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In Virginia verkleiden sich Forscher als Autositze – mit einem Plan

Aarian Marshall 10.08.2017

In Virginia fährt ein als Autositz verkleideter Mann in einem Van herum. Was auf den ersten Blick lächerlich wirkt, soll ein grundsätzliches Problem der Robotik lösen.

Irgendwo im Norden von Virginia geht ein als Fahrersitz verkleideter Mann der Frage nach, wie autonome Fahrzeuge mit Menschen interagieren. In seinem silbernen Ford Transit Connect fährt er durch Arlington County – immer darauf bedacht, bloß nicht die Arme zu bewegen. So albern er dabei auch aussieht, das Experiment geschieht im Namen der Wissenschaft und baut auf Versuchen mit ähnlich verkleideten Forschern der Stanford Universität auf.

Der Autositz-Mann arbeitet am Verkehrsinstitut der Virginia Tech an Fragestellungen zu Wechselwirkungen zwischen Mensch und Fahrzeug. Die Ergebnisse sind vor allem für Autohersteller und Tech-Unternehmen wie Google interessant, die tausende selbstfahrende Autos auf die Straßen loslassen werden.

Das Institut bestätigte, dass der Mann in dem Autositzkostüm, welches definitiv in keinem Laden erhältlich ist, tatsächlich Teil des Forschungsprojekts ist. Das Institut hofft herauszufinden, wie Menschen auf Roboautos reagieren und welche Designanpassungen nötig sind, um eventuelle Unbehaglichkeiten oder Verwirrungen zu lindern.

Ohne Fahrer am Steuer fehlen visuelle Anhaltspunkte – Augenkontakt, freundliche Handgesten, weniger freundliche Mittelfinger – auf die sich Fußgänger, Fahrradfahrer und andere Verkehrsteilnehmer im Verkehr verlassen. „Es gibt gerade viele Diskussionen darüber, ob autonome Fahrzeuge eine Art Hinweissystem brauchen, um ihre Absichten zu kommunizieren“, sagt Bryan Reimer, der Mensch-Fahrzeug-Beziehungen am Massachusetts Institute of Technology erforscht. Das herauszufinden ist schwierig, da in Tests mit autonomen Autos sicherheitshalber immer noch ein Ingenieur hinter dem Steuer sitzt. Es sind die Menschen, die in Augenkontakt mit Fußgängern treten oder subtil einem weiteren Autofahrer zunicken. Ihre reine Anwesenheit könnte schon beeinflussen wie Menschen auf das Fahrzeug reagieren. Die einzige Möglickeit ist es, den Fahrer aus der Gleichung zu streichen.  

Das Verkehrsinstitut der Virgina Tech lehnte alle Interviewanfragen ab und gab keine Auskunft, wann das Projekt wohl abgeschlossen sein wird. Allerdings sollen die Ergebnisse irgendwann veröffentlicht werden. Die Behörden in Arlington Country wissen von dem Experiment, sind aber nicht involviert. „Wir interessieren uns für die Forschung und sind froh, dass Versuche hier stattfinden. Wir hoffen mehr über die Anwendung der Technologie zu lernen“, sagt Jim Schwartz, stellvertretender County Manager, in einem Statement.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich jemand für das Wohl der Gesellschaft als Autositz verkleidet. Vor zwei Jahren haben Wendy Ju und ihr Team von der Stanford Universität eine Studie namens Geisterfahrer veröffentlicht, in der sie neun Stunden (verteilt auf drei Tage) als Sitz verkleidet umher fuhren. „Wir wollten hauptsächlich herausfinden wie Fußgänger mit selbstfahrenden Autos umgehen, ob sie sich sicher fühlten, einen Fußgängerüberweg zu benutzen,“ sagt Ju. Das Experiment wurde von einem YouTube-Video inspiriert, in dem ein Typ sich als Autositz verkleidete, um Fastfood-Verkäufer im Drive-Thru zu erschrecken.

