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„Eine Art Lieferwagen“ ist der erste Satellit aus Deutschland seit Jahrzehnten

Anna Schughart 27.01.2017

Seit mehr als zwanzig Jahren wurde kein in Deutschland gebauter Telekommunikationssatellit mehr ins All geschossen. Bis H36W-1 kam. WIRED hat mit dem Hersteller und Entwickler gesprochen.

Am frühen Samstagmorgen ist der Satellit H36W-1 vom ESA-Weltraumbahnhof Kourou, Französisch-Guayana, ins All gestartet. Das besondere daran: Er ist seit mehr als zwanzig Jahren der erste Telekommunikationssatellit, der in Deutschland gebaut wurde. Betrieben wird H36W-1 zwar vom spanischen Satellitenbetreiber HISPASAT, doch konstruiert und entwickelt wurde er von der Firma OHB System AG in Bremen.

Eine Sojus-Rakete setzte H36W-1 erfolgreich im Orbit aus, wie der Raketenbetreiber Arianespace mitteilte. Die Mission dauerte etwa 30 Minuten, dann musste der Satellit aus eigener Kraft auf seine endgültige Umlaufbahn in rund 36.000 Kilometern Höhe gelangen.

Und H36W-1 wird auch nicht lange alleine bleiben. Denn OHB hat zusammen mit der ESA die geostationäre Satellitenplattform SmallGEO entwickelt, die schon bald in weiteren Satelliten verwendet werden soll.

Was genau eine Satellitenplattform ist, kann Andreas Lindenthal erklären. Er ist Vorstandsmitglied bei OHB und hat WIRED vor seinem Flug nach Kourou erklärt, was man beachten muss, wenn man eine Satellitenplattform entwickeln will, warum in Deutschland so lange niemand Telekommunikationssatelliten gebaut hat und warum die aber ein so wichtiger Markt sind.

WIRED: Wenn Ihr Satellit am Samstag ins All startet, können Sie sich dann ganz entspannt zurücklehnen? Ihr Job ist ja getan.
Andreas Lindenthal: Wenn der Satellit oben ist und funktioniert, wird das zu Entspannung führen. Unser Job ist dann aber noch nicht zu Ende, sondern dann sind wir für die nächsten zwei bis drei Monate mit der so genannten in-orbit-Testphase beschäftigt: Wir müssen den Satellit in die richtige Position bringen und ausrichten, die Systeme müssen durchgecheckt und die Nutzlast in Betrieb genommen werden. Erst dann übergeben wir den Satelliten unserem Kunden.

WIRED: H36W-1 ist der erste Satellit mit einer SmallGEO-Plattform. Aber was ist eine Satellitenplattform überhaupt?
Lindenthal: Ein Satellit besteht aus einer Plattform und der Nutzlast. Die Plattform ist quasi der Lieferwagen, auf den man alle möglichen Instrumente aufbringen kann. Die Nutzlast, das sind zum Beispiel Instrumente, mit denen man die Erde beobachtet oder Kommunikation ermöglicht. Wir haben also sozusagen einen Lieferwagen entwickelt, der für unterschiedliche Nutzlasten einer bestimmten Größe eingesetzt werden kann.

Andreas Lindenthal 

WIRED: Was muss so ein Satelliten-Lieferwagen können?
Lindenthal: Der Satellit ist 36 000 Kilometer über der Erde und verbindet mehrere Punkte auf der Oberfläche miteinander. Er muss also immer sehr genau ausgerichtet sein und deshalb ständig justiert werden. Das machen zum Beispiel die Triebwerke. Dann umläuft der Satellit die Erde und wird dabei manchmal von der Sonne bestrahlt, manchmal nicht, was für extreme Temperaturunterschiede sorgt. Die Komponenten, die im Satellit verbaut werden, müssen daher immer eine gewisse Temperatur halten, bei der die Elektronik gut funktioniert. Und schließlich muss die Plattform die Stromversorgung sicherstellen, damit die Nutzlast auch betrieben werden kann.

WIRED: Aber mit den Aufgaben, die der Satellit im All erfüllt, hat Ihr Unternehmen nichts zu tun?
Lindenthal: Wir bauen die Nutzlast zwar nicht selbst, aber wir beschaffen und integrieren sie und die Plattform zu einer Gesamtmission. Je nach Kunde unterstützen wir auch beim Betrieb des Satelliten.

