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Welcher Plan steckt hinter der Zyklus-App Clue?

Juliane Görsch 22.01.2018 Lesezeit 6 Min

Die Zyklus-Tracking-App Clue soll Frauen ein Gefühl für die Vorgänge in ihrem Körper geben. Im Interview mit WIRED spricht Gründerin Ida Tin über ihre Mission, das Tabu um die Menstruation aufzubrechen.

Das Dachgeschoss-Büro in einem Hinterhof in Berlin Kreuzberg wirkt genau so wie man sich ein ein junges Startup vorstellt: In der Mitte des Raumes befindet sich eine Liegewiese mit Kissen und bunten Lampen, um die herum Arbeitsplätze angeordnet sind. Gleich gegenüber der Eingangstür befindet sich eine Vitrine, in der alle Mitarbeiter als kleine 3D-Figuren verewigt sind. Die 55 Mitarbeiter des Startups Clue arbeiten hier an der Zyklus-Tracking-App Clue.

Die funktioniert im Grunde wie ein gewöhnlicher Zyklus-Kalender. Die Nutzerin trägt ein, wann die Monatsblutung beginnt, wann sie aufhört und welche Begleiterscheinungen sie feststellen kann. Daraus berechnet die App, wann sie mit ihrer nächsten fruchtbaren Phase, PMS-Symptomen und Menstruation rechnen kann.

Neben Angaben zu Menstruationskrämpfen und Stimmungsschwankungen können Frauen ihr Sozialelleben, eingenommene Medikamente, Gewicht, Zustand von Haut und Haaren und weitere Informationen eingeben. Dazu gibt es Informationen aus wissenschaftlichen Studien, die erklären, was die einzelnen Angaben mit der Menstruation zu tun haben könnten. Mit diesem Konzept hat sich Clue in einer Studie des American College of Obstetricians and Gynecologists die die Spitzenposition unter den getesteten Zyklus-Apps gesichert. Über fünf Millionen Nutzer – vorrangig aus den USA, aber auch Deutschland – nutzen die App nach Angaben des Startups.

Gründerin Ida Tin spricht im Interview mit WIRED über ihre Mission, die Verantwortung beim Sammeln so vieler privater Daten und das immer noch Tabuthema Menstruation.

WIRED: Wie hat sich die Unterhaltung über den weiblichen Körper und Menstruation geändert, seit du Clue 2013 gegründet hast?
Ida Tin: Na, es gibt jetzt überhaupt eine Unterhaltung. Ich denke nicht, dass das vor fünf Jahren der Fall war. Und nicht nur wegen unserer Arbeit. Es ist ein globaler Wandel, ein kultureller. Fast schon eine Bewegung.

WIRED: Woran machst du das fest?
Tin: Es gibt ein paar Momente, die herausstechen. Die Gruppe von Frauen, die während ihrer Monatsblutung ohne Tampon oder Binde einen Marathon rannten. Oder die Tennisspielerinnen, die darüber sprachen, wie die Menstruation ihre Leistung beeinflusst. Davon abgesehen wandelt sich die Haltung allmälig zu: Warum sollte ich mich dafür schämen?

WIRED: Kann Clue also zu so einem Wandel beitragen?
Tin: Für mich geht das Thema um so viel mehr als nur Menstruation. Es geht mir darum, Menschen in Einklang mit ihren Körpern zu bringen. Es ist ja oft so, dass die Welt diese Realität ignoriert und wir uns ihr anpassen müssen. Wenn ich mit Menschen über Clue rede, geht es ziemlich schnell darum, wie wir ihnen dabei helfen können, ein erfülltes Leben zu führen. Die App ist nur ein möglicher Weg. Sie kann uns bei der Entscheidung helfen, wann wir das Meeting ansetzen sollten und wann lieber nicht. Welche Tage gut dafür sind, Sport zu treiben. In Zukunft kann sie auch helfen, Dinge zu verstehen, die wir heute noch nicht vestehen können. Für wie viele Jahre kann ich schwanger werden? Was ist mein Brustkrebsrisiko? Was ist die beste Verhütungsmethode für mich?

WIRED: Die App-Stores sind voll von Apps zur Empfängnisverhütung. Zählt Clue auch dazu?
Tin: Nein! Es ist keine Verhütungs-App. Wir wollten ursprünglich eine Hardware-Lösung finden, die fruchtbare Phase eindeutig zu bestimmen. Dafür sollten Hormonlevel im Speichel gemessen werden, die während des Zyklus fluktuieren.

