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Alle reden vom Mars, er will zum Mond: ESA-Chef Jan Wörner im Interview

Anna Schughart 19.05.2016

Elon Musk will zum Mars, na und? ESA-Generaldirektor Jan Wörner möchte erst mal ein internationales Dorf auf dem Mond bauen. Im WIRED-Interview erklärt er, warum er die Konkurrenz durch private Raumfahrtunternehmen nicht fürchtet und Wissenschaft nicht immer einen Nutzen haben muss.

Der Mars scheint das nächste große Ziel der Raumfahrt zu sein. Die NASA will hin, Elon Musk sowieso, und auch die Europäische Weltraumorganisation (ESA) startete im März ihre Mars-Mission. Mit ExoMars möchte die ESA herausfinden, ob es einmal Leben auf dem Roten Planeten gab – oder vielleicht noch immer gibt. Im Oktober wird das Modul Schiaparelli auf dem Mars landen.

Doch bis der erste Mensch den Roten Planeten betritt, wird noch einige Menge Zeit vergehen, glaubt ESA-Generaldirektor Jan Wörner. Deshalb hat er eine eigene Vision entwickelt: Die ESA soll ein internationales Dorf auf dem Mond errichten.

Jan Wörner ist seit Juli 2015 ESA-Generaldirektor

WIRED: Warum will die ESA ein Dorf auf dem Mond bauen? Gilt nicht der Mars als das nächste große Ziel der Raumfahrt?
Jan Wörner: Es ging mir nicht darum, ein Ziel auszusuchen, sondern ich habe nach einer gemeinsamen internationalen Aktivität gesucht. Die Internationale Raumstation (ISS) hat eine begrenzte Lebensdauer. Ich habe mich gefragt: Welche Kriterien müsste ein Nachfolgeprojekt erfüllen? Dabei wurden mir zwei Dinge klar: Erstens: Wir müssen auch in Zukunft Experimente in der Schwerelosigkeit machen können. Das Zweite ist: Wir brauchen ein internationales Explorationsthema, das wir nicht erst in 30, 40 Jahren angehen, sondern schon in zehn.

WIRED: Sie sagen „Explorationsthema“ – kennen wir den Mond denn nicht schon sehr gut?
Wörner: Wir wissen mittlerweile mehr über den Mars als über den Mond. Der Mond ist wissenschaftlich noch ziemlich unerforscht. Wir vermuten zum Beispiel, dass es an seinem Südpol, in Gegenden, die nie von der Sonne beschienen werden, Wasser gibt. Man kann den Mond auch für andere Forschung nutzen: Seine Rückseite ist ideal, um mit einem Radioteleskop tief in das Weltall zu schauen. Außerdem ist er ein guter Boxenstopp – im übertragenen Sinne.

Wenn wir uns einigen, direkt zum Mars zu fliegen, ist mir das auch recht. Nur nicht erst 2040, das wäre mir zu spät

Jan Wörner

WIRED: Wie meinen Sie das?
Wörner: Wenn wir in Zukunft mit Menschen zum Mars reisen wollen, dann sollten wir vorher die Technik testen. Zum Mars und wieder zurück zu fliegen, dauert mindestens zwei Jahre und man kann nicht zwischendrin einfach umkehren, wenn etwas schief läuft. Der Mensch wird irgendwann zum Mars fliegen, da bin ich sicher. Aber der Mond hat so viele Vorteile, weil er wissenschaftlich spannend ist, weil er erreichbar ist und weil wir dort international zusammenarbeiten können. Deshalb ist der Mond für mich erst mal ein naheliegendes Ziel.

WIRED: Wie würde das „Lunar Village“ aussehen?
Wörner: Ein Dorf entsteht, wenn verschiedene Menschen zusammenkommen, jeder seine Fähigkeiten mitbringt und man dann eine Einheit gründet. Genau das planen wir: Verschiedene Länder sollen sich unterschiedlich einbringen, ob das nun robotische oder astronautische Aktivitäten sind. Der eine sagt vielleicht: Ich will Rover fahren lassen und Untersuchungen machen. Der andere will aus dem Mondstaub mit dem 3D-Drucker Strukturen schaffen. Wir wollen eine Gemeinschaft auf dem Mond aufbauen, bei der man voneinander abhängig ist und gleichzeitig total offen für alle Länder dieser Erde und private Nutzer ist.