WIRED: OHB hat ja bereits schon kleinere Satelliten gebaut. War die Konstruktion eines geostationären Satelliten trotzdem eine besondere Herausforderung?
Lindenthal: Ja, das fängt schon damit an, dass dieser Satellit viel größer und schwerer ist. Vorher haben wir Satelliten von etwa einer Tonne gebaut, jetzt reden wir über drei Tonnen Hochtechnologie, die konstruiert und getestet werden mussten.

WIRED: Hat sich deshalb auch der Start des ersten SmallGEO-Satelliten verzögert? Eigentlich war der ja für 2012 geplant.
Lindenthal: Ja, das muss man ehrlich eingestehen. Wir haben ein paar Dinge unterschätzt. Da haben wir unsere Lektionen gelernt. Aber wenn man so eine hochkomplexe Plattform neu entwickelt, dann habe ich persönlich noch keine Firma gesehen, bei der das störungsfrei und im Zeitplan passiert.

WIRED: Was ist während der jahrelangen Entwicklung von SmallGEO denn die größte Herausforderung gewesen?
Lindenthal: Die systemische Betrachtung des Ganzen.

WIRED: Das heißt?
Lindenthal: Es reicht zum Beispiel nicht, nur die beste Elektronik zu bauen, sondern man muss auch schauen: Welche elektronischen Effekte habe ich unter welchen Temperatureinflüssen? Man muss immer versuchen, das Gesamtsystem so zu optimieren, dass es 15 Jahre lang höchst zuverlässig funktioniert – trotz Temperaturschwankungen oder mechanischen Einflüssen und Schocks beim Start.

Lassen Sie sich auch nicht von SpaceX täuschen: Da ist der Staat massiv dahinter, das ist immer eine Mischfinanzierung. 

Andreas Lindenthal

WIRED: In Zukunft sollen weitere Satelliten mit der SmallGEO-Plattform ins All geschossen werden. Gibt es da schon konkrete Projekte?
Lindenthal: Ja, und sie befinden sich teilweise sogar schon in der Produktion. Drei davon sind auch Telekommunikationssatelliten für ganz unterschiedliche Betreiber. Sechs Satellitenplattformen werden wir für die nächste Generation der europäischen Wettersatelliten Meteosat Third Generation zur Verfügung stellen.

Der SmallGEO-Satellit H36W-1 auf der Soyuz

WIRED: Gerade im Bereich Telekommunikationssatelliten ist die Konkurrenz groß. War die Entwicklungszusammenarbeit mit der ESA nötig, um mit Wettbewerbern wie zum Beispiel SpaceX mithalten zu können?
Lindenthal: Investitionen in dieser Größenordnung lassen sich rein privatwirtschaftlich nicht stemmen. Das ist überall so. Deshalb gibt es die public private partnerships – wenn der Staat möchte, dass die Industrie da eine Rolle spielt, muss er das mit unterstützen. Lassen Sie sich auch nicht von SpaceX oder anderen scheinbar rein privatwirtschaftlich getragenen Initiativen täuschen: Da ist der Staat massiv dahinter, das ist immer eine Mischfinanzierung. Europa unterscheidet sich da in keiner Weise von den USA.

WIRED: Warum hat es denn so lange gedauert, bis wieder ein Telekommunikationssatellit „made in Germany“ ins All startet?
Lindenthal: Man hat den Bau von Satelliten Ende der 80er Jahre zu Gunsten einer europäischen Arbeitsteilung in Deutschland aufgeben. Damals ist die Führerschaft für Telekommunikationssatelliten nach Frankreich gegangen, wo die Satelliten entwickelt werden sollten. Im Gegenzug sollte Deutschland dafür Komponenten zur Verfügung stellen. Man hat sich davon eine Spezialisierung und höhere Effizienz in der europäischen Zusammenarbeit erhofft. Das hat aber dazu geführt, dass die Beteiligung an diesem wachsenden Markt komplett aus deutscher Hand gegeben wurde. Dass das ein Fehler war und die deutschen Interessen nicht wie erhofft befriedigen würde, war abzusehen.

WIRED: Warum hat sich OHB dazu entschieden, wieder in diesen Markt einzusteigen?
Lindenthal: Das war die strategische Vision des Firmengründers Manfred Fuchs. Der Bereich Telekommunikation im Satellitenmarkt ist sehr innovativ und wachstumsträchtig. Wenn Sie hier nicht aktiv sind, werden Sie auch in den anderen Bereichen wie Navigation oder Erdbeobachtung immer Nachteile haben.

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