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2018 könnte das Jahr der starken Erdbeben werden

Anna Schughart 01.12.2017

Zwei Wissenschaftler sagen: Zwischen der Geschwindigkeit der Erdrotation und dem Auftreten starker Erdbeben gibt es einen Zusammenhang. Müssen wir deshalb nächstes Jahr mit mehr schweren Erdbeben rechnen?

„Ich denke schon“, sagt Rebecca Bendick. Zusammen mit ihrem Kollegen Roger Bilham hat die Wissenschaftlerin die aufgezeichneten Erdbeben der vergangenen hundert Jahre untersucht und dabei einen spannenden Zusammenhang entdeckt.

Unsere Erde dreht sich nicht immer gleich schnell. Sie bremst etwa alle 30 Jahre über einen Zeitraum von mehreren Jahren etwas ab – dann werden die Tage ein bisschen länger – und nimmt dann wieder Geschwindigkeit auf. Bendick und Bilham behaupten nun: Auf Perioden, in denen die Erde langsamer wird, folgen mehr starke Erdbeben. Wie kann das sein?

Zuerst einmal gehen die beiden Wissenschaftler von einem Modell aus, das sich „weak coupling“ nennt. Dabei nimmt man an, dass sich Erdbeben über lange Zeiträume hinweg synchronisieren, erklärt Torsten Dahm vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam. Denn Erdbeben, so die Theorie, an der auch Dahm forscht, brechen nicht komplett spontan und ohne Vorbereitung aus.

Stattdessen müssen sich die Spannungen an den Plattengrenzen nach einem Ereignis erst einmal wieder aufbauen. Durch ein neues Erdbeben am Plattenrand bauen sich die Spannungen dann wieder ab. „Sie tun das in dem Modell von Bendick und Bilhelm für weit voneinander entfernte Starkbeben aber nicht unabhängig voneinander, sondern es gibt zwischen solchen Ereignissen eine schwache Wechselwirkung“, sagt Dahm. Aus diesem Grund, sagen Bendick und Bilhem, gibt es Stellen, die sehr ähnliche „Erneuerungsintervalle“ haben, zu einem ähnlichen Zeitpunkt also „reif“ für ein Erdbeben sind.

Bendick und Bilham haben mehrere Cluster in den Erdbebendaten der vergangenen hundert Jahre entdeckt, Zeiten in denen sich bestimmte starke Erdbeben häufen. Eine Möglichkeit, das zu erklären: Veränderungen in der Geschwindigkeit, mit der die Erde rotiert. Denn die Erdbeben „fühlen“ nicht nur einander, sondern auch das Bremsen und Beschleunigen der Erde, sagt Bendick. „Die Erdbeben werden aber nicht wirklich durch das Beschleunigen oder das Abbremsen erzeugt.“ Der Vorgang ist etwas komplizierter.

Er betrifft vor allem Spannungen, die sich schon zuvor aufgebaut haben. Wenn die Erde langsamer wird, verändert sich auch ihre Form ein bisschen „Diese winzigen Formveränderungen sind ausreichend, um einige zusätzliche Ereignisse auszulösen, die schon bereit sind, zu geschehen“, sagt Bendick. Erdbeben, die also sowieso aufgetreten wären, passieren etwas früher. Dadurch wird die Phase danach etwas ruhiger. Die Veränderungen in der Rotation der Erde beschleunigt oder verzögert demnach das Timing von 15 Prozent Erdbeben, die sowieso passiert wären, schreiben Bendick und Bilham.

Das klingt vielleicht nicht nach viel. Aber die beiden Wissenschaftler gehen dabei von Erdbeben mit einer Magnitude von sieben oder größer aus. Ein Erdbeben der Stärke 7,3 hatte vor ein paar Wochen in der Grenzregion zwischen Iran und Irak mehr als 400 Menschen das Leben gekostet. Eine solche Häufung von starken Erdbeben, zwar nicht konkret vorhersagen zu können (denn wo und wann genau die Erdbeben auftreten, weiß weiterhin niemand), aber zumindest für eine bestimmtes Jahr antizipieren zu können, wäre hilfreich. Und wenn Bendick und Bilham recht haben, dann könnte 2018 so ein Jahr sein.

Denn die Erde wird seit einigen Jahren wieder langsamer. 2018 wird sie dabei das Minimum erreicht haben, bevor sie wieder Geschwindigkeit aufnimmt. Damit ist dann auch gleichzeitig das Maximum der Erdverformung erreicht – und die Wahrscheinlichkeit für schwere Erdbeben wäre am höchsten. Vorausgesetzt natürlich, die These ist richtig.

Denn selbst daran, dass Erdbeben überhaupt mit einer gewissen Periodizität auftreten, gibt es Zweifel – auch wenn das die gängige Annahme ist. „Es gibt auch Theorien, die davon ausgehen, dass die Plattengrenzen kein Gedächtnis haben“, sagt Dahm. Dann wären alle Erdbeben rein zufällig. Auch das lässt sich nicht komplett ausschließen, denn die Seismologen haben ein Datenproblem. „Hundert Jahre an Daten sind für eine statistische Modellierung wenig“, sagt Dahm. Und das wiederum sei auch das größte Problem an der These von Bendick und Bilham: „Sie ist wissenschaftlich sehr interessant, aber sicher kein Grund zur Panikmache.“

„Mehr Daten wären besser und würden es uns erlauben, sicherer über das Muster zu sein und es auch auf kleinere Magnituden und längere Zyklen auszudehnen“, sagt auch Bendick. Das nächste Jahr könnte also eine gute Möglichkeit sein, die Theorie zu überprüfen und zu schauen, ob es mehr starke Erdbeben gibt. „Und wenn nicht: Nun, es schadet nicht, kleine Schritte zu unternehmen, um sich trotzdem auf Naturkatastrophen vorzubereiten“, sagt Bendick.