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Waipu, Zattoo oder Magine: Internet-TV im WIRED-Test

Juliane Görsch 19.04.2017

Wer nach dem Ende von DVB-T ohne neue Antenne, Satellitenschüssel oder Kabel weiter fernsehen will, kann auf Internet-TV umsteigen. WIRED hat die drei großen Anbieter getestet: Zattoo, Magine TV und Waipu.tv.

Vor allem in Städten war DVB-T bisher immer eine denkbar einfache Möglichkeit fernzusehen. Es gab keine laufenden Kosten und eingerichtet war der terrestrische Empfänger schnell. Zugegeben, die Antenne mit ihren herunterbaumelnden Kabeln sah unschön aus und der Empfang war nicht überall optimal. Seit Anfang April hat sich das aber sowieso erledigt.

DVB-T ist tot, lang lebe DVB-T 2: Der neue Antennen-TV-Standard in HD, mit noch mehr Programmen, zugleich aber noch mehr Kabeln, einem zusätzlichen Gerät und monatlichen Gebühren. Wer auf Umrüsten keine Lust hat, Kabelfernsehen zu teuer findet oder keinen Satelliten-Anschluss möchte, kann jetzt auf Internetfernsehen umsteigen.

Zattoo, Magine TV und Waipu.tv präsentieren sich dabei als moderne und kostengünstigere Alternative zu den webbasierten Angeboten von Telekom, Vodafone und 1und1. Die drei Web-TV-Angebote unterscheiden sich aber oft nur in den kleinen, aber wichtigen Zusatzfeatures. Meist bieten sie neben linearem Fernsehen auch On-Demand-Inhalte oder das Aufnehmen von Sendungen an. Getestet haben wir sie auf einem Amazon-FireTV-Stick.

Mit welchem Gerät funktionieren sie?
Wer den Komfort von Netflix, Amazon Prime und Mediatheken gewohnt ist, für den ist die Umstellung auf Web-TV intuitiv. Die Streams können auf fast allen Geräten empfangen werden. Smartphone-Apps für iOS und Android gehören zur Grundausstattung bei allen drei Anbietern, Chromecast und Fire-TV ebenso. Wer aber nach offiziellen Anwendungen für den eigenen Smart-TV oder Apple-TV sucht, wird dagegen seltener fündig. Allein Zattoo bietet Streams auf Samsung-Geräten an. Für Apple-TV-Nutzer bleibt nur die Auswahl zwischen Zattoo und Magine TV.

Was kriegt ihr für euer Geld?
Die monatlichen Kosten bewegen sich stets im Rahmen von On-Demand-Diensten wie Netflix oder Maxdome. Für das kleinste Paket bei Magine TV zahlt man nur 2,99, das teuerste Paket gibt es von Waipu.tv für 14,99 Euro. Je nach Anbieter unterscheidet sich die Anzahl und Auswahl der Sender aber erheblich. Magine TV setzt auf flexible Pakete, die sich jeder so zusammenstellen kann, wie er es braucht. Neben dem Standard-Paket mit allen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern, gibt es auch Tarife mit Pay-TV-Kanälen für Sport, Filme & Serien (auch mit Original-Ton in Englisch). So viel Live-TV-Auswahl bieten die anderen Dienste nicht. Zattoo hat als einziges Extra eine Reihe von internationalen Sendern im Angebot – vorrangig aus Osteuropa – sowie die On-Demand-Anbieter Netzkino und Daredo. Bei Waipu fehlen solche Zusatzangebote komplett, dort gibt es nur 60 Free-TV-Sender. Ab 1. Mai wird dort allerdings auch der Gaming-Sender Rocketbeans.tv dazu kommen.

Wie gut sind die Apps?
Im WIRED-Test schnitt die App von Waipu am besten ab. Die kurze Verzögerung beim Umschalten kann mit herkömmlichem Fernsehen locker mithalten. Möglich macht das ein eigenes Glasfaser-Netzwerk von Waipu. Mehr als 12.000 Kilometer hat der Anbieter Exaring verlegt und bringt das Programm mithilfe von Partnern wie Vodafone und Telekom zu den Nutzern. Die Umschaltzeiten von Zattoo und Magine fielen dagegen deutlich ab. Als es während unseres Tests eine Netzstörung bei Vodafone gab, fielen die beiden Anbieter dann sogar aus. Waipu setzt des HD-Programm unbeirrt fort.

