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Digital ist besser / Die nächsten 10 Jahre der re:publica

Johnny Haeusler 02.05.2016

Heute startet die re:publica in Berlin. Zum mittlerweile zehnten Mal dreht sich bei Europas wichtigster Digitalkonferenz alles um Technologie, Netz und Gesellschaft. Zum Jubiläum ist es Zeit für Retrospektive – aber was passiert in den kommenden zehn Jahren? WIRED-Kolumnist und re:publica-Mitgründer Johnny Haeusler wagt einen Blick in die Glaskugel.

Erst denkt man: Zehn Jahre re:publica, das ist ja ganz hübsch, aber so richtig lange ist es nun auch wieder nicht. Metallica gibt’s länger. Und Radiohead auch. Beginnt man aber zurückzudenken, merkt man schnell: In den vergangenen zehn Jahren Netzkultur hat sich einiges verändert. Eigentlich alles.

Alles wurde anders
Mit dem iPhone wurde 2007, im Jahr der ersten re:publica also, das erste Smartphone vorgestellt, was damals noch nicht so hieß. Im gleichen Jahr legte Twitter los, ein Jahr später folgten die ersten Android-Geräte. Facebook startete erst 2010 in Deutschland.

Das, was wir bis 2007 als Austausch in Foren und als Kommentar-Debatten in Blogs kannten, die Aggregation diverser Quellen via RSS, die Empfehlungen von Links per Mail und überhaupt das „Surfen“ im Web verschob sich in den folgenden Jahren fast völlig ins mobile Netz der sozialen und kommerziellen Plattformen. Mit der Einfachheit, der Zugänglichkeit und vor allem der geschickten Einkesselung von Inhalten und Personen der „Walled Gardens“, allen voran Facebook, fand der tatsächliche Mainstream seinen Weg ins Internet.

Suddenly: Snowden
Und dann kam Snowden. Seine Veröffentlichungen seit 2013 bewiesen vieles von dem, was man bis dahin lächelnd unter „Nerd-Verschwörungstheorien“ abgetan hatte. Nun war klar: Es lesen nicht nur ab und zu ein paar Regierungsbehörden ausgewählte Netzinhalte mit. Sondern sie speichern und überwachen alles. Irgendwo stehen in einer Wüste auf tausenden Quadratkilometern Server voller gesendeter und empfangener Emojis.

Das freie und auch immer etwas anarchische Netz war schwer verwundet. Es lag am Boden. Netz-Utopisten mit besten Absichten und Hoffnungen verstummten vorübergehend. Online und offline versuchten Demonstrationen und Petitionen dem Überwachungsstaat Paroli zu bieten, die Notwendigkeit von individueller Verschlüsselung wurde gepredigt.

+++ Interview mit re:publica-CEO Andreas Gebhard: „Es ist egal, ob 5000 Besucher kommen oder 10.000“ +++

Nur: Es interessierte fast niemanden, ganz im Gegenteil. In sozialen Netzwerken zog eine Hemmungs- und Respektlosigkeit ein, die bis dato in bestimmten Netzecken zwar alles andere als unbekannt, in solch öffentlicher Form jedoch ein Novum war. Unter Klarnamen schaukeln sich seit geraumer Zeit Rassisten und andere Menschenfeinde in ihrem Hass gegenseitig hoch, starten verbale Angriffe auf Andersdenkende und bedrohen Individuen. Das Netz als Ort des freien Denkens, der Wissensvermittlung, der Information und der Empathie ist in manchen Gegenden zu einem Sammelpunkt für Ewiggestrige und ihren Hass geworden.

Und nun?
Dieser Schnelldurchlauf durch einen Teil der vergangenen zehn Netzjahre wirft die Fragen auf: Was kommt als nächstes? Wie geht es weiter? Was werden die nächsten zehn Jahre bringen? Ich will mich bei meinen Antwortversuchen nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, aber eigentlich muss man nur die aktuelle Lautstärke ein wenig aufbrechen, um ein paar gar nicht so gewagte Prognosen zu erdenken.

Internet. Überall Internet.
Zugang zum Internet wird in zehn Jahren überall auf der Welt vorhanden sein, Facebook oder Google, irgendeine neue Firma oder alle zusammen werden dafür sorgen. Durch Satelliten oder Drohnen oder Einhorn-Magie, was weiß ich. Ich gehe davon aus, dass mir in den kommenden Jahren ein bisheriger Nicht-Provider endlich wirklich schnellen Zugang zum Netz verschaffen wird und nicht die Telekom, die es seit sechs Jahren nicht für nötig hält, mir mitten in Berlin VDSL anzubieten.