Ein Modell des „Lunar Village“, das die ESA auf dem Mond bauen will

WIRED: Werden also bald Touristen über den Mond spazieren?
Wörner: Ich spreche zunächst einmal über die Einbindung von privaten Unternehmen. Aber es gibt auch schon Interessenten, die Urlaubsreisen auf den Mond anbieten wollen. Das möchte ich überhaupt nicht ausschließen, die Verbindung von Forschung und einer späteren Nutzung durch den Otto Normalverbraucher ist ja üblich.

WIRED: Oft ist in diesem Zusammenhang die Rede von „Jan Wörners Moon Village“, als ob es sich dabei um Ihr Privatprojekt handeln würde.
Wörner: Es ist richtig, dass man Ideen mit einer Person verbindet. Aber das ist nicht meine persönliche Spielwiese. Meine Rolle als ESA-Generaldirektor verlangt, dass ich derartige Ideen auf den Tisch bringe.

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WIRED: Aber wer wird sich denn außer der ESA noch am Dorf auf dem Mond beteiligen?
Wörner: Es gibt weltweit Interessenten. Die NASA hat zum Beispiel gesagt, dass sie zwar zum Mars will, aber einen Zwischenstopp in der Nähe des Mondes trotzdem spannend fände. Auch die Chinesen haben ihr Interesse bekundet. Das Entscheidende ist, dass es ein gemeinsames Projekt ist. Die Welt braucht das.

WIRED: Wieso?
Wörner: Die – wie man so schön sagt – geopolitische Bedeutung von internationalen Projekten ist sehr wichtig. Gerade in Zeiten internationaler Spannungen, ist es wichtig, dass man auch Themen hat, mit denen man Krisen überbrücken kann. Wissenschaft, speziell die Raumfahrt, kann das perfekt.

WIRED: Bis wann wollen sie das „Moon Village“ realisieren?
Wörner: Die Internationale Raumstation ist derzeit bis 2020 abgesichert. Ich hoffe, dass wir sie bis 2024 verlängern können – dazu muss sich aber auch Europa noch bekennen. Das heißt, in zehn Jahren sollte schon klar sein, was wir danach machen. Und wenn es zum Mond geht, sollte man das in den nächsten Jahren auch entsprechend vorbereiten. Aber wenn wir uns gemeinsam einigen, direkt zum Mars zu fliegen, ist mir das auch recht. Nur nicht erst 2040, das wäre mir zu spät. Wir müssen den Menschen auch etwas anbieten, das in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren passiert.

Ich habe überhaupt gar keine Angst davor, dass Elon Musk vielleicht schneller ist

WIRED: Und wenn Elon Musk bis dahin schon seine Marsstation aufgebaut hat?
Wörner: Ich habe überhaupt gar keine Angst davor, dass Elon Musk vielleicht schneller ist. Zum Mars zu fliegen, ist nicht so schwierig. Das Schwierige ist, dort auch bleiben zu können und wieder zurückzukommen. Aber wenn Elon Musk schneller ist, dann werden wir sicherlich auch mit ihm gemeinsam was machen.

WIRED: Das heißt, private Unternehmen wie SpaceX oder Blue Origin sind für die ESA keine Konkurrenz?
Wörner: Überhaupt nicht. Ich glaube, dass das der Raumfahrt gut tut. Wir sind längst aus den Kinderschuhen des Prestigedenkens und des Wettbewerbs herausgewachsen. Raumfahrt ist mittlerweile Infrastruktur, denken Sie nur zum Beispiel an TV- und Navigationssatelliten. Deshalb ist die Kooperation von privater und öffentlicher Seite von mir aus herzlich willkommen.

WIRED: Die ESA wird von ihren Mitgliedsstaaten finanziert. Was können Sie besser als private Unternehmen wie SpaceX?
Wörner: Normalerweise machen Unternehmen nur etwas, wenn sie sich davon einen Gewinn versprechen. Eine private Einrichtung würde nicht einfach nur für den Erkenntnisgewinn zahlen, um zu wissen, ob es Leben auf dem Mars gibt.

WIRED: Sie sprechen von den beiden ExoMars-Missionen der ESA. Glauben Sie, dass die tatsächlich Leben auf dem Mars finden werden?
Wörner: Auf jeden Fall gibt es dafür genügend Hinweise, sodass man sich entschieden hat, zwei Missionen zu starten. Das würde man nicht machen, wenn man Leben auf dem Mars ausschließen würde. Der Mars hatte mal eine schöne, stabile Atmosphäre, die Temperaturen waren gemäßigt, es gab flüssiges Wasser. Das macht den Mars zu einem gutem Kandidaten für die Entwicklung von Leben.

Der ExoMars Rover der ESA

WIRED: Warum ist die Frage, ob es Leben auf dem Mars gibt, so faszinierend?
Wörner: Weil es eine der Grundfragen ist, die sich die Menschen schon immer stellen: Sind wir alleine im Universum? Wenn wir auf dem Mars – und damit schon in unserem Sonnensystem – so etwas wie Leben finden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass im Universum intelligentes Leben existiert.

WIRED: Der Weltraum scheint die Menschen auch wieder zu begeistern. Wie erklären Sie sich das?
Wörner: Das ist schon immer so. Der Weltraum gehört zwar mittlerweile zur Infrastruktur, aber er liegt außerhalb unserer normalen, täglichen Erfahrung. Das fasziniert die Menschen. Ich finde das gut. Neugier ist eine herausragende Eigenschaft, die uns aus der Höhle heraus, auf andere Kontinente geführt und zu Erfindungen aller Art gebracht hat.

Ich halte es für ein Problem, wenn man permanent nach dem unmittelbaren Return on Investment fragt

WIRED: Trotzdem gibt es immer wieder Kritik an der Finanzierung von Raumfahrtorganisationen. Menschen fragen: Lohnt es sich, Millionen für eine Kometensonde auszugeben?
Wörner: Ich halte es für ein Problem, wenn man permanent nach dem unmittelbaren Return on Investment fragt. Das ist das größte Problem unserer Gesellschaft, das sehen wir auch jetzt gerade in der Debatte um die Flüchtlinge. Wir müssen langfristiger denken und dazu gehört, der Wissenschaft entsprechende Möglichkeiten zu geben. Junge Leute sind begeistert von der Wissenschaft und das brauchen wir. Sie müssen wieder Träume haben und nicht sagen: Wir haben Terrorismus, wir haben den Klimawandel, wir haben die Migration, wir haben eine Weltwirtschaftskrise – es lohnt sich eigentlich gar nicht mehr, sich anzustrengen. Außerdem ist es ja nicht so, dass Erkenntnisse oder Technologien aus der Raumfahrt nie nützlich sind.

WIRED: So gesehen, welchen Nutzen hatte die Rosetta-Mission, die jetzt bald zu Ende geht?
Wörner: Rosetta ist als rein wissenschaftliche Mission gestartet, um den Kometen Tschurjumow-Gerassimenko zu untersuchen. Zuvor lautete eine Theorie, dass das Wasser auf der Erde vielleicht von Kometen stammen könnte. Dank Rosetta und Philae wissen wir jetzt: Diese Art von Komet war nicht alleine dafür verantwortlich. Da können Sie jetzt natürlich sagen: Was hilft mir das in meinem täglichen Leben? Ja, das hilft Ihnen nicht. Aber die Kamera, die an Bord war, kann mehr als 16000 Grautöne unterscheiden. Diese Technologie ist für Tschurjumow-Gerassimenko entwickelt worden, weil Kometen grau sind. Auf der Erde kann man sie aber nutzen, um auf Fotos zu entscheiden, ob das ein Waldbrand ist oder vielleicht nur Wasserdampf. Neugier hat ihren Wert. Grundlagenforschung, also rein von der Neugier getriebene Wissenschaft, führt häufig zu neuen Ergebnissen, die unser Leben massiv verändern. Und selbst wenn sie nichts verändern, dann finde ich es immer noch faszinierend, zu wissen: Woher kommt das Wasser auf der Erde? Gibt es Leben auf dem Mars? 

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