bullshit halte ich die völlige Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit.”

Der Begriff der Entschlackung (Neudeutsch: Detox) bemüht das Bild, beim Stoffwechsel blieben Rückstände im Körper, die er von allein nicht mehr los werde. Das Wort Schlacke kennzeichnet normalerweise „bei der Verbrennung von Steinkohle, Koks in kleineren oder größeren Stücken zurückbleibende harte, poröse Masse, Verbrennungsrückstand”, so der Duden. Doch gibt es handfeste Beweise für die Ansammlung von Giften im Körper — oder ist Detox vielleicht nur Bullshit?

Spezielle Kräutertees sollen den Dreck aus dem Körper schwemmen.

„Entschlackung bedeutet, den Körper von Stoffen zu befreien, die sich als sogenannte Schlacken eingelagert haben”, erklärt eine Webseite über Naturheilverfahren. Als Wege aufgestaute Gifte auszuwaschen werden von den Detox-Anhängern etwa das Trinken von viel Wasser, Fruchtsäften und  „Reinigungstees” angeführt. Das schwemme die angesammelten Gifte aus Darm, Leber und Nieren.

Auch Fasten, Saunieren, manchmal auch Einläufe und Schröpfen werden empfohlen. Die Zeitschrift Fit for Fun empfiehlt etwa für den ersten Tag einer Detox-Kur eine professionelle Darmreinigung in der Naturheilpraxis (für 60 Euro). Danach solle eine Kur mit Säften, Suppen und Tees absolviert werden, unter Verzicht auf „übersäuernde Lebensmittel wie Fleisch, Käse, Milch, Weißmehl, Süßigkeiten, Alkohol, Kaffee und schwarzen oder grünen Tee.”

Für Einfallslose empfiehlt die Zeitschrift praktischerweise gleich die Komplettpakete der Firma Detox Delight aus München. Zum Beispiel das Paket Soup & Juice Delight, mit 4 x 500ml Saft und 300ml Suppe pro Tag. Macht bei einer 5-Tage-Kur nur 290 Euro. Aber warum nicht gleich nach der weihnachtlichen Verschlackung zur 7-Tage-Grundreinigung mit basischer Diät für 1399 Euro pro Person im Bio-Vitalhotel Falkenhof in Bad Füssing, inlcusive „acht lebendigen Quellwässern von der Wasser-Apotheke St. Leonhards”?

Smoothies mit basischen Früchten sollen die Körperflüssigkeiten alkalischer machen.

Solche basischen Diäten sollen gegen die mit der Verschlackung einhergehende Übersäuerung des Körpers wirken. Doch kann das funktionieren? „Der PH-Wert der Körperflüssigkeiten wird durch die Nahrung nahezu garnicht verändert”, sagt Edzard Ernst, Professor für Alternativmedizin an der Universität Exeter in England. „Proteine in Zellen, inklusive Hämoglobin in Blutzellen, regeln den Säurehaushalt sehr präzise. Mit Entgiftung hat das alles nichts zu tun.”

Ein Nachweis für einen Effekt von basischen Diäten auf den PH-Wert von Körperflüssigkeiten gibt es nicht, und das American Institute for Cancer Research nennt die angeblich krebsvorbeugende Wirkung solcher Diäten einen Mythos: „Die Zellumgebung des Körpers saurer oder basischer, und damit krebsfeindlicher, zu machen ist praktisch unmöglich.”

Obendrein gibt es bis heute keinen Hinweis darauf, dass Organe wie Leber und Nieren bei einer durchschnittlichen Lebensweise, etwa bei der Silvesterfeier, irgendwelche Gifte anhäuften. „Es macht zwar Sinn alkoholfreie Tage einzulegen. Aber die Vorstellung, die Leber müsse irgendwie gereinigt werden ist lächerlich”, sagte Ernährungsberaterin Catherine Collins vom Londoner St George's Krankenhaus 2009 dem Guardian.

Wer sich betrinkt, der schädigt zwar seine Leber durch die kurzfristige toxische Wirkung der Stoffwechselprodukte von Alkohol. Diese werden aber sofort wieder in CO2 und Wasser umgewandelt, und können sich damit gar nicht anhäufen. Man fühlt sich am Tag danach so schlecht, weil Alkohol die Nieren dazu anregt, mehr Wasser abzuführen. Man trocknet also aus, was den Elektrolythaushalt verschiebt. Und das wiederum reizt die Nerven und lässt Muskeln verkrampfen. Um diesen Symptomen entgegen zu wirken, tut aber grundsätzlich ein herkömmlicher Kräutertee genauso gut wie ein teurer Detox-Tee.

Grundlage für die damalige Diskussion in England war ein „Detox Dossier” der Organisation Sense About Science. Darin berichteten die Autoren von einem kleinen Feldversuch, bei dem sie die Hersteller von 15 bekannten Detox-Produkten nach ihrer Definition von Detox und einem Nachweis der Wirsamkeit ihrer Produkte befragte. Dabei waren unter anderem Detox Hautgels von Garnier und Detox-Smoothies von Innocent. Das Ergebnis: keiner der Hersteller konnte mit Daten untermauern, dass ihr Kräuter-Tee oder Antioxidanz-Smoothie im wahrsten Sinne des Wortes entgiftend ist. Kein Hersteller konnte auch nur ein Gift benennen, das sich angeblich im Körper ansammelt.

Ernst hält das für einen Skandal. Nicht Gift werde hier dem Körper entzogen, sondern viel Geld den Geldbörsen von gutgläubigen Konsumenten. Es gebe in der Tat eine echte Detox für Kranke (Dialyse), Vergiftete (Gegengift, Magen auspumpen) oder Drogenabhängige (Entzug). 

Warum also wird so viel von Detox nach dem Wochenende oder der Weihnachtszeit geschrieben und gesprochen? Einen Hinweis liefert der Wikipedia-Eintrag zum Stichwort Entschlackung. „Bei anderen Stoffen ist ihre schädliche Anhäufung im Körper nachgewiesen, wie Cholesterin und Kalk für Arteriosklerose, Uratkristalle für Gicht, Proteine für Amyloidose und Alzheimer-Krankheit oder Immunkomplexe für einige Formen der Glomerulonephritis und Vaskulitis” steht dort zu lesen — ohne Quelle und ohne Bezug den physiologischen Mechanismen.

Es scheint, als scherten sich Detox-Hersteller und Befürworter sich nicht sonderlich um Nachweise und kohärente Erklärungen — kurz: um die ganze Wahrheit zum Begriff Detox. Ein Tee oder Saft führt natürlich Flüssigkeit, Elektrolyte oder Vitamine zu. Das hilft unserem Körper und ist gesund. Doch ausgeschwemmt wird dabei nichts. Diese Behauptung hilft in ihrer Drastik vor allem dem Verkauf von Produkten, die eigentlich etwas ganz anderes tun, denn der Mensch hat Angst vor Giften und reagiert dementsprechend auf den Begriff Detox. Die Behauptung, Gifte könne man aber einfach mit einem Tee ausspülen, fiele dann potentiell unter die Definition in Harry Frankfurts philosophischen Traktat. 

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