Geschlossene Social Networks
Es geht ja schon los. WhatsApp, Instagram, Snapchat und andere Dienste werden in geschlossenen Kreisen von denen genutzt, denen nicht Massen-Likes, sondern die Unterhaltung von und mit Freunden oder Bekannten am Herzen liegen. Die genannten und kommende Netzwerke werden zunehmend auf verschlüsseltem Weg Daten austauschen, um das Vertrauen ihrer Kunden nicht zu verlieren.

Offenere Social Networks wie Facebook in seiner aktuellen Version werden daran nicht zugrunde gehen, aber sie werden wie öffentliche Plätze und Straßen sein, während die geschlossenen Dienste das Zuhause, den Club, das Private im Netz abbilden. Google, Facebook, Apple und andere Big Player wissen das und investieren entsprechend. Vielleicht werden bestimmte Funktionen Geld kosten, so dass wir bezahlen werden, um endlich unsere Ruhe vor Werbung und Datenweitergabe zu haben.

Law and Order
Die gerade beschriebene Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen in Sachen Strafverfolgung. Attacken, Beleidigungen, Drohungen und andere Rechtsbrüche im öffentlichen Netz werden immer konsequenter verfolgt und geahndet werden, Hausdurchsuchungen nach Facebook-Postings gibt es schon jetzt, nachlassen wird das nicht. In privateren Räumen mag mehr möglich sein, aber längst nicht alles.

So, wie in Verdachtsmomenten und bei Gefahrszenarien Hausdurchsuchungen und andere staatliche Eingriffe in unser Leben möglich sind, werden sich Legislative, Exekutive und Judikative auch die Möglichkeit und die Legitimation zur digitalen Staatsgewalt sichern. Demokratische Prozesse werden daher wichtiger denn je sein, wer zur Wahl steht und wen wir wählen, erhält immer mehr Gewicht. Es werden neue Parteien entstehen, die keine rechten Vollpfosten sind. Den Untergrund wird es immer geben, auch in Digitalien.

Natürlich mobil, natürlich drahtlos
Strom wird kabelunabhängig, es genügt, sich in der Nähe einer Ladestation aufzuhalten. Die mitgeführten Devices laden sich auf, während sie in der Tasche oder am Körper bleiben. Anfangs führt das zu absurd-komischen Szenen. Wie damals, als wir auf der Suche nach Mobiltelefon-Empfang waren. Stationäre Computer sieht man nur noch auf Ämtern. Und in Schulen natürlich.

VR wird AR wird MR
Ein paar Hardcore-Gamer und Porno-Junkies werden sich schwere VR-Devices um den Schädel schnallen, für den Mainstream wird die ganze Sache aber erst richtig spannend, wenn die Brillen leicht und durchsichtig sind und Realität und CGI tatsächlich miteinander verschmelzen. Aus Virtual Reality wird Augmented Reality wird Mixed Reality (MR). In zehn Jahren, vielleicht auch etwas früher, werden wir soweit sein.

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Dann staunen Touristen am Checkpoint Charlie über die dramatischen Szenen, die sich vor ihren Augen abspielen, und wir schauen uns beim Cappuccino-Trinken vor dem Café entspannt an, wie früher Pferdekutschen durch unsere Straßen fuhren. An den Schulen werden natürlich immer noch Geschichtsbücher gelesen, denn die Verträge mit den Schulbuchverlagen laufen noch bis zum Jahr 2317 und die Landesregierungen konnten sich noch nicht auf Anpassungen der Curricula einigen. Ach ja: Alle werden Brillen tragen. Denn MR-Kontaktlinsen brauchen noch zehn Jahre länger.

Wir schauen uns wieder an
MR-Brillen ersetzen einige der Funktionen unserer aktuellen Smartphones. Im Moment halten wir uns die Smartphones zum Snapchatten vors Gesicht und schauen dabei eigentlich alle Zuschauerinnen und Zuschauer an, oder aber wir sprechen Nachrichten für Freunde. Sobald die Foto- und Videofunktionen leichter und unauffälliger Brillen über ausreichende Qualität verfügen und Daten direkt vor uns projizieren, schauen wir nicht mehr auf unsere Handflächen, sondern auf unser Gegenüber.

Oder ins vermeintlich Leere. Das wird dann wieder ein bisschen gruselig und unsere jetzigen Teenager-Kinder, die dann vielleicht schon Eltern sind, werden sich um die Entwicklung ihres Nachwuchses sehr sorgen. Aber die Partys, die aus den Blickwinkeln aller Gästen dokumentiert und nur privat und verschlüsselt geteilt werden, werden lustig sein.

Und Zeitungen?
Auf Papier gedruckte Tageszeitungen werden tatsächlich sterben. Wochenzeitungen, Fachmagazine und Bücher aber nicht. Ganz im Gegenteil.

Letzte Woche bei „Digital ist besser“: Leute bei Konferenzen blöd finden ist okay

Die re:publica findet vom 2. bis 4. Mai 2016 in Berlin statt. Die WIRED-Berichterstattung zur Konferenz findet ihr hier

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