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Gesichtserkennung? Johnny Haeusler holt schon mal den Alu-Hoodie

Johnny Haeusler 19.04.2017

Es sei doch nur ein Test, sagen die, die am Berliner Bahnhof Südkreuz mit Gesichtserkennung experimentieren. Unser Kolumnist sieht das anders: „Es ist, als würde man einem voll besetzten Schnellzug dabei zusehen, wie er auf eine Mauer zu rast“, schreibt er. Man halte sich letztlich die Augen zu, „denn aufhalten kann man das Desaster nicht mehr“.

Vielleicht hört mein Smartphone mich ab. Ich habe zwar die automatische Erkennung von Sprachbefehlen abgeschaltet – bei Apples iOS heißt es „Hey, Siri!”, bei Googles Android Ok, „Google!” und nur bei Amazons Alexa bellt man ein unfreundliches „Alexa!” durch den Raum, um die Geräte zu aktivieren – aber man weiß ja nie. Jedenfalls hatte ich schon oft das merkwürdige Gefühl, dass mir mein Glastelefon nach einem Gespräch mit Freunden (so richtig mit sich angucken und im gleichen Raum zur gleichen Zeit zu viel trinken) genau die Werbung oder Themen präsentiert, über die wir gerade gesprochen haben. 

Wie ein auf eine Mauer zu rasender Schnellzug

Und nun weiß ich nicht, was schlimmer ist. Dass ich so etwas vermute, ahne oder mir einbilde – oder dass es mich nicht mehr überraschen würde, wenn es tatsächlich so wäre. Denn ich fürchte, dass ich den bereits bestehenden oder in naher Zukunft kommenden Zustand der gesellschaftlichen Komplettüberwachung durch Technologien längst akzeptiert habe.

Nicht, weil ich diesen Zustand toll oder ansatzweise „normal” finde. Sondern weil ich seit Jahren hilf- und ratlos dabei zusehe, wie sich Expert*innen unterschiedlicher Professionen und Richtungen die Köpfe heiß reden und die Finger wund tippen, während sie sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen im digitalen Zeitalter auseinandersetzen, und wie es dabei Regierungen, Geheimdienste, Konzerne und andere Großentscheidungsträger schaffen, sich genau gar nicht dafür zu interessieren. Es ist, als würde man einem voll besetzten Schnellzug dabei zusehen, wie er auf eine Mauer zu rast: Man hält sich lieber die Augen zu, denn aufhalten kann man das Desaster nicht mehr.

In Bezug auf das gewählte Bild ist tragischer Weise der Berliner Bahnhof Südkreuz ein weiteres Beispiel für den stattfindenden Kontrollwahn. Dort soll zunächst mit Freiwilligen (die vermutlich nicht aus dem Kreis der Mitarbeiter*innen des BKA stammen) ein Test mit Überwachungskameras durchgeführt werden, die auch Gesichter und Verhaltensmuster erkennen und analysieren können.

Gibt es dazu schon Umfragen?

Nun ist die Sache mit den Überwachungskameras nicht ganz so einfach, wie man denken könnte. Die Zustimmung für mehr Überwachung scheint in der Berliner Bevölkerung groß zu sein und gibt neuen und erweiterten Maßnahmen offenbar Rückhalt. Immerhin gab es einige Fälle, in denen schwere Delikte durch Kamerabilder aufgeklärt werden konnten.

Wie omnipräsente Kameras, noch dazu mit Gesichtserkennung und Verhaltensanalyse, aber auch auch auf unser aller Verhalten Einfluss haben werden oder schon haben, beschreibt Sascha Lobo (hier) sehr anschaulich, und dazu gibt es meines Wissens noch keine Umfragen. Ebenso wenig wie für andere Nutzungsmöglichkeiten der Technologien oder die Pläne der Deutschen Post, ihren Kunden via Gesichtserkennung personalisierte Werbung anzubieten, ohne diese Kunden darüber zu informieren oder gar ihre Zustimmung einzuholen.

Catch-22

„Just because you’re paranoid doesn’t mean they aren’t after you” – Nur, weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Dieser viel zitierte Satz aus Joseph Hellers Roman „Catch–22” wird in Angesicht der Entwicklungen täglich bitterer. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die schnell aufgeben, doch in Anbetracht der erwähnten und vieler anderer Vorhaben im Zusammenhang mit Kontroll- und Überwachungstechnologien bleibt mir statt des Glaubens an einen rechtzeitigen Stopp dieses ganzen Irrsinns als positiver Ausblick nur die Hoffnung und die Vorbereitung auf den Umgang damit.

Die Modebranche reagiert schließlich bereits mit „Stealth Wear”, also „Tarnkappen-Bekleidung”, erste echte Produkte sind dem Vernehmen nach trotz hoher Preise ausverkauft. Und da wir wissen, dass Technologien auch fehleranfällig sind, gibt es vielleicht einen Markt zur Verwirrung von Erkennungssystemen durch Makeup oder gar für einen kompletten Gesichtstausch.

Die Qual der Wahl

Schwer zu sagen, was nun gruseliger ist – die rundum stattfindende Überwachung der Bevölkerung oder die Aussicht auf ein Leben mit Gesichtsmaske und Alufolien-Hoodie. Wirklich vermeidbar scheint nichts davon mehr zu sein. Die Zukunft ist hier, meine Damen und Herren. Sie ist nur nicht ganz so paradiesisch, wie wir gehofft haben.

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