WIRED: Was wurde aus der Idee?
Tin: Irgendwann wurde uns klar, dass wir nicht das richtig Team sind. Die Technologie war auch noch nicht so weit. Außerdem haben wir begriffen, dass es noch so viel mehr unbeantwortete Frage gibt. Es ist zwar erstrebenswert Frauen zu helfen, nicht schwanger zu werden. Aber es gibt noch so viel mehr Bedürfnisse. Wie hängen meine Kopfschmerzen mit dem Zyklus zusammen? Was passiert mit meinem Sexualtrieb? An welchen Tagen habe ich fettigere Haut?

WIRED: Andere Apps versprechen aber genau das: eine digitale Verhütungsmethode zu sein.
Tin: Die schwedische App Natural Cycle ist die erste App, die offiziell als digitale Verhütungsmittel zertifiziert wurde. Das Startup wurde jetzt von einem Krankenhaus verklagt, weil fünf Prozent der Abtreibungen von Userinnen der App kamen. Ich glaube also nicht, dass die Technik schon so weit ist. Aber ich bin mir sicher, wir kommen dahin.

WIRED: Wie geht ihr mit den wirklich persönlichen Daten um, die User euch geben?
Tin: Unser Leitprinzip ist: Welchen Vorteil haben die User davon? Das ist im Grunde alles. Wir teilen die Daten mit niemandem außer Forschungspartnern, etwa von der Stanford Universtät oder dem Kinsey Institut. Big Data kann etwas wundervolles sein. Allerdings nur, wenn wir sie im Interesse der User nutzen. Ich möchte nicht darauf verzichten, Daten zu sammeln, nur weil sie potenziell missbraucht werden können. Wenn wir es nicht tun, macht es womöglich jemand anderes mit weniger ethischen Standards.

WIRED: Unn wenn Krankenkassen oder Pharmahersteller an den Daten interessiert sind?
Tin: Tatsächlich sind auch auch schon Krankenkassen an uns heran getreten. Aber wir sind nicht in Dialog mit ihnen getreten. Es ist auch schwierig und eine ziemlich große ethische Frage. Ich denke, wir müssen einfach nur sehr transparent mit den Usern kommunizieren. Wir müssen ihnen sagen: Das ist, was du uns gibst und das bekommst du dafür zurück. Es muss ein offener Dialog sein. Manchmal müssen wir die User auch informieren. Was bedeutet Big Data? Was passiert mit ihren Daten?

Tatsächlich sind auch auch schon Krankenkassen an uns heran getreten

WIRED: Wie hat sich das Nutzerfeedback dazu mit der Zeit geändert?
Ida: Es gibt zwei entgegengesetzte Meinungen, die gerade herrschen. Es gibt eine Gruppe von Nutzern, die immer mehr verstehen und fordern, dass wir verantwortungsvoll mit ihren Daten umgehen. Und dann gibt eine zweite, womöglich größere, Gruppe, die sich daran gewöhnt hat, die eigenen Daten gegen kostenlose Dienste zu tauschen.

WIRED: Wenn ihr die Nutzerdaten nicht verkauft, wie verdient Clue dann Geld?
Tin: Noch werden wir von Investorengelder finanziert. Wir haben also keinen Druck, bald herauszufinden, wie wir Clue monetarisieren. Ich hoffe, wir haben Erfolg und müssen nicht zu suboptimalen Methoden greifen. Das wäre zum Beispiel, Anzeigen zu schalten. Ich glaube daran, dass es Menschen verstehen wollen, was in ihrem Körper vorgeht. Und dass sie dafür auch bereit sind, zu bezahlen.

WIRED: Was sind die zukünftigen Pläne für Clue?
Tin: Ich möchte, dass wir durch unser Produkt in Austausch mit den Usern kommen. Die User erzählen uns etwas über ihren Körper und wir versuchen ihnen, etwas zurückzugeben. Basierend auf ihren persönlichen Daten, den kollektiven Daten, aber auch wissenschaftlichen Erkenntnissen. Ich würde diesen Dialog gerne ausbauen, damit wir noch viel mehr Fragen beantworten können.