Im WIRED-Test schnitt die App von Waipu am besten ab

Ebenfalls durchdachter ist die Steuerung per Smartphone-App von Waipu. Auf dem Smartphone kann man über kleine Vorschaubilder der laufenden Sendungen wischen, bis das gewünschte Programm gefunden ist. Danach schickt man es mit einem Wisch nach oben zum Gerät. Das funktioniert auch, wenn der Fernseher im Stand-by-Modus ist oder eine andere App auf ihm geöffnet ist. Für Leute, die sowieso immer am Smartphone hängen, ist das die ideale Lösung. Die Steuerung per App und Fernbedienung gleichzeitig ist jedoch nicht möglich. Ab und zu brach die Verbindung zwischen Fernseher und Smartphone allerdings zusammen. Man „waipte” vergeblich – so der Neologismus für die Funktion.

Magine TV und Zattoo sind auf Amazons FireTV nur für die Steuerung mit Fernbedienung optimiert. Deren Smartphone-Apps sind eher als Second-Screen zu begreifen, damit die laufende Sendung während des Gangs zur Toilette nicht pausiert werden muss.

Wer bietet welche Zusatzfeatures?
Mit einer Reihe von Zusatz-Features versuchen die Anbieter sind voneinander abzuheben. Im Zeitalter des nicht-linearen Fernsehens, ist dabei ein On-Demand-Angebot für viele Nutzer mit am wichtigsten. Was bei Zattoo mit „7-Tage-Replay” beworben wird, beschränkt sich auf die Sender von 7TV, also ProSieben, Sat.1, Kabel eins und deren Spartenkanäle. Öffentlich-rechtliche Inhalte gibt es nicht. Dafür ist weiterhin ein Besuch in den Mediatheken notwendig.

Magine TV arbeitet nach eigenen Aussagen daran, Rechte für das zeitversetzte Sehen zu bekommen. Bisher gibt es nur Nischensender, darunter DMAX, Tele 5 und nickelodeon. Christoph Urban, Deutschland-Chef von Magine, sagte gegenüber WIRED, dass On-Demand und die Pause-Funktion bald für die meisten Sender verfügbar sein würden.

Waipu bietet On-Demand auf eine andere Art: Nutzer können laufende und zukünftige Sendungen aufnehmen und in der Cloud speichern. Neben allen öffentlich-rechtlichen schließt das auch einige private Sender mit ein. Im Basic-Paket für 4,99 Euro dürfen 10 Stunden aufgezeichnet werden, im Premium-Paket stehen 50 Stunden Cloud-Speicher zur Verfügung. Ist dieser voll, müssen alte Sendungen gelöscht werden. Aufnahmen können allerdings nur über die Smartphone-App programmiert werden, über den FireTV geht das nicht.

Zattoo hat als Marktführer weiterhin das größte On-Demand-Angebot

Ob eine bestimmte Funktion bei einem der drei Anbieter vorhanden ist, hängt stets von den Rechten ab, die eingekauft wurden. Sei es Zurückspulen, Pausieren, Aufnehmen oder On-Demand, je nach Sender ist das mal vorhanden oder nicht. Das ist frustrierend, vor allem, wenn ausgerechnet der Lieblingsfilm dann nicht aufgenommen oder pausiert werden darf.

Alles in allem schnitt Waipu in unserem Test am besten ab. Der Dienst zeigte die innovativsten Ansätze und präsentierte sich auch technisch ausgereift. Zattoo hat jedoch als Marktführer weiterhin das größte On-Demand-Angebot. Es stellt sich allerdings die Frage, ob man wirklich viele zweitklassige Mediatheken von Nischenanbietern braucht, wenn bereits für das Neo Magazin Royal in die ZDF-App gewechselt werden muss.

Der größte Vorteil von Magine TV bleibt, dass ohne Zusatzkosten auf bis zu fünf Geräten gleichzeitig gestreamed werden kann. Das lohnt sich vor allem, wenn sich eine WG oder eine Familie ein Abo teilt.

Die drei Anbieter im Überblick:

Zattoo
WIRED: großes On-Demand-Angebot / auf nahezu allen Plattformen verfügbar
TIRED: Aufnahme- und Restart-Funktion nur in der Schweiz verfügbar / anfällig für Netzstörungen

Magine TV
WIRED: große Flexibilität und Senderauswahl / Streaming auf fünf Geräten parallel möglich
TIRED: nur wenige Zusatzfunktionen

Waipu.tv
WIRED: praktische Aufnahmefunktion für viele Sender / innovative Steuerung per App / resistent bei Netzstörungen
TIRED: kein On-Demand-Service

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