Das erste Autositzkostüm bastelte Jus Team aus Maschendraht und Pappmaché, ersetzte das aber später durch weniger einengende Materialien. Die „Kopfstütze“ nutzte dasselbe durchsichtige Material wie manche Halloween-Kostüme. „Es hilft jemanden im Team zu haben, der nähen kann“, sagt sie. Während Virginia Tech einen normal aussehenden Van hernahm, verkleidete das Stanford-Team einen VW eGolf mit Sensoren, die auch ein echtes autonomes Auto hätte. Das Fahren übernahm aber immer noch ein verkleideter Mensch.

„Man muss sich erst daran gewöhnen, seine Arme beim Fahren komplett still zu halten“, damit ahnungslose Passanten sie nicht sehen, sagt Ju. „Man kann seine Arme nicht einfach ausstrecken, wir haben das getestet.“ Während in Virginia Reporter ziemlich schnell auf das Experiment angesprungen sind, reagierten Passanten in Kalifornien größtenteils mit einem Schulterzucken. 65 von 67 Fußgänger haben sich dafür entschieden, vor dem Auto die Straße zu überqueren. Als die Forscher die Leute hinterher befragten, stellte sich heraus, dass die Menschen dem Fahrzeug im Wesentlichen vertrauten. „Sie vertrauen den Verkehrsregeln und den Fähigkeiten der Autos, diese zu befolgen so stark, dass sie ihr Leben drauf verwetten würden“, sagt Ju.

Nun bringen Menschen im Silicon Valley autonomen Autos sicherlich viel mehr Vertrauen entgegen als etwa in Nord-Virginia, da sie in Kalifornien schon fast zum Straßenbild gehören. Vor allem, da der silberne Van überhaupt nicht als autonomes Fahrzeug gekennzeichnet wurde.

Menschliche Reaktionen auf Autos sind auch allgemein alles andere als konsistent. Kalifornien und Virginia haben komplett verschiedene Verkehrskulturen. Schon zwischen Kalifornien und Massachusetts gibt es Unterschiede, zwischen Mountain View und Los Angeles auch. Das erhöht die Herausforderung, ein gutes Kommunikationssystem zwischen Mensch und Maschine einzurichten noch mehr – und macht es zum Gegenstand von Debatten.

Google hat ein Patent für ein Textdisplay entwickelt, das Botschaften wie „Überquerung sicher“ anzeigt. Robotikunternehmen Drive.ai hat mit Displays auf dem Autodach experimentiert, die mit Schrift oder auch Emojis auf Verkehrsregeln hinweisen. Schwedische Forscher haben eine Anzeige entwickelt, die Passanten anlächelt, wenn sie die Straßen sicher überqueren können. Mercedes Benz’ F 015 Konzeptauto übermittelt dieselbe Nachricht, indem es einen Zebrastreifen auf den Boden projiziert. Es ist schwer zu sagen, ob diese Lösungen oder wenigstens eine davon überall für jeden Menschen funktionieren.

Tatsächlich versuchen Forscher auf der ganzen Welt immer noch die grundlegendsten Dinge darüber herauszufinden, wie Menschen sich mit und in der Nähe von Autos verhalten. „Wir müssen erst verstehen wie Menschen vom Fahrersitz aus mit Fußgängern und Fahrradfahrern kommunizieren, bevor wir beginnen können, Technik zu entwickeln, die dieses Verhalten immitiert“, sagt Reimer vom MIT. Diese Arbeit ist nicht nur für die Forschung an autonomen Fahrzeugen wichtig, sondern kann Unfälle verhindern, egal wer das Lenkrad bedient.

Der erste Impuls des Internets ist es, zu spotten. Aber das Kostümexperiment hat ein wichtiges Argument: „Ich denke, dass jeder froh darüber sein sollte, dass die Hersteller wissen wollen, wie Menschen mit diesen Autos interagieren werden, bevor die Autos mit ihnen interagieren“, sagt Ju. Manche Helden tragen Umhänge, andere Polstergarnituren.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